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«Man muss warten, bis die Nationalisten aussterben»

Erstellt von skenderbegi, 09.06.2008, 01:59 Uhr · 10 Antworten · 1.146 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von skenderbegi

    Registriert seit
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    Beitrag «Man muss warten, bis die Nationalisten aussterben»

    08. Juni 2008, 23:14 «Man muss warten, bis die Nationalisten aussterben»

    Schluss mit den Teilungen! Der serbische Schriftsteller Bora Cosic zeigt sich skeptisch über die Zukunft der jugoslawischen Nachfolgestaaten.
    Mit Bora Cosic sprach Martin Ebel



    In Ihrem neuen Buch «Die Vogelklasse» haben Sie die Schulklasse als Bild des Lebens gewählt: den Menschen als Gefangenen in Raum und Zeit. Haben Sie so schlechte Erinnerungen an die eigene Schulzeit?

    Jeder hat schlechte Erinnerungen an die Schulzeit. Aber die Gefangenschaft in der Schule ist immerhin eine fröhliche Gefangenschaft. Alles, was dort passiert, ist noch nicht «richtig», sondern nur eine Generalprobe für das Leben.



    Ihre Literatur bezieht sich auf die politisch-gesellschaftliche Lage in Jugoslawien. Jetzt gibt es den Staat und das Regierungssystem nicht mehr. Wie hat sich das auf Ihr Schreiben ausgewirkt?

    Leider gibt es das System immer noch. Der weiche Sozialismus ist von einem harten Nationalismus abgelöst worden, der immer noch wirksam ist, und die Schwächen des Systems ziehen sich bis heute durch.

    Sie sind ein Schriftsteller ohne Staat. Auch ohne Land? Wo fühlen Sie sich zugehörig?

    Mir sagen Begriffe wie Heimat und Vaterland nicht viel. Ich fühle mich ja auch nicht als Vertriebener, bin kein Emigrant wie Solschenizyn oder Brodsky. Ich habe Jugoslawien 1992 verlassen, weil ich es dort nicht mehr aushalten konnte. Wichtig ist mir, dass ich irgendwo normal leben und schreiben kann.



    Wie ist das sprachlich? Früher sprach man Serbokroatisch; jetzt legen Serbien und Kroatien Wert darauf, Serbisch und Kroatisch zu unterscheiden. Was schreiben Sie?

    Ich schreibe noch immer dasselbe wie früher: drei Viertel Serbisch mit einem Viertel kroatischen Wörtern – und alle verstehen mich!
    Sie leben in Berlin und in Rovinj, an der kroatischen Küste. Ist Serbien für Sie keine Option mehr?

    Belgrad ist schön, ich fahre gern dorthin, aber nicht, um zu bleiben. Ich gehe dort hin wie in ein Museum der Erinnerung, als würde ich mich in einem früheren Leben besuchen. Was ich also vermisse, ist nicht ein Ort, sondern eine Zeit: eine kreative, lebendige, gute Zeit, als ich mit vielen Autoren befreundet war, die ebenfalls ihre besten Jahre hatten.

    Sind Ihre Bücher dort in den Buchhandlungen vorrätig, werden Sie gelesen?

    «Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution» war Schullektüre, ob das jetzt noch so ist, weiss ich nicht. Kinder lesen ja ohnehin nicht mehr so viel wie damals. Als Theaterstück war die «Rolle» 30 Jahre lang verboten, jetzt darf es wieder gespielt werden. Meine Bücher erscheinen nach und nach wieder.



    Gibt es ein literarisches Leben über die Einzelstaaten hinaus?

    Während des Krieges waren alle Kontakte abgebrochen. Jetzt knüpfen sie sich zum Glück wieder – zwischen jenen, die nicht dem Nationalismus verfallen waren. Das sind zum Glück die Besten; Leute, die etwas zu sagen haben. Es gibt ein neues Dreieck des Austauschs zwischen Belgrad, Zagreb und Ljubljana. Und in Sarajevo erscheint die wichtige Zeitschrift «Sarajevo Notebook», ein Podium für Schriftsteller aus allen Teilen Jugoslawiens. Paradox ist, dass die Zirkulation von Büchern bürokratisch behindert wird. Meine «Reise nach Alaska» musste in Zagreb extra von einem kroatischen Verlag neu herausgegeben werden. Und der Zoll macht die Bücher teuer, zu teuer.


    Der Wahlkampf in Serbien war hässlich, jener in Mazedonien gewalttätig. Ein Zeichen, dass Politiker und Wähler noch nicht reif für Europa sind?

    Reif für wirtschaftliche Beziehungen, aber politisch noch nicht. Noch nicht einmal reif für normale Beziehungen untereinander – weil sie mit sich selbst noch nicht im Reinen sind. Sie haben sich noch nicht mit der Vergangenheit auseinander gesetzt – nicht mit dem Was und nicht mit dem Warum. Es gibt durchaus Kräfte, die an einer solchen Aufarbeitung arbeiten, aber die sind schwach. Es gibt Bürgerrechtler, die Begegnungsstätten betreiben wie das «Zentrum für geistige Dekontamination» in Belgrad. Aber sie haben noch wenig Wirkung.



    Serbien wirkt tief gespalten. Trotz des Wahlsieges der demokratischen Kräfte um Staatspräsident Tadic: Die Hälfte der Bevölkerung scheint rückwärts gewandt, nationalistisch, europafeindlich. Muss man die einfach abschreiben, oder sind es Verführte, die man überzeugen kann?

    Ich fürchte, man muss warten, bis die Nationalisten aussterben – oder mindestens, bis sie keinen Einfluss mehr haben. Auch Tadics Bewegung ist übrigens tief gespalten und laviert zwischen richtiger Demokratie und der Denkweise des alten Regimes.

    Jugoslawien ist zerfallen in viele Staaten, von denen einige nicht lebensfähig sind und nur dank europäischen Soldaten und Geldern existieren. Was haben diese Staaten langfristig für eine Perspektive?

    Die neuen Staaten sind in einem sehr unterschiedlichen Stadium. Von Slowenien, einem normalen europäischen Land, ein bisschen langweilig sogar, bis Mazedonien, wo noch die Köpfe rollen. In Serbien, was von aussen betrachtet immer sehr dramatisch wirkt, gibt es solche Zustände nicht mehr. Kosovo und Montenegro leiden unter schrecklicher Korruption. Da ist es noch ein weiter Weg bis zur Normalität. Am schwersten hat es Bosnien. Das funktioniert als ganzes Land nicht. Aber Bosnien ist auch ein Modell für das ganze ehemalige Jugoslawien, eine Art Knoten: Wird der nicht gelöst, wird die ganze Region nicht funktionieren.



    Sollte man Bosnien nicht teilen? Das Land ist in mehrere Teile gespalten, die sich gegenseitig blockieren.

    Das wäre auf den ersten Blick ein pragmatischer Weg, aber für mich eine entsetzliche Entwicklung, auch ein Präzedenzfall: Reisst man Bosnien auseinander, käme Kosovo mit den serbischen Gebieten als Nächstes, und so weiter. Es wäre auch ein schlechtes Beispiel für Europa, wo es auch andere Länder mit Minderheitenproblemen gibt. Es muss mal Schluss sein mit den Teilungen. Man muss lernen, mit Unterschieden zu leben, und Gemeinsamkeiten über die Ethnien hinaus pflegen.



    Ein grosses Problem ist immer noch das Nationalitätenproblem. Alle Staaten sind multiethnisch mit starken Minderheiten, es wird aber stark nationalistisch, ja völkisch gedacht.

    Der Nationalismus ist die schlimmste Krankheit im jugoslawischen Raum. Es sitzt noch sehr tief und prägt die Menschen in einer vormodernen Weise. Das kommt auch von der langen Isolation. Heute ist es wichtig, dass junge Leute reisen, dass sie Stipendien bekommen. Dann sind sie nicht so anfällig für Nationalismus.



    Für viele Menschen gibt es jetzt nichts Wichtigeres als die Fussball-Europameisterschaft. Wie ist das bei Ihnen? Fiebern Sie mit der kroatischen Mannschaft mit?

    Ich interessiere mich sehr für Fussball, aber eher für die gewissermassen geometrische Seite des Spiels, die kombinatorische Kunst. Wer gewinnt, ist mir egal – ich bin frei von allem, was sich in nationalen Gefühlen äussert.
    Das Interview wurde gedolmetscht von Lidija Klasic.
    Bora Cosic

    Geboren 1932 in Zagreb (heute Kroatien), lebte Bora Cosic bis 1992 in Belgrad, das er wegen der nationalistischen Politik von Slobodan Milosevic verliess. Heute lebt Cosic in Berlin und im kroatischen Küstenort Rovinj. Er hat über 50 Bücher geschrieben, das wichtigste ist wohl «Die Rolle meiner Familie in der Weltrevolution» (deutsch 1994). Im Jahr 2002 erhielt er den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung. Cosic war im Rahmen einer Lesung im Literaturhaus in Zürich. (TA)



    «Man muss warten, bis die Nationalisten aussterben» - Bücher - Tages-Anzeiger


    dieser mann hat einen weitblick ....
    dazu ist er mutig nennt die dinge beim namen.
    bleibt stehts ein realist jedoch nicht hoffnungslos auf bessere zeiten.

  2. #2
    Avatar von Rane

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    scheint ein cooler typ zu sein!

  3. #3
    Avatar von Hercegovac

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    Das wäre auf den ersten Blick ein pragmatischer Weg, aber für mich eine entsetzliche Entwicklung, auch ein Präzedenzfall: Reisst man Bosnien auseinander, käme Kosovo mit den serbischen Gebieten als Nächstes, und so weiter. Es wäre auch ein schlechtes Beispiel für Europa, wo es auch andere Länder mit Minderheitenproblemen gibt. Es muss mal Schluss sein mit den Teilungen. Man muss lernen, mit Unterschieden zu leben, und Gemeinsamkeiten über die Ethnien hinaus pflegen.

    Der macht sich ja ganz leicht.Meiner Ansicht nach herrschen in Bosnien nicht nur kleine Minderheitenprobleme und gemeinsam zu leben, wie er es so sagt, ist für alle Zeit unmöglich.

  4. #4
    Avatar von meko

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    Zitat Zitat von Kapetan-Frenki Beitrag anzeigen
    Der macht sich ja ganz leicht.Meiner Ansicht nach herrschen in Bosnien nicht nur kleine Minderheitenprobleme und gemeinsam zu leben, wie er es so sagt, ist für alle Zeit unmöglich.
    hä???

    bitte nochmal

  5. #5
    Avatar von Hercegovac

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    15.011
    Zitat Zitat von meko Beitrag anzeigen
    hä???

    bitte nochmal

    haha lol oh der hat doch gesagt, wir sollen zusammen leben, alles belassen wie es ist und meint dazu Bosnien hätte "nur" Minderheitenprobleme.Bosnien hat nicht nur Minderheiten, es ist ein geteiltes Land, das einzige was uns vebindet ist die Landkarte.

  6. #6
    Avatar von meko

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    Zitat Zitat von Kapetan-Frenki Beitrag anzeigen
    haha lol oh der hat doch gesagt, wir sollen zusammen leben, alles belassen wie es ist und meint dazu Bosnien hätte "nur" Minderheitenprobleme.Bosnien hat nicht nur Minderheiten, es ist ein geteiltes Land, das einzige was uns vebindet ist die Landkarte.
    na klar sind es minderheitenprobleme.
    die serben und kroaten bilden die minderheiten

  7. #7
    Avatar von Zurich

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    Zitat Zitat von meko Beitrag anzeigen
    na klar sind es minderheitenprobleme.
    die serben und kroaten bilden die minderheiten
    Nein. Serben und Kroaten sind in BiH keine nationale Minderheit, sondern ein konstitutives Volk. => Verfassung!
    Minderheiten in BiH sind Roma, Juden,....etc...

  8. #8
    Avatar von Hercegovac

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    Zitat Zitat von Zurich Beitrag anzeigen
    Nein. Serben und Kroaten sind in BiH keine nationale Minderheit, sondern ein konstitutives Volk. => Verfassung!
    Minderheiten in BiH sind Roma, Juden,....etc...

    Genau..Theoretisch gesehen haben alle drei Ethnien, gleiche Rechte.Fehlt nur noch, dass die Kroaten offiziel ihr Stück vom Kuchen abbekommen.Dnn ist Bosnien völlig geteilt und nix mit zusammen leben.

  9. #9
    Avatar von skenderbegi

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    Zitat Zitat von Kapetan-Frenki Beitrag anzeigen
    Der macht sich ja ganz leicht.Meiner Ansicht nach herrschen in Bosnien nicht nur kleine Minderheitenprobleme und gemeinsam zu leben, wie er es so sagt, ist für alle Zeit unmöglich.

    Sollte man Bosnien nicht teilen? Das Land ist in mehrere Teile gespalten, die sich gegenseitig blockieren.

    Das wäre auf den ersten Blick ein pragmatischer Weg, aber für mich eine entsetzliche Entwicklung, auch ein Präzedenzfall: Reisst man Bosnien auseinander, käme Kosovo mit den serbischen Gebieten als Nächstes, und so weiter. Es wäre auch ein schlechtes Beispiel für Europa, wo es auch andere Länder mit Minderheitenproblemen gibt. Es muss mal Schluss sein mit den Teilungen. Man muss lernen, mit Unterschieden zu leben, und Gemeinsamkeiten über die Ethnien hinaus pflegen.

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    es wäre natürlich von vorteil würde man das gelesene auch verstehen.

    hier gehts darum das sollte sich bosnien spalten dann auch in europa und in anderen länder mit minderheitenproblemen die konflikte sich schüren würden.

  10. #10
    Avatar von Hercegovac

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    Zitat Zitat von skenderbegi Beitrag anzeigen
    Sollte man Bosnien nicht teilen? Das Land ist in mehrere Teile gespalten, die sich gegenseitig blockieren.

    Das wäre auf den ersten Blick ein pragmatischer Weg, aber für mich eine entsetzliche Entwicklung, auch ein Präzedenzfall: Reisst man Bosnien auseinander, käme Kosovo mit den serbischen Gebieten als Nächstes, und so weiter. Es wäre auch ein schlechtes Beispiel für Europa, wo es auch andere Länder mit Minderheitenproblemen gibt. Es muss mal Schluss sein mit den Teilungen. Man muss lernen, mit Unterschieden zu leben, und Gemeinsamkeiten über die Ethnien hinaus pflegen.

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    es wäre natürlich von vorteil würde man das gelesene auch verstehen.
    hier gehts darum das sollte sich bosnien spalten dann auch in europa und in anderen länder mit minderheitenproblemen die konflikte sich schüren würden.
    Du denkst wahrscheinlich an Spannien,Russland,Georgien etc etcc....

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