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"Wir müssen den Balkan europäisieren"

Erstellt von lupo-de-mare, 10.05.2005, 20:13 Uhr · 1 Antwort · 355 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von lupo-de-mare

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    "Wir müssen den Balkan europäisieren"

    Zur Erinnerung: Die Bürger von Jugoslawien durften als Einzige früher ohne Visas von Ost bis West reisen. Ebenso vereinigten sie Vorteile des Sozialismus mit dem Kapitalismus.


    03. Mai 2005
    ----

    INTERVIEW MIT HANS KOSCHNICK

    "Wir müssen den Balkan europäisieren"

    Bundeskanzler Schröder besucht heute Sarajevo, das vor zehn Jahren in Trümmern lag. Inzwischen streben die Nachfolgestaaten Jugoslawiens in die EU. Doch bis zu einer "Europäisierung des Balkans" sieht der ehemalige Bosnien-Beauftragte der Bundesregierung, Hans Koschnick, noch einen weiten Weg.


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    DPA
    Hans Koschnick

    Der ehemalige Bremer Bürgermeister Hans Koschnick war von Juli 1994 bis März 1996 EU-Verwalter in der herzegowinischen Stadt Mostar. Von November 1998 an war er bis zur Abschaffung des Amtes Ende 1999 Bosnien-Beauftragter der Bundesregierung. Koschnick ist 76 Jahre alt.
    SPIEGEL ONLINE: 15 Jahre nach Beginn des Jugoslawien-Krieges ist die Situation in den ehemaligen Teilrepubliken heute sehr unterschiedlich. Slowenien ist EU-Mitglied, Bosnien und Herzegowina dagegen politisch sehr instabil. Nähern sich die Staaten einander an oder geht die Schere weiter auseinander?

    Koschnick: Der Zerfall Jugoslawiens hat nicht nur unabhängige Staaten hervorgebracht, sondern zugleich ein Herausdrängen aus dem Raum. Jedenfalls gilt das für Slowenien, das sich heute eindeutig als Alpenvorland versteht und sehr viel enger mit Friaul, Venetien und Österreich verbunden ist als mit Kroatien. Auf der anderen Seite drängt auch Kroatien jetzt auf Anschluss nach West- und Mitteleuropa. Dagegen steht Bosnien und Herzegowina immer noch unter der zwingenden Aufsicht der internationalen Gemeinschaft.

    SPIEGEL ONLINE: Die EU hat Kroatien wegen mangelnder Kooperationsbereitschaft mit dem Uno-Kriegsverbrechertribunal im Fall Ante Gotovina just in dem Moment die Tür vor der Nase zugeschlagen, als die Aufnahme von Beitrittsverhandlungen anstandt. Nehmen die Kroaten diese Warnung ernst?

    Koschnick: Sehr ernst. Das Problem der kroatischen Führung ist, dass ein Teil ihrer Anhänger in Gotovina den Helden sieht, der sie befreit oder beschützt hat. Eine Auslieferung würde zu großen inneren Verwerfungen führen. Andererseits: Wer nach Europa will, kann nicht nur zum ökonomischen Europa wollen, er muss auch die Werte dieses Europas akzeptieren.

    SPIEGEL ONLINE: Wie reif sind die Kroaten für die EU?

    Koschnick: Vom westlichen Kroatien bis Mitte Zagreb eindeutig reif, weniger im Grenzgebiet zu Bosnien und Herzegowina und zu Serbien und kaum in Dalmatien. Wir haben zwei unterschiedliche Bevölkerungsblöcke, bei denen der eine die Bereitschaft, mit Europa zusammenzugehen nur zeigt, wenn es um Tourismus und Verträge geht, aber nicht, wenn es darum geht, sich in die europäische Identität einzubinden.

    SPIEGEL ONLINE: In Bosnien und Herzegowina haben sich Bosniaken, Serben und Kroaten im Verlauf des Krieges innerhalb des Landes auf verschiedene, ethnisch relativ homogene Gebiete verteilt. Ist das die Voraussetzung für ein friedliches Bosnien und Herzegowina?

    Koschnick: Zu viele Bürger aus den Bevölkerungsgruppen, vor allem die Muslime, wohnen nicht dort, wo sie früher gewohnt haben. Von den mehr als zwei Millionen Flüchtlingen sind erst eine Million zurückgekehrt. Ein Teil will nicht zurück, der Rest hat noch keine neue Heimat gefunden und kann nicht in die alte Heimat, weil die Nachbarn, die an der Vertreibung beteiligt waren, es nicht zulassen. Wie europäisch der Balkan wird, hängt davon ab, ob wir es schaffen, aus Bosnien-Herzegowina einen stabilen Staat zu machen, in dem die drei Gruppen ihre kulturellen und regionalen Identitäten voll erhalten können, aber bereit sind, einem Gesamtstaat zu dienen.

    SPIEGEL ONLINE: Es gibt in Bosnien und Herzegowina mit der Serbischen Republik und der bosnisch-kroatischen Föderation zwei faktisch völlig voneinander getrennte Teilstaaten, die Wirtschaft ist äußerst schwach, Arbeitslosigkeit und Armut sind weit verbreitet. Ist die Perspektive auf einen EU-Beitritt ehrlich?

    Koschnick: Ja. Vorausgesetzt, die Vertreter von Serben, Bosniaken und Kroaten verständigen sich darauf, einen Gesamtstaat führen zu wollen und dafür zu sorgen, dass alle Menschen gleiche Chancen haben. Sonst wird niemand aus dem Ausland investieren. Wenn es gelingt, dann muss die Regierung aber auch alleine entscheiden können, ohne dass ein Hoher Repräsentant der internationalen Gemeinschaft alles aufheben kann.

    SPIEGEL ONLINE: Wann kann sich die internationale Gemeinschaft aus Bosnien und Herzegowina zurückziehen?

    Koschnick: Der Verbleib der Truppen ist absehbar, wenn es gelingt, die bisherigen drei Armeen so zu einen, dass nicht Kampfverbände gegeneinander stehen. In der Frage der Rechtsstaatlichkeit, der wirtschaftlichen Sicherung und des Verwaltungsaufbaus brauchen sie noch lange die Hilfe der Europäer.

    Keine neue Heimat: Holländische Uno-Soldaten beobachten einen Flüchtlingstrek nahe Srebrenica (im Juli 1995)
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    Keine neue Heimat: Holländische Uno-Soldaten beobachten einen Flüchtlingstrek nahe Srebrenica (im Juli 1995)
    SPIEGEL ONLINE: Sie waren von Mitte 1994 bis März 1996 EU-Verwalter der geteilten herzegowinischen Stadt Mostar. Wie ist die Situation in Mostar heute?

    Koschnick: Auch wenn sie sich keineswegs alle lieben, die Menschen in Mostar sind bereit, friedlich nebeneinander zu leben. Trotzdem ist Mostar immer noch ein Problem, weil die Kroaten in der Stadt gerne ihr regionales Zentrum sehen, so wie Sarajevo das Zentrum der Bosniaken ist. Gegen diese Vorstellung wäre nichts einzuwenden, wenn sie auf das Zusammenleben aller gerichtet wäre.

    SPIEGEL ONLINE: Serbien und Montenegro, das bevölkerungsreichste Land auf dem westlichen Balkan, hat große Probleme, nicht einmal die Staatlichkeit ist geklärt. Wohin steuern Serbien und Montenegro?

    Koschnick: Die Diskussion um Serbien kann gelöst werden, wenn sich dort ganz allmählich die alten Schlacken des Nationalismus legen. National werden die Serben immer sein, aber die nationalistische Übersteigerung wird abgebaut. Es gibt zwei Probleme: Montenegro und Kosovo. Die Montenegriner würden gern alleine leben. Der Staat wäre in sich aber nicht ökonomisch stabil genug. Die Europäer wollen Montenegro deshalb nicht alleine laufen lassen, weil sie befürchten, dass hier schmutzige Geschäfte wichtiger sein werden als eine vernünftige ökonomische Entwicklung. Andererseits ist Montenegro menschlich, sprachlich und kulturell eng mit Serbien verbunden. Ich sehe kein Auseinanderbrechen, aber es wird ein loserer Staatenbund werden. Montenegro möchte nicht wie Kosovo als Teil eines Staates behandelt werden. Wenn die Frage Kosovo geklärt wird, wird sich die Frage Montenegro auch klären.

    SPIEGEL ONLINE: Wie lässt sich die Frage Kosovo klären?

    Friedlich nebeneinander: 11 Jahre nach ihrer Zerstörung wurde die alte Brücke in Mostar 2004 wieder eingeweiht
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    Friedlich nebeneinander: 11 Jahre nach ihrer Zerstörung wurde die alte Brücke in Mostar 2004 wieder eingeweiht
    Koschnick: Wenn die internationale Gemeinschaft, nicht zuletzt die EU, einen Weg findet, den berechtigten Autonomieinteressen der Kosovaren einen international abgesicherten Bestandsschutz zu gewähren. Nur so lassen sich die Ansprüche der Kosovaren auf selbstbestimmtes Leben und die Ansprüche Serbiens auf Anerkennung einer gemeinsamen Staatsgrenze verbinden. Der Uno-Sicherheitsrat wird einer größeren Verselbstständigung nicht entsprechen, um Abspaltungstendenzen in anderen Teilen der Welt entgegenzuwirken.

    SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie die Gefahr, dass die Gewalt noch einmal ausbricht?

    Koschnick: Es gibt zwischen Serben und Kosovaren immer noch so viel latente Spannung, dass über Nacht wieder etwas explodieren kann. Deswegen müssen die Truppen dort noch längere Zeit die Feuerwehrfunktion wahrnehmen. Aber nur Truppen sind keine Lösung, man braucht Verständigungsbereitschaft auf allen Seiten. Es gibt erste Signale aus Belgrad, dass die Serben bereit sind, darüber zu sprechen, genauso aus dem Kosovo. Ich glaube persönlich, dass die Truppen der internationalen Gemeinschaft dort noch sehr lange bleiben werden, fast so lange, wie Uno-Truppen auf Zypern sind.

    SPIEGEL ONLINE: Was bereits seit 1964 der Fall ist. Für Mazedonien ist das Stabilitäts- und Assoziationsabkommen mit der EU in Kraft. Wann ist Mazedonien bereit für den offiziellen Kandidatenstatus?

    Koschnick: Mazedonien ist ökonomisch noch nicht so weit. Durch die Hilfe der EU ist aber eine innere Stabilisierung eingetreten, wie sie vor vier oder fünf Jahren noch nicht zu erkennen war. Ich gehe davon aus, dass bald nach der Diskussion mit Rumänien und Bulgarien die Diskussion mit Mazedonien aufgenommen wird. Jedenfalls dann, wenn mit Serbien über eine EU-Mitgliedschaft gesprochen wird.

    SPIEGEL ONLINE: Realistisch ist eine Vollmitgliedschaft der Problemstaaten in der EU in 15 bis 20 Jahren. Eine solche Frist ist den Menschen schwer zu vermitteln und nicht gerade Anreiz zu großen Reformanstrengungen. Gibt es eine alternative Perspektive für die Staaten des westlichen Balkans?

    Explosion über Nacht: Im März 2004 brachen in Kosovos Hauptstadt Pristina Unruhen zwischen Kosovo-Albanern und Serben aus
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    Explosion über Nacht: Im März 2004 brachen in Kosovos Hauptstadt Pristina Unruhen zwischen Kosovo-Albanern und Serben aus
    Koschnick: Eines galt für alle Staaten mit Ausnahme Sloweniens: Jeder wollte in die EU, aber nicht, dass der Nachbar mitgeht. Dieses Desintegrationsbestreben können die Europäer nicht mitmachen. Es wäre das Beste, alle Staaten - Kroatien einmal außen vor gelassen - in einem Projekt zusammenzufassen und dafür zu sorgen, dass die Grenzen zwar kulturelle und rechtliche Grenzen sind, aber keine ökonomischen mit Ausschlussbedingungen. Es gilt, einen offenen Raum zu schaffen, wie wir ihn in der EU auch haben. Wenn die Europäisierung des Balkans gelingt, dann ist der Beitritt aller zur EU sinnvoll und schneller zu erreichen als im Augenblick absehbar.

    Die Fragen stellte Philipp Wittrock


    http://www.spiegel.de/politik/auslan...348586,00.html

  2. #2
    Avatar von lSlElRlBl

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    Beitrag wegen Nationalistischem Musik Spamming gelöscht. lupo

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