Und die Italiensche Mafia Verbindung zu Dukanovic, ist sowieso bestens dokumentiert.

MONTENEGRO

Die Gräben werden tiefer

Aus Podgorica berichtet Renate Flottau

Zehn Monate vor dem Referendum über die Unabhängigkeit Montenegros von Serbien spitzen sich die Konflikte in dem Küstenstaat zu. Schmuggler und Kriminelle nutzen die fragile Situation im Land der Schwarzen Berge aus, um ihre dunklen Geschäfte abzuwickeln.


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Montenegros Adriaküste: Tourismus ist der einzig ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor im Land
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Montenegros Adriaküste: Tourismus ist der einzig ernstzunehmender Wirtschaftsfaktor im Land
Podgorica - Seit sieben Jahren lebt der Metropolit Mihailo, das Oberhaupt der autokefalen montenegrinischen Kirche, isoliert am Stadtrand von Cetinje. Im Keller seines Hauses findet sich eine kleine Behelfskirche. Eine kleine Schar Priester steht ihm zur Seite, die sich den Zugang zu den Kirchen in der Regel mit Faustkämpfen erstreiten müssen. "Wenn ich das Haus ohne Begleitschutz verlasse, drohen mir Prügel und möglicherweise sogar ein Attentat" sagt Mihailo.

Zwar wurde die autokefale montenegrinische Kirche mittlerweile offiziell bei den Behörden registriert, doch die bis dahin zuständige serbisch-orthodoxe Kirche mit Sitz in Belgrad denkt nicht daran, ihr Primat über die Gläubigen in der Küstenrepublik kampflos aufzugeben. Seither tobt der Zuständigkeitskampf zwischen den beiden Kirchen - und ihre Oberhäupter sparen dabei nicht mit Schmähungen: Der 66-jährige Mihailo nennt seine Kontrahenten, Metropolit Amfilohija, der ebenfalls in Cetinja residiert, einen Kriegsverbrecher. Dieser wiederum vermutet in der christlichen Konkurrenz eine mafiöse Vereinigung von Dieben und Hochstaplern.

Hoffen auf das Referendum im Februar 2006

Gespalten ist nicht nur die Kirche. Auch innerhalb der Bevölkerung vertiefen sich die Gräben, seit die jetzige Führung der kleinen Küstenrepublik mit gerade mal 680.000 Einwohnern kompromisslos die Unabhängigkeits-Strategie verfolgt.

:Montenegros Premier Milo Djukanovic hofft dabei auf ein Referendum im Februar 2006.Dann läuft die dreijährige Frist aus, die Montenegro seit 2003 aufgrund der vereinbarten serbisch-montenegrinischen Staatenunion an Serbien bindet.

Eine Gemeinsamkeit, die damals von Brüssel erzwungen und deshalb von der Regierung in Podgorica weitgehend boykottiert wurde: mit einem Staat im Staat, der unter anderem seine eigene Außen-, Zoll- und Währungspolitik betrieb und unlängst sogar eine eigene Armee ankündigte. Montenegriner seien eine eigene Nation, heißt eines ihrer Argumente. Schließlich sei das "Land der Schwarzen Berge" bereits 1878 vom Berliner Kongress als Staat anerkannt worden.

Ganz anders sieht es die größte Oppositionspartei - die Sozialistische Volkspartei, die den "proserbischen Block" anführt. Für sie sind Montenegriner ein serbisches Hirtenvolk und demzufolge ethnische Serben.

Wie schwierig die nationale Grenzziehung ist, bestätigt auch die ethnische Familienchronik des jetzt vor dem Haager Kriegstribunal angeklagten ehemaligen Serbenführers Slobodan Milosevic. Der aus Montenegro stammende Slobodan hatte sich zum Serben erklärt, sein Bruder zum Montenegriner, Tochter Marija legte ihre "serbische Staatsbürgerschaft" aus Protest gegen die Auslieferung des Vaters ab und lebt heute im montenegrinischen Cetinja. Dort lässt sie die Messen für Großvater Svetozar bei Metropolit Mihailos autokefaler Kirche lesen.

Würde es heute zu einem Volksentscheid kommen, könnte Umfragen zufolge keine Seite mit einem sicheren Sieg rechnen. Die von der EU gesetzten Richtlinien fordern eine Wahlbeteiligung von 50 Prozent plus eine Stimme. Doch 25 Prozent der Stimmberechtigten bleiben erfahrungsgemäß solchen Abstimmungen fern. Weitere 30 Prozent der Bevölkerung bezeichneten sich bei einer Volkszählung im November 2003 als Serben.

Angst vor einem Scheitern des Referendums hat vor allem die Küstenregion. Denn neben Aluminium, Holz, Wasser und Steinen sind das blaue Meer und die Strände der einzige ernstzunehmende Wirtschaftsfaktor im Land. Doch im Tourismus sind ausländische Kredite dringend nötig, um die brachliegende Infrastruktur zu erneuern. "Niemand wird uns Geld geben", sagt der Tourismusexperte Rade Coso, "wenn wir einem Land angehören, dessen ungelöste politische Probleme keine Sicherheit garantieren."

Was derzeit ohne Rücksicht auf infrastrukturelle Mängel rollt ist der Rubel. Für die reichen russischen Geschäftsleute ist kein Preis zu hoch, um an der 300 Kilometer langen montenegrinischen Adriaküste Häuser, Wohnungen und Hotels aufzukaufen. Der Verdacht, dass hier die russische Mafia ihre schmutzigen Gelder wäscht, ist begründet - beunruhigt aber niemand.

An solche Service-Leistungen ist man in Montenegro schließlich gewöhnt. Auch den Paten der italienischen Mafia hatten die diversen Regierungen in Podgorica Jahrzehnte lang großzügige Gastfreundschaft gewährt und ihnen teure Luxusvillen entlang der Küste zur Verfügung gestellt. Von dort bauten diese, gemeinsam mit montenegrinischen Kriminellen und unter stillschweigender Duldung der Politiker, ein Schmuggelnetz auf, das von Zigaretten bis Öl und letztlich sogar Menschenhandel in Europa seinesgleichen suchte.

Eine Hypothek, die jetzt vor allem Milo Djukanovic Ärger macht. Denn der einst vom Westen wegen seiner politischen Opposition zu Milosevic hofierte montenegrinische Premier gilt wegen seines Drängens auf Unabhängigkeit mittlerweile als Störfaktor der Brüssler Diplomatie. Die mit den Balkanproblemen überforderte Europäische Gemeinschaft möchte nämlich zuerst die Kosovo-Frage mit all seinen unvorhersehbaren Konsequenzen lösen, bevor sie weitere Grenzveränderungen absegnet.

EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn: Warnung vor einem Alleingang Montenegros
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AFP
EU-Erweiterungskommissar Olli Rehn: Warnung vor einem Alleingang Montenegros
Olli Rehn, Kommissar für die EU-Erweiterung, warnte bereits eindringlich vor dem Trugschluss, Montenegro würde im Alleingang schneller EU-Mitglied werden als im Schulterschluss mit Serbien.

Politische Torschlusspanik ist seither deutlich spürbar. "Brüssel bestimmt unsere Politik", sagt der Direktor der auflagenstärksten Zeitung "Vjesti", Zeljko Ivanovic: "Wir sind schon jetzt ein Quasi-Protektorat der EU."

Was das im Klartext bedeutet, daran kann sich der Vorsitzende der Liberalen Partei, Miodrag Zivkovic, noch deutlich erinnern: "Als es um die Zustimmung zur Union mit Serbien ging, hatten wir zahlreiche Gespräche mit dem EU-Beauftragten Javier Solana. Solche Brutalität habe ich in der Diplomatie noch nie erlebt."

http://www.spiegel.de/politik/auslan...353556,00.html