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Mostar - Geteilte Gefühle

Erstellt von Dinarski-Vuk, 21.12.2006, 01:10 Uhr · 6 Antworten · 773 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von Dinarski-Vuk

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    Mostar - Geteilte Gefühle

    Der Balkankrieg hat die Universität von Mostar gespalten, seitdem gibt es zwei: Eine für Bosnjaken und eine für Kroaten. So ist die Stadt zwar längst vereint, die Studenten aber sind es nicht. Doch einige von ihnen schaffen den Brückenschlag in der Mitte der Stadt. Von Juliane von Mittelstaedt

    Erst hat der Krieg Mostar in zwei Hälften geteilt, dann hat der Frieden die Stadt verdoppelt. Seitdem gibt es in diesem von der Sonne aufgeheizten Tal, eingezwängt zwischen den Karstbergen Bosnien-Herzegowinas, alles zweifach. Zwei Mobilfunknetze, zwei Busbahnhöfe, zwei Schulsysteme, zwei Krankenhäuser, zwei Müllabfuhren, zwei Fußballclubs und zwei Fernsehstationen. Einmal kroatisch im Westen, einmal bosnjakisch im Osten. »Mostar sollte damals im Krieg getrennt werden, und irgendwie ist es das immer noch«, sagt Djenita Ljevo. Die 24-Jährige studiert hier, genauer gesagt: Sie studiert an der bosnjakischen Universität. Denn natürlich gibt es auch zwei Universitäten in Mostar.

    Die eine liegt im mehrheitlich von muslimischen Bosnjaken bewohnten Osten, hat 7000 Studenten und nennt sich »Džemal Bijedić«. Manche Gebäude sind noch Ruinen, und in den Fluren hängen Fotos von den im Krieg getöteten Professoren und Studenten. Die andere, im Westen der Stadt, wo hauptsächlich christliche Kroaten leben, hat 12000 Studenten und versteht sich als einzige kroatische Universität in Bosnien-Herzegowina. Die eine wurde 1977 gegründet, die andere 1993. Doch welche von beiden die ältere und damit echte Universität von Mostar ist, darum gibt es Streit.

    Es war der 9. Mai 1993, als aus einer Universität zwei wurden. Kroatische Milizen patrouillierten durch den Westteil der Stadt, sperrten die bosnjakischen Männer ein, vertrieben Frauen und Kinder. Mit ihnen flohen Hunderte Professoren, Mitarbeiter und Studenten über den Fluss Neretva in den Ostteil der Stadt. Ein halbes Jahr fielen die Vorlesungen aus, erst im Winter eröffneten die Bosnjaken die Hochschule wieder, in halbzerstörten Militärbaracken. Vor dem Haupteingang steht jetzt das Wichtigste, was die Geflüchteten mitnehmen konnten: die Büste von Džemal Bijedić, einem muslimischen Politiker, nach dem die alte Universität 16 Jahre lang benannt war und der jetzt auch der neuen den Namen gibt.

    Elf Jahre ist der Krieg nun vorbei, und doch studieren gerade mal 300 Kroaten an der bosnjakischen Universität, nur eine Hand voll Bosnjaken an der kroatischen; genaue Zahlen will man dort nicht nennen. Natürlich dürfe jeder studieren, wo er wolle, beteuern die offiziellen Vertreter beider Seiten. Doch die Realität sieht anders aus. Es gibt kaum Austausch, obwohl es an Professoren mangelt; an Djenitas Germanistik-Fakultät lehren nur Gastprofessoren, die aus Sarajevo oder Tuzla kommen, die der kroatischen Universität reisen dagegen oft aus Kroatien an. Es gibt zwar ein »Internationales Zentrum« in der Mitte der Stadt, fast genau auf der ehemaligen Trennlinie, das von beiden Hochschulen betrieben wird. Doch obwohl die Studenten oft in Räumen lernen, von deren Decken im Winter das Regenwasser tropft, steht das gemeinsame, moderne Haus meist leer.

    »Alle reden immer von Kooperation, aber nichts passiert. Niemand hat anscheinend Interesse daran«, ärgert sich Djenita. »Und niemand macht den ersten Schritt.« Die Studenten, sagt sie, beschwerten sich zwar, doch fehle ihnen die Energie, etwas zu ändern. Während des Krieges war sie in Deutschland, seit acht Jahren ist sie zurück. Schwer sei es ihr am Anfang gefallen, nicht wegen der Zerstörungen, »sondern wegen der Teilnahmslosigkeit der meisten Menschen hier«.

    Jetzt steht sie auf dem höchsten Punkt der vor zwei Jahren neu aufgebauten Stari Most, genau dort, wo die alte Brücke am 8. November 1993 brach, in die Neretva stürzte und das Wasser rot färbte; blutrot, sagten hinterher viele. Djenitas apfelgrüner Rock weht im Wind, sie hat den Träger ihrer weißen Handtasche ums Handgelenk gewickelt. Sie wirkt wie ein Fremdkörper zwischen den Touristen in Shorts und den internationalen Soldaten, die den Frieden bewachen sollen; als suche sie noch immer ihren Platz in Mostar.

    Doch ein paar Steine und Mörtel reichen nicht zum Frieden. »Ich habe viele kroatische Freunde, aber irgendetwas steht noch immer zwischen uns«, sagt Djenita. Es ist die Erinnerung: an die kroatischen Soldaten, die ihrem Bruder die Pistole an den Kopf hielten, die Wohnung plünderten, den Vater gefangen nahmen und den Nachbarn töteten. »Mit einem Kroaten könnte ich niemals zusammen sein«, sagt sie. In ein paar Wochen wird sie heiraten, Raschid, einen Muslim; das Kleid, weiß und lang, ist schon ausgewählt. »Man soll sich nicht mischen«, sagt sie ernst und meint damit die Heirat – dabei gab es in Mostar so viele gemischte Ehen wie sonst nirgendwo auf dem Balkan, über 80 Prozent. Doch die neuen Grenzen gelten auch für die, die sie eigentlich überwinden wollen.

    Vor dem Krieg lebten Christen und Muslime, Kroaten und Bosnjaken in Mostar friedlich zusammen. Und so kämpften sie, als 1992 Bosnien-Herzegowina seine Unabhängigkeit von Jugoslawien erklärte, zunächst gemeinsam gegen die daraufhin einmarschierende jugoslawische Armee – bis die bosnischen Kroaten wenige Monate später die »Kroatische Republik Herceg-Bosna« mit Hauptstadt Mostar ausriefen. Unterstützt von der Armee des westlichen Nachbarlands Kroatien, begannen sie, die Muslime aus dem Westen Bosnien-Herzegowinas zu vertreiben. Plötzlich mussten sich die Bewohner von Mostar für eine Seite entscheiden: Kroaten oder Bosnjaken, Westen oder Osten der Stadt.

    Diese Aufteilung hält auch nach dem Friedensschluss von Dayton im November 1995 noch immer an, erst langsam lösen sich die Grenzen auf; und so lebt Djenita heute im Ostteil. Auch welche Sprache einer sprach, spielte früher keine Rolle; heute achtet hier jeder darauf, ob einer im Café »Kava« oder »Kafa« bestellt, obwohl Kroatisch und Bosnjakisch so ähnlich sind, dass die Wissenschaftler streiten, ob man überhaupt von zwei Sprachen reden darf.

    Überall wachsen jetzt die Kirchen und Moscheen in die Höhe, und auf dem Berg Hum haben die Kroaten ein riesiges Metallkreuz errichtet, das nachts über der Stadt leuchtet wie ein Sternenbild. »Ausgerechnet auf dem Berg, von dem aus die Kroaten die Stari Most zerstört haben«, empört sich Djenita. Die Angst des Krieges wurde ersetzt durch das Misstrauen des Friedens. An der Oberfläche scheint alles wieder in Ordnung. Doch darunter spürt man die Spannung; und manchmal bricht sie auch heute noch durch.

    »Wir haben billigen Schnaps getrunken, Joints geraucht und Actionfilme geguckt, dann sind wir losgezogen, um Kroaten zu verprügeln«, erzählt Benjamin, der seinen Nachnamen nicht nennen will, ein schmaler 20-Jähriger mit langen, dunklen Wimpern. »Wir wollten ihnen das antun, was sie uns angetan haben.« Sie trafen sich am Boulevard. Dort, wo im Krieg die Scharfschützen lauerten, kämpfen heute die Jugendlichen gegeneinander.

    Es ist der immergleiche Ablauf, und als Benjamin ihn beschreibt, klingt es wie ein Spiel: »Sobald es dunkel wurde, traf sich unsere Gang. Wir hingen da herum, und wenn ein Mann vorbeikam, fragten wir ihn nach der Uhrzeit. An der Antwort konnten wir erkennen, ob er Kroate war oder Bosnjake. Kroaten haben wir angepöbelt, beschimpft, dann ging die Schlägerei los.« Wenn Benjamins Gang einen Kroaten verprügelt hatte, dann verprügelten die Kroaten einen von ihnen. Irgendwann schlug auch Benjamin zu; zu hart, wie er sagt. Dann stieg er aus. Jetzt rollt er einmal die Woche im Jugendzentrum Abrašević den roten Teppich aus und stellt Stühle auf, und wenn es dunkel wird, spielt er den Da Vinci Code und französische Liebesfilme. Auch wenn gerade kein Film läuft, ist Benjamin immer im Abrašević zu finden, es ist seit drei Monaten sein Zuhause; er sagt, es habe sein Leben verändert.

    Die Stadt ist wie ein siamesisches Zwillingspaar, das sich ein Herz teilt, aber getrennte Arme, Beine und Köpfe hat. Die Köpfe, das sind die beiden Unis, doch das Herz ist das Jugendzentrum. »Wir sind der einzige Ort in Mostar ohne nationales Vorzeichen«, sagt Tina Ćorić. Die 27-Jährige mit strubbeligem Haar und »ungarischen, slawischen und kroatischen Vorfahren« hat das Zentrum mitgegründet und leitet es jetzt. Hier treffen sich die Studenten beider Universitäten und die Jugendlichen aus beiden Teilen der Stadt, und es ist egal, ob sie Serben, Kroaten oder Bosnjaken sind.

    Weil Schulen, Universitäten und Wohnviertel zwar nicht offiziell geteilt, aber doch durch eine unsichtbare Linie der Erinnerung getrennt sind, gibt es in Mostar nicht viele Gelegenheiten, sich zu treffen. Höchstens manchmal am Abend, wenn die Jungen in den Clubs an der Neretva zum Turbofolk tanzen, aber auch dann ist es eher ein Nebeneinander als ein Miteinander.

    Die Alten hätten die Gräuel des Kriegs hautnah miterlebt und könnten nicht vergessen, die heutigen Schüler würden von Anfang an getrennt voneinander aufwachsen, erklärt Tina. »Sie haben aus der Zeit vor dem Krieg keine Freunde von der anderen Seite und keine Möglichkeit, welche kennen zu lernen.« Die heutigen Studenten stünden genau dazwischen; sie seien die Einzigen, die die Gräben noch überbrücken könnten.

    Und so sind Tina und ihre Mitstreiter auf die Straße gegangen, um einen Ort wie diesen zu fordern, einen Ort, der offen ist für alle. Zwei Jahre haben sie gekämpft, vor einem Jahr sind sie hierher gezogen. Haben die von Kugeln durchsiebten Wände geflickt und das von Granaten zerfetzte Dach, unter dem jetzt Festivals stattfinden, Ausstellungen, Theateraufführungen und Konzerte. Am Abend spielt eine Band aus Frankreich im Hof, und die Scheinwerfer tauchen die pickligen Betonsäulen und Einschusslöcher in ein sanftes Licht.

    Die Zuschauer sitzen im Halbkreis um die Bühne, manche kommen jeden Tag, manche sind zum ersten Mal da. An diesem Abend ist Beban angekommen, der seit 15 Jahren mit dem Fahrrad den Balkan abfährt und dabei so viele Kilometer zurückgelegt hat, dass er auch einmal die Erde entlang des Äquators hätte umrunden können. In Mostar will er sich jetzt ein paar Tage ausruhen, bevor er weiterfährt. Unterwegs sein, sagt er, ist inzwischen zu seinem Lebensinhalt geworden; was als Flucht vor dem Krieg begann, ist zu einer Flucht vor dem Alltag geworden.

    Benjamin flüchtet nicht mehr, er hat im Jugendzentrum seine Ruhe gefunden. Jahrelang ist er mit seinen Eltern über den Balkan gereist, und wie viele aus seiner Generation ist er verloren gegangen im Kampf zwischen den Völkern. Bevor er ins Abrašević kam, sah er sich als Bosnjake, heute antwortet er auf die Frage, was er ist: »Mein Großvater auf der einen Seite ist Muslim, der auf der anderen Seite Jude, mein Vater ist Albaner.« Im nächsten Semester, sagt Benjamin, will er Archäologie studieren – und zwar an der kroatischen Universität in West-Mostar.

    Es ist das Jugendzentrum, das solche Grenzübertritte möglich macht. Eine Schutzzone mitten in der Stadt und so etwas wie die Schweiz Mostars: neutral, tolerant und dreisprachig. Erreichbar von beiden Seiten, nur ein paar Meter von der ehemaligen Front, dem breiten Prachtboulevard, entfernt. Und fast eine Revolution, bekämpft von den Stadtpolitikern, die das Projekt nicht gerne sahen. Das friedliche Zusammensein von Bosnjaken, Kroaten und Serben, so mutmaßten die Politiker, müsse auf dem Gebrauch von Drogen fußen.

    Dabei ist eher das Gegenteil wahr, nährt sich der Hass von Drogen, Alkohol und Aufhetzung. Wie während der Fußballweltmeisterschaft, als die Kroaten gegen die Brasilianer verloren und kroatische Jugendliche aus Mostar randalierend durch die Straßen zogen, Steine warfen und auf bosnjakische Passanten einprügelten. Mit wem man auch spricht: Jeder berichtet von diesem Vorfall. Denn auch wenn es diesmal noch glimpflich abgelaufen ist, beim nächsten Mal könnte es der Funke sein, der im Hitzekessel Mostar zur Explosion führt.

    Spätestens wenn im Oktober gewählt wird. Doch heute explodiert erstmal nur der Himmel über der Stadt, Wolken krachen aneinander, der Donner hallt an den Berghängen wie Geschützlärm, und Blitze zucken über den Dächern der Hochhäuser. Benjamin läuft den Boulevard entlang, der sich mit seinen ausgebrannten Ruinen noch immer wie eine Narbe mitten durch die Stadt zieht, markiert mit den Erkennungszeichen der Jugendbanden: Überall prangt das U mit den Haken und einem Kreuz darüber, es steht für den kroatischen Fußballclub Ultras, aber auch für die faschistische Kroatenmiliz Ustaša. Daneben der rote Stern des bosnjakischen Fußballvereins Rote Armee.

    »Hier traue ich mich nachts nicht mehr hin«, sagt Benjamin. Ab und zu nimmt er eine Abkürzung durch eine Ruine, in manchen liegen noch Munitionskisten und Sandsäcke, an einigen sind große Schilder angebracht: Achtung! Gefährliche Ruine! Dazwischen stehen ein paar neue Häuserblöcke in Bonbonfarben; riesige Tafeln werben für Bier, Durex-Kondome und Western Union. 75 Prozent der Gebäude wurden im Krieg zerstört, viele sind es noch immer, doch die Passanten laufen achtlos an den zerschossenen Häusern vorbei, aus deren Fenstern Äste ragen.

    Auch Boris Lukić ist ein Grenzgänger, er passiert den Boulevard fast täglich auf seinem Weg ins Jugendzentrum. »Ich bin Mostarer und Bürger von Bosnien-Herzegowina«, stellt sich der 31-Jährige vor, und erst wenn man nachfragt, erzählt er, dass er Kroate ist und an der Universität im Westen Mostars Grafikdesign studiert. Sein Vater arbeitet als Metallingenieur im Aluminiumwerk, dem einzigen Industriebetrieb der Stadt, der nach dem Krieg übrig geblieben ist. Und der seitdem angeblich nur Kroaten einstellt. Boris will darüber nicht reden, das sei Politik; und was ist Politik hier schon wert?

    »Die Nationalisten haben den Krieg gebracht, wie können sie jetzt den Frieden bringen?« Trocken sagt er: »Ich engagiere mich nur für mein Leben. Es gibt schließlich ohnehin niemanden, den man wählen kann, zu den Wahlen treten doch nur Nationalisten an.« Dann wippt Boris im Takt der Musik, die Franzosen singen noch immer. Er seufzt, er hat schon einmal ein paar Monate in Paris gelebt, jetzt will er wieder hin. »Bloß weg aus Mostar«, sagt er. Drei von fünf jungen Mostarern träumen vom Ausland, die Hälfte davon würde gerne für immer gehen.

    »Wie soll man hier auch leben? Alle meine Freunde sind arbeitslos und schlagen sich so durch«, sagt der Kunststudent und reibt seinen blonden Kinnbart. Jeder Zweite hier ist ohne Arbeit, unter den Jugendlichen sind es noch viel mehr. Sie leben wie Boris von ein paar Euro Taschengeld der Eltern, geben es aus für billige Drina-Zigaretten und in Plastikflaschen abgefüllten süßen Rotwein. Jobs gibt es nur beim Staat oder in den vielen Restaurants rund um die Stari Most, wo ein Kellner umgerechnet acht Euro verdient für sechs Stunden Arbeit; viele von ihnen haben einen Hochschulabschluss.

    »Wir sind die Verlierer«, sagt Boris. Es ist das beherrschende Gefühl seiner Generation: doppelt betrogen zu sein, um die Kindheit und die Zukunft. Bosnien-Herzegowina ist ärmer als Albanien, die Hoffnungslosigkeit laut einem UN-Bericht größer als in allen anderen Staaten des Balkans. Danach fragt Boris, so wie es alle nach ein paar Sätzen tun: »Und was denkt ihr von uns?« Als warteten sie darauf, dass ihnen endlich jemand sagt, was sie sind.

    »Viele hier haben den Glauben verloren, etwas ändern zu können«, sagt Armel Suković, ein Bosnjake, der an der Universität in Ost-Mostar Jura und Informatik studiert. Das soll anders werden, daher hat er Pokret Mladi gegründet, die erste Jugendpartei Bosnien-Herzegowinas, mit der er demnächst bei den landesweiten Wahlen antreten will. Eine Partei für alle Jugendlichen, egal ob Kroaten, Bosnjaken oder Serben. »Wir wollen Jugendliche und Studenten in die Regierung und die Unternehmen bringen, damit sie Einfluss auf die Politik nehmen.« Mehr als zwei Drittel der Wähler unter 30 haben beim letzten Mal nicht gewählt.

    »In der Politik spielt es immer noch eine Rolle, ob du Kroate bist oder Bosnjake. Ämter werden hier bestimmt nicht nach Kompetenz vergeben«, lacht Armel bitter. Wie ein Politiker sieht der 26-Jährige nicht aus, er ist klein, trägt die Haare kurz geschoren, dazu wadenlange Jeans und einen Diamanten im linken Ohr, und während er erzählt, fallen ihm die Augen zu. Er ist seit zwanzig Stunden unterwegs, gerade kommt er von einer Konferenz in Makedonien. Gleich noch ein offizielles Treffen, erklärt er, und danach brauche er eine Stunde mit seiner Freundin. Kurz nach Mitternacht ist er wieder da, sitzt vor seiner Lieblingsbar Patak am letzten Tisch und stopft Pizza mit Mayo, Ketchup und Senf in sich hinein. Ob er nicht müde sei? »Nein«, grinst er, »ich habe eine Extraportion Energie.« Die braucht er auch. Denn nebenbei arbeitet er für eine ausländische NGO und an seinem Traum, Tourismusunternehmer zu werden. Reisen, Hotels, Besichtigungen, das sei die Zukunft Mostars, schwärmt er.

    Nur der Wirtschaftsaufschwung könne die Spannungen zwischen Kroaten und Bosnjaken langfristig beseitigen. »Wenn es Wirtschaftsbeziehungen zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen geben würde, dann hätte niemand ein Interesse an einer Fortsetzung des Konflikts.« Doch anscheinend gibt es noch zu viele, die von dem schwelenden Konflikt und den verdoppelten Institutionen profitieren.

    Um diesen Teufelskreis zu durchbrechen, setzt sich Armel auch für die Kooperation zwischen den Studenten beider Universitäten ein. Was auf offizieller Ebene blockiert wird, das wollen sie selber anpacken. Mit Unterstützung des Jugendzentrums hat er für Jurastudenten beider Universitäten einen mehrtägigen Kurs organisiert, bei dem sie einen Prozess nachgespielt haben – nach anfänglichem Widerstand auch in gemischten Gruppen von Kroaten und Bosnjaken. »Aber gemeinsam im Zimmer übernachten? Da haben sie sich geweigert«, berichtet Armel. Nur zwei haben es schließlich gewagt. Sie sind heute Freunde.

  2. #2

  3. #3
    Avatar von Grobar

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    Re: Mostar - Geteilte Gefühle

    Zitat Zitat von Dinarski-Vuk
    Der Balkankrieg hat die Universität von Mostar gespalten, seitdem gibt es zwei: Eine für Bosnjaken und eine für Kroaten. So ist die Stadt zwar längst vereint, die Studenten aber sind es nicht. Doch einige von ihnen schaffen den Brückenschlag in der Mitte der Stadt. Von Juliane von Mittelstaedt
    Da ich nich im PF poste(aus protest verlassen) bin ich froh das es der Thread hier rein geschafft hat.

  4. #4
    Avatar von Dinarski-Vuk

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    Zitat Zitat von Lonsdale

  5. #5
    Avatar von Grobar

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    Ich hoff mal das die jungen Leute erfolg haben.
    scheinen echte Illyrer zu sein(kl. scherz).

    Waere echt schade wenn diese Perle Bosniens weiter so dahinvegetieren muesste.
    Erste grosse Fortschritte wird es wohl erst geben wenn sowohl RS als auch Foederation niedergerissen sind.
    Da machen einem die jungen Leute schon richtig mut..

  6. #6

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    Zitat Zitat von Grobar
    Ich hoff mal das die jungen Leute erfolg haben.
    scheinen echte Illyrer zu sein(kl. scherz).

    Waere echt schade wenn diese Perle Bosniens weiter so dahinvegetieren muesste.
    Erste grosse Fortschritte wird es wohl erst geben wenn sowohl RS als auch Foederation niedergerissen sind.
    Da machen einem die jungen Leute schon richtig mut..
    Bist du für die Auflösung von RS?

  7. #7
    Avatar von Grobar

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    Zitat Zitat von mi_srbi
    Bist du für die Auflösung von RS?
    JA!
    Allerdings nicht jetzt!
    Das koennte man unsern Leuten nicht logisch und emotional erklaern solange auch auf anderer Seite nicht ein wirklicher Wille zum zusammenleben existiert sondern allenfalls zur Doninanz der anderen Ethnie.
    Diese Jungen Leute(gibt es auch auf Serbischer seite) werden das allerdings hinbiegen.
    Schliesslich werden Sie von europa gut ausgebildet.
    Somit sollte es ihnen moeglich sein Luegen und Beinflussungen
    durch unsere neuen Herscher zu erkennen und sich irgendwann
    auch klar dagegen zu stellen.

    Stehen wir ihnen am besten nicht im Weg wenn es soweit ist.

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