BalkanForum - das Forum für alle Balkanesen
Erweiterte Suche
Kontakt
BalkanForum - das Forum für alle Balkanesen
Benutzerliste

Willkommen bei BalkanForum - das Forum für alle Balkanesen.
Seite 2 von 23 ErsteErste 12345612 ... LetzteLetzte
Ergebnis 11 bis 20 von 223

Rechte der Albaner in Griechenland

Erstellt von Luli, 16.08.2010, 21:57 Uhr · 222 Antworten · 9.816 Aufrufe

  1. #11
    Avatar von Arbanasi

    Registriert seit
    14.10.2009
    Beiträge
    6.534
    ^^

  2. #12
    Avatar von Černozemski

    Registriert seit
    05.09.2009
    Beiträge
    10.269
    Zitat Zitat von Constantinos Beitrag anzeigen
    sagst das doch nur ,
    weil du Nirgendwo erwünscht bist ?
    Ist schon Scheisse eine Minderheit im eigenen Land zu sein oder ?
    wo von redest du überhaupt gayreek ?

  3. #13
    Avatar von Constantinos

    Registriert seit
    11.11.2008
    Beiträge
    394
    Zitat Zitat von Nikola Gruevski Beitrag anzeigen
    wo von redest du überhaupt gayreek ?
    Ja du musst es wohl am besten wissen wie es ist diskriminiert zu werden .

  4. #14
    Avatar von Гуштер

    Registriert seit
    07.06.2010
    Beiträge
    16.274
    Zitat Zitat von Constantinos Beitrag anzeigen
    Ja du musst es wohl am besten wissen wie es ist diskriminiert zu werden .
    Stimmt, aus dem eigenen Land vertrieben (Ägäis Makedonien) Besitz eingezogen keinerlei Rechte, geleugnet vom Staat.

    Jupp, Hellas ist ganz toll.


    PS. In der R. Mazedonien sind wir immernoch die Mehrheit, auch wenn du es nicht wahrhaben willst

  5. #15

    Registriert seit
    31.01.2009
    Beiträge
    6.317
    Für die Nationalisten darf man nicht das ganze, griechische Volk verurteiln und als nationalistisches Pack betiteln.
    Ganz besonders, wenn die Albaner hier im Forum noch nie in Griechenland waren.
    Man kennt das hellenische Volk nicht und bezieht seine Subjektiven Quellen, die einen beeinflussen aus dem Internet, während die Welt draussen anders aussieht.
    Hier wird behauptet, dass die meisten griechischen Politiker Anhänger der Ansicht sind, dass die Albaner vertrieben werden sollen.
    Natürlich ist das nur eine Behauptung.

    Weil: Es werden keine Beweise vorgelegt und es wird einfach nachgeredet und wiederholt wie bei'm Vokabel lernen.

    Es wird ignoriert, dass es auch albanische Nationalisten gibt, die sogar Großmacht - Träume haben. Aber man zeigt nur mit seinen Finger auf die bösen Nachbarn, den Griechen. Welche sich gerade außenpolitisch bemühen, sogar mit der Türkei Pakte abschließen.

    Zu einem Konflikt gehören immer 2, deswegen behaupte ich, dass Albaner mit dran Schuld sind.
    Schau dir Illyria an. Seine Karte im Profil.

  6. #16

    Registriert seit
    04.05.2009
    Beiträge
    13.681
    Auf diesen "Quellen von aussen" sieht man griechische soldaten über die phantasie an morden an albanern singen,der griechische staat macht nichts ausser verurteilen damit man wieder ruhig ist,aber das ist ja nicht zum ersten mal passiert sondern passiert oft,auch wenn nicht alles rauskommt.
    Klar gibt es griechische antifaschisten die auf die strassen gehen und dagegen demonstrieren,aber die...die das sagen haben sind albanerfeindlich,so wie die griechische polizei.

    Und kenne selber geschichten,aber ich dachte es hätte sich in griechenland was verändert,aber im gegenteil.
    Eine geschichte die ich mal gelesen habe:
    In einem Bus stieg eine alte griechin ein,ein junge stand auf und bot ihr seinen platz neben seiner mutter.
    Dann hörte sie weiter hinten zwei mädchen albanisch sprechen und sagte zu der frau neben ihr ablehnend "hm... albaner!".
    Die frau neben ihr antwortete in griechisch "ich bin auch albanerin und der junge der aufgestanden ist für dich,der ist mein sohn und auch ein albaner".
    Darafuhin die alte griechin "der kann kein albaner sein,albaner erkenne ich,das ist ein grieche".

    Dann nochwas,in manchen teilen griechenlands fürchtet man die albaner,man sagt uns nach das wir nachts mit messern auf raubzug gehen,die griechen sagten immer zu anderen das man früher die tür sogar nachts auflassen konnte und es wäre nichts passiert.Aber seitdem die albaner da sind...
    Aber keiner von denen hatte einen albaner je gesehen,geschweige denn von ihnen beklaut oder bedroht worden.

    Das macht die Griechische regierung,den hass schüren.
    Werde den artikel suchen und posten,da steht noch mehr.

  7. #17

    Registriert seit
    04.05.2009
    Beiträge
    13.681
    Transformation und Anpassung:
    Die albanische Zuwander in Griechenland zwischen Integration und Rassismus

    von Gilles de Rapper
    In Ulf Brunnbauer (Hrsg.), 2002. Umstrittene Identitäten. Ethnizität und Nationalität in Südosteuropa. Frankfurt am Main, Peter Lang : 201-232.

    1. Einleitung
    Am 2. Juli 2000 beging Albanien den zehnten Jahrestag der sogenannten „Botschaftskrise“, die im Juli 1990 den Anfang einer Massenflucht der Albaner vor Diktatur und Armut markierte. Zehn Jahre später befinden sich schätzungsweise 300.000 Albaner in Griechenland, über den Großteil des Landes verteilt, und zwar sowohl in den Städten wie auch auf dem Land. Die albanische Präsenz in Griechenland ist zu einem bestimmenden Faktor im politischen und sozialen Leben beider Länder geworden und belastet die zwischenstaatlichen Beziehungen Griechenlands und Albaniens schwer. Aus diesem Grund werden Diskussionen über die albanische Zuwanderung in Griechenland zumeist von politischen Überlegungen dominiert und anthropologische oder soziologische Feldstudien sind noch immer rar. Außerdem macht die aktuelle Situation selbst demjenigen Forscher Probleme, der idealerweise beiden einander gegenüber stehenden Parteien Rechnung tragen muss, wobei jedoch die Natur ihrer Beziehungen ihn oft daran hindert, auf demselben Gebiet an beide Bevölkerungsgruppen gleichermaßen heran zu kommen.
    Der Fall der albanischen Zuwanderung in Griechenland ist in mehrerer Hinsicht von Interesse.

    Griechenland war lange Zeit ein Emigrationsland, bevor es, beginnend mit den achtziger und vor allem in den neunziger Jahren, zu einem Einwanderungsland wurde. Die Massenankunft von Albanern ab 1991 war zweifellos ein unvorhergesehenes Ereignis, auf das Griechenland nicht vorbereitet war, und die Zuwanderung hat von Beginn an illegalen Charakter angenommen, den sie großteils noch heute trägt. Man muss hier auch die geographische, kulturelle und historische Nähe zwischen den beiden Ländern in Betracht ziehen. Die Albaner sind für die Griechen keine Unbekannten, was auch umgekehrt gilt; das gegenwärtige Verhältnis speist sich aus gegenseitigen Repräsentationen und Verweisen auf die Geschichte. Die Grenze zwischen Albanien und Griechenland ist darüber hinaus mit einer Bedeutung aufgeladen, die über die Beziehung zwischen den beiden Staaten hinaus geht: Sie ist auch eine Außengrenze der Europäischen Union und die Grenze zwischen der Orthodoxie und dem Islam. Eine solche Grenze zu überschreiten ist keine geringe Sache, und die Albaner, die es tun, setzen sich mehr oder weniger bewussten und mehr oder weniger akzeptierten Veränderungen aus.
    Ich möchte im folgenden die Veränderungen beschreiben, welche die Albaner erfahren, wenn sie nach Griechenland kommen. Die Persönlichkeit, die Familie, die Arbeit, der Diskurs über die Religion und die Nation gehören zu den vielen Bereiche, in denen sich ein Individuum umstellen muss, wenn es nach Griechenland auswandert; anders ausgedrückt, der Vorname, das äußere Erscheinungsbild, die Art der Anstellung oder die Religion sind nicht allein die Kennzeichen, die es ermöglichen, Individuen in die Kategorie „Albaner“ einzuordnen: Ihr Wandel und ihre Anpassung selbst sind Kennzeichen der Lebensbedingungen der Albaner in Griechenland. Albaner in Griechenland zu sein, bedeutet nicht so sehr, Gentian oder Blerim zu heißen, sondern Jorgos oder Vassilis heißen zu wollen oder aber sich dazu gezwungen zu fühlen.
    2. Die Persönlichkeit
    Sonntagmorgen in einem Athener Bus im Nobelviertel Kifissia; eine alte Dame steigt zu, ein junger Bursche erhebt sich und überlässt ihr seinen Platz. Einige Sitze dahinter unterhalten sich zwei Paare laut und angeregt auf Albanisch. Neben ihrer Sprache zeugen ihre abgetragene und altmodische Kleidung, ihre gezeichneten und vorzeitig gealterten Gesichter ebenso wie ihre Gesprächigkeit davon, dass sie nicht aus diesem Viertel stammen. Die alte Dame wirft einen kurzen Blick auf die Gruppe und wendet sich dann an ihre Sitznachbarin: „Hmmm“, meint sie, „Albaner!“ Die Nachbarin lächelt und antwortet in gebrochenem Griechisch: „Ich bin ebenfalls Albanerin, und er ist auch Albaner“, sagt sie und zeigt dabei auf den Jungen, „er ist mein Sohn“. Die alte Dame mustert den Jungen von Kopf bis Fuß: „Das ein Albaner? Nein, das ist ein Grieche, er schaut aus wie ein Grieche; die Albaner erkenne ich!“

    Begebenheiten dieser Art ereignen sich immer häufiger in Athen, und es bedeutet für die albanischen Mütter ein großes Glück, wenn sie stolz erzählen können, dass ihre Töchter oder Söhne wie Griechen aussehen und dass sie nicht mehr das Gefühl des Ausgeschlossenseins ertragen werden müssen, das sie selbst erfahren haben. Diese Geschichten zeigen, wie wichtig das äußere Erscheinungsbild in den Vorstellungen ist, die sich die Griechen von den Albanern machen, ebenso wie in jenen, welche die Albaner von sich selbst haben.
    Zur Zeit der ersten Flüchtlingswellen Anfang der neunziger Jahre haben sich in Griechenland und andernorts in Europa die Bilder von der Massenauswanderung in Richtung Italien sowie jene des Winters 1991/92 verbreitet, eine Vorstellung von Albanien und den Albanern, die sich bis heute hartnäckig hält, auch wenn in der Zwischenzeit noch andere Bilde hinzu gekommen sind. Der Albaner wird zuallererst durch seine Armut charakterisiert. Er ist schlecht gekleidet, trägt zerschlissenes Schuhwerk, er leidet Hunger. Dann kommt er aus einem Land, in dem die Geschichte mehr oder weniger stehengeblieben ist, und er hinkt der modernen Gesellschaft hinten nach, staunt über die öffentliche Beleuchtung, die Plastikflaschen oder das Farbfernsehen. Schließlich verlässt er ein gesetzloses Land, in dem seit dem Ende der Diktatur Anarchie herrscht. Er selbst folgt auch keinen Gesetzen, bestenfalls stellt man ihn sich als ein wildes Kind vor, im schlimmsten Fall wie einen unberechenbaren und unkontrollierbaren Primitiven. Die Verbindung dieser drei Facetten bewirkt, dass die Albaner leicht als Diebe oder Mörder beschuldigt werden und als eine Gefahr für die Regionen, die sie durchqueren oder in denen sie sich niederlassen, gelten. 1994 lebten die Dörfer des Epirus in großer Furcht vor den Albanern, die man zwar nie sah, aber man stellte sie sich vor, wie sie in Gruppen um die Dörfer umherstreiften, jede Ruine und jeden Wald bis hin zu den öffentlichen Sportanlagen heimsuchten. In griechisch Westmakedonien, einer anderen Durchzugsregion der Albaner, beklagen sich die Dorfbewohner, dass sie es nach Sonnenuntergang nicht mehr wagen, das Haus zu verlassen, während man „früher ausgehen und dabei die Haustür offen lassen konnte“. In den Grenzregionen wird die Angst vor dem Albaner von manchen Presseberichten und politischen Kreisen geschürt, obwohl dies gerade jene Regionen sind, in denen die Albaner am wenigsten sichtbar sind. Im allgemeinen sind sie dort nur Durchreisende, die sich versteckt halten.
    Gleichzeitig ist eben dieses Bild mit der Hilfestellung und jener paternalistisch gefärbten Unterstützung verbunden, welche die Griechen den ersten Flüchtlingen gewährt haben: Diese kehrten einige Tage später nach Albanien zurück, nachdem man ihnen zu essen gegeben hatte, die Hände voll mit Altkleidung von den Dorfbewohnern, die sie aufgenommen hatten. Noch heute ist der Albaner ein Mittel, sich alter Möbel und alter Kleider zu entledigen, die man nicht mehr braucht. 1996 berichten Albaner im Dorf Dipotamia, das einige hundert Meter von der albanischen Grenze entfernt liegt, wie sie Tag für Tag nach Griechenland zur Arbeit in Häuser und Bauernhöfe kommen, wo ihre Gehälter zwar niedriger als in den Städten sind, aber von wo sie oft mit Möbeln, Werkzeug oder Kleidung, die sie von ihren Arbeitgebern erhalten, nach Hause zurückkehren. „Wenn sie mir etwas anbieten“, erzählt Namik von seinen Arbeitgebern, einem alten Ehepaar, für das er Malerarbeiten verrichtet, „nehme ich es, auch wenn ich nicht weiß, was ich damit anfangen soll. Wenn ich es nicht nehme, dann werfen sie es auf jeden Fall weg.“ In Rendi, einem Arbeiterviertel in der Athener Vorstadt, erzählt 1999 eine albanische Mutter, wie ihr, als sie vor einem Jahr ankam, von den Nachbarn, die in dem Haus gegenüber wohnten, geholfen wurde. Die Nachbarin brachte vor allem Kleidung, von Zeit zu Zeit bringt sie noch heute einen Tisch oder sogar ein Elektrogerät. „Auch die Nachbarin von unten hat uns Kleider gebracht“, fügt sie hinzu, „es waren aber Kleider von Albanern. Wir haben sie nie getragen.“ Fast zehn Jahre nach ihrem ersten Kontakt mit Griechenland sind die Albaner nicht mehr bereit, alles zu akzeptieren, und versuchen vor allem, das Bild des albanischen Flüchtlings – arm, unwissend und gefährlich – zurückzuweisen. Aus diesem Grund können sie die alten Kleider und altmodischen Anzüge nicht mehr annehmen, die sie als Albaner stigmatisieren würden. Ebenso lehnen sie Unterstützung ab, wenn sie sich an sie als Albaner richtet, das heißt an sie als Menschen, die bereit sind, aus Mangel an Wahlmöglichkeit oder Unterscheidungsfähigkeit alles zu akzeptieren.
    Das Bild des Albaners geht über die reine Kategorisierung hinaus, es beschränkt sich nicht allein auf die Zuschreibung von außen, wer Albaner ist und wer nicht, sondern es wurde rasch von den Albanern ins eigene Selbstbild integriert; Albaner verwenden es, um über sich selbst zu sprechen und sich zu definieren. Es findet somit Eingang in einen Prozess der Identifikation. Die Verwendung der Begriffe refugjat, „Flüchtling“, und albanez und alvanos, »Albaner«, aus dem Italienischen beziehungsweise Griechischen, gibt Aufschluss darüber, wie die Sicht von außen die Eigenwahrnehmung beeinflusst. Der Begriff refugjat steht in enger Verbindung mit der Emigration der neunziger Jahre. Die meisten albanischen Regionen erfuhren bis zum zweiten Weltkrieg, und die Albaner Jugoslawiens darüber hinaus, verschiedene Phasen der Emigration, wofür die Bezeichnungen kurbet (aus dem türkischen gurbet, „fremdes Land“) und mërgim („Migration“) allgemein Verwendung fanden. Während der kommunistischen Periode unterschied das Regime zwischen „Wirtschaftsemigranten“ – Albanern, die vor der Einführung des Kommunismus das Land verlassen hatten, – und „Verrätern“ – solchen, die es unter dem Kommunismus verließen. Letztere sind für die Bevölkerung jene, die „geflüchtet“ sind (arratisur). Heute bedient man sich des Wortes refugjat, um die Emigration zu bezeichnen. Man sagt, dass jemand als Flüchtling nach Griechenland gegangen ist (iku refugjat në Greqi), dass er als Flüchtling in Griechenland lebt (jeton refugjat në Greqi) sogar, dass er als Flüchtling in Griechenland arbeitet (punon refugjat në Greqi). Dieselben Ausdrücke gelten auch für die Emigration nach Italien. Der Begriff wurde aus dem Italienischen entlehnt und bezeichnete anfangs jene Albaner, die sich im Juli 1990 in die westlichen Botschaften von Tirana geflüchtet hatten, später dann jene, die aus Albanien auf überladenen Schiffen in Richtung Italien flohen. In weiterer Folge bezeichnete er jede Art von Auswanderung nach Griechenland und nach Italien, unter welchen Bedingungen sie auch immer vonstatten ging: Er entspricht eher der Bezeichnung „Wirtschaftsflüchtling“ als der des „Politflüchtlings“. Jedenfalls gehört er inzwischen zum am häufigsten gebrauchten Vokabular.
    Im Unterschied zum Wort refugjat, das vielmehr eine Aktivität und eine Lebensweise beschreibt, die, wie wir noch sehen werden, nicht für alle Migranten gleich sind, beziehen sich die Worte albanez und alvanos auf einen bestimmten Persönlichkeitstyp und stehen eher für einen albanischen „Nationalcharakter“. Das erste Wort entstammt dem Italienischen, das zweite dem Griechischen, beide aber haben jene Wurzel, mit der die Albaner in den meisten nichtalbanischen Sprachen bezeichnet werden. Diese – wahrscheinlich sehr alte – Wurzel wurde in Albanien selbst durch eine andere ersetzt, shqip-, von der der Name des Landes (Shqipëri), der Einwohner (Shqiptar) und der Sprache (shqipë) gebildet wird. Die Worte albanez und alvanos sind über das Fernsehen und durch ins Land heimgekehrten Auswanderer ins Albanische gelangt. Im Süden Albaniens wird das italienische Wort albanez häufiger als das griechische alvanos verwendet, trotz der Nähe Griechenlands und der sehr engen Kontakte zwischen den zwei Ländern, und zwar wahrscheinlich aus historischen Gründen: Die ersten großen Emigrationswellen der Jahre 1990 und 1991 hatten Italien zum Ziel, zu einer Zeit, wo zahlreiche Haushalte bereits italienische Fernsehkanäle empfingen und so in den italienischen Fernsehsendungen von sich sprechen hörten. Die Tatsache, dass das italienische Wort mehr in Gebrauch ist als das griechische, die Grenzregionen zu Griechenland eingeschlossen, ist darüber hinaus bezeichnend für die Beziehung der Albaner zu den beiden Ländern. Im Allgemeinen betrachten sich die Albaner den Italienern in der Tat als sehr nahestehend (hinsichtlich der Sprache und des Charakters), sie neigen dazu, diese zu bewundern und in vielen Bereichen nachzuahmen, wohingegen die Griechen als viel weiter entfernt und viel fremder angesehen werden. Das semantische Feld des Wortes albanez unterscheidet sich zudem von jenem des Wortes shqiptar; ersteres bezieht sich immer auf das Bild, das die Albaner von sich im Ausland zu vermitteln glauben, auch wenn sie wissen, dass dieses Bild sehr häufig ein negatives ist. Es wird von den „Flüchtlingen“ verwendet, die nach Griechenland oder Italien arbeiten fahren und die, wenn sie wieder in Albanien sind, von ihren Abenteuern erzählen: Albanez sind die Illegalen, die aus Angst vor den Patrouillen der griechischen Armee die Grenze bei Nacht überschreiten, jene, die mehrere Tage in den griechischen Polizeiposten verbringen, bevor sie zur Grenze zurückgebracht werden, jene, die mehr als alle arbeiten und dabei um die Hälfte weniger Geld verdienen, und die versteckt leben, aus Angst, entdeckt zu werden. Weiters werden jene als albanez bezeichnet, die, da sie unter solchen Bedingungen leben müssen oder aber sich dem verweigern, dazu gebracht werden zu stehlen, zu betrügen und hinterlistig zu sein, um aus diesen Lebensumständen ausbrechen zu können. Albanez nimmt somit die Bedeutung eines Menschen an, der nichts mehr zu verlieren hat – und vor allem nicht mehr seine nationale Ehre, die er mit dem Ethnonym shqiptar aufgegeben hat – und dem es dank seiner List und seinem Mut gelingt, aus dieser Situation auszubrechen beziehungsweise sogar eben jene hineinzulegen, die für seine Situation verantwortlich sind. Die Flüchtlinge, die nach Griechenland arbeiten fahren, ändern nicht nur ihren Vornamen, sie nehmen auch ein neues Ethnonym an und erfahren dadurch eine noch radikalere Veränderung. Im albanischen Kontext wird das Wort albanez in sehr ähnlicher Bedeutung auch für einen entarteten, verdorbenen Albaner verwendet, der nicht mehr so ist wie ein echter shqiptar sein sollte. Es wird auf jene angewendet, deren Verhalten als abweichend und als zu sehr von den durch die Emigration bedingten Veränderungen gezeichnet verurteilt wird, und die daher ein negatives Bild von den Albanern vermitteln: Albanez sind jene, die einen Mercedes vor einem Traktor kaufen, jene, die das in Griechenland verdiente Geld fürs Trinken ausgeben, jene, die Drogen- und Mädchenhandel treiben und korrupt und kriminell sind. In diesem Zusammenhang wird das Land, das sich im Chaos und unter den schwierigen Bedingungen der Armut und des Kampfes ums eigene Überleben befindet, nicht Shqipëri genannt, sondern Albania. Das griechische Wort alvanos wird in derselben Bedeutung verwendet, aber sein Gebrauch bleibt auf jene Albaner beschränkt, die in Griechenland arbeiten; es hat nicht die allgemeine Bedeutung des italienischen albanez. Die Verwendung der Bezeichnungen albanez und Albania zeugt von der Auffassung, welche die Albaner von ihrem eigenen Bild im Ausland haben, und von der Kluft, die zwischen diesem Bild und dem existiert, was sie für die Realität der albanischen Identität halten. Damit wird auch gezeigt, wie sich die Albaner verändern, wenn sie als Gastarbeiter ins Ausland gehen.
    Wie verändern sich die Albaner, wenn sie nach Griechenland kommen? Eine erste Reihe von Transformationen ist mehr mit der Emigration selbst verbunden beziehungsweise mit den Formen, die sie annimmt – und weniger mit der Frage, was es ausmacht, Grieche oder Albaner zu sein. Hier wie anderswo berührt die Emigration das Individuum in seinen familiären und beruflichen Zusammenhängen und stellt die Idee der Person selbst in Frage. Dennoch darf man den Bruch, den diese Lebensweise im Vergleich mit jener vor der Öffnung der Grenze darstellt, nicht über- und die Kontinuitäten unterschätzen.
    Bis 1997 betraf die Emigration nach Griechenland mehrheitlich junge ledige Männer oder jung verheiratete Männer, die im Allgemeinen in der Sommersaison als Gruppe ausreisten, heimlich und für eine begrenzte Zeitdauer von einigen Monaten pro Jahr. Das bedeutet, von der Familie getrennt zu sein, ganz im Widerspruch zu jener Familienform, die in ganz Albanien vorherrscht und gemäß derer die Söhne – insbesondere der jüngste Sohn – bei ihren Eltern sowohl aus ökonomischen als auch aus emotionalen Gründen bleiben müssen. Dennoch handelt es sich hier nicht um eine neue Erscheinung. Einerseits ist die Emigration der Albaner etwas altbekanntes, und zahlreiche Familien bewahren die Erinnerung an solche Trennungen während der Emigrationswelle in die USA in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts, die damals oft vorübergehenden Charakter hatte und in der Regel vier oder fünf Jahre dauerte. Andererseits wurde der Familie durch das kommunistische Regime, das die Jungen für mehrere Jahre fern von zu Hause zur Arbeit schickte, stark zugesetzt, egal ob es sich dabei nun um politische Maßnahmen gegen Familien handelte, deren Enthusiasmus für die kommunistische Ordnung angezweifelt wurde, oder um ökonomische Notwendigkeiten, die mit dem Arbeitskräftebedarf bestimmter Regionen zu tun hatten. Im Kontext der Emigration ist diese Trennung jedoch mit einer Einsamkeit verbunden, die viel größer für die Wegfahrenden als für die Daheimgebliebenen ist. Die Einsamkeit wird verstärkt durch die Gefahren der Reise, die Witterungsverhältnisse beim Grenzübertritt (jeden Winter finden Illegale im Schnee des Pindos den Tod), die Hindernisse, welche die griechische Armee und Polizei darstellen, das Fehlen von Kommunikationsmitteln (die Familie erfährt Neuigkeiten nur durch die Vermittlung jener, die ins Dorf zurückkehren, also zufällig) , und durch das antialbanische Klima, das man Griechenland zuschreibt und das die Albaner dazu zwingt, so diskret wie möglich zu leben – in ständiger Angst.

    Manche Emigranten gehen sehr jung nach Griechenland, manchmal schon mit 14 Jahren, nachdem sie das Ende der Schulpflicht erreicht haben. Viele Emigranten haben vor der Emigration auch eine Berufsausbildung erhalten und teilweise in Albanien bereits in ihrem Beruf zu arbeiten begonnen. Sie klagen alle darüber, dass die Emigration sie zwingt, ihren Beruf aufgeben und vor allem unter ihrer Qualifikation arbeiten zu müssen, woraus ein Gefühl der Erniedrigung und ein starkes Bewusstsein für Ungerechtigkeit und Ausbeutung resultiert. Auch in diesem Fall hat das Gefühl der Desorganisation des Berufslebens nicht ausschließlich mit der Emigration zu tun. Es ist ein geläufiges Gefühl im postkommunistischen Albanien, ein Zeichen des Bruchs zwischen einer Gesellschaft, die vollständig durch den Staat kontrolliert wurde, in der das berufliche Schicksal eines jeden sehr früh entschieden wurde und selten veränderbar war, und (einhergehend mit dem Schwinden des Staates) dem Entstehen eines Arbeitsmarktes, den es vorher nicht gegeben hatte, sowie der neuen Bedeutung von Privatinitiative. Desillusioniert fasst es eine Albanerin ihrem Nachbarn gegenüber zusammen: „Ich habe ihn immer als Textilarbeiter gekannt, und jetzt ist er auf einmal Taxifahrer geworden! Was soll das?“ Paradoxerweise ist die Emigration ein Mittel, der Desorganisation des Berufslebens in Albanien zu entkommen, um sie in Griechenland jedoch wieder zu finden, freilich mit höheren Löhnen, aber auch weit weg von der Familie und den Nachbarn, vor deren Augen man nicht gedemütigt werden möchte. Die Erniedrigung, die man empfindet, wenn man unterhalb seines gesellschaftlichen Status beschäftigt ist, bleibt auf die Privatsphäre beschränkt, ohne auf die öffentliche Sphäre überzugreifen.
    Letztlich wird die Emigration als ein Unglück aufgefasst, sogar als eine Erniedrigung, vor allem bei den Älteren. Bis 1997 rechtfertigten jene, die nicht nach Griechenland gingen (manche von ihnen sind inzwischen ausgewandert), ihre Entscheidung, indem sie erklärten, dass sie ihre Würde nicht verlieren wollten und dass sie es nicht akzeptieren konnten, so behandelt zu werden, wie es bei den Einwanderern in Griechenland üblicherweise der Fall ist. In den Erzählungen der Heimkehrer spielt der Gegensatz zwischen Mensch und wildem Tier eine große Rolle: Das Leben der Flüchtlinge in Griechenland wird mit jenem der Tiere verglichen: Man schläft in den Wäldern, man reist bei Nacht, versteckt sich bei Tag, man nimmt jede denkbare Arbeit an, man erträgt die Verachtung, ohne darauf reagieren zu können, man versteht nicht immer, was die Leute sagen. Man lebt außerhalb der Gesellschaft, am Rande der menschlichen Welt. Dieses Außenseiterdasein nimmt oft eine räumliche Dimension an, wenn die Flüchtlinge am Rande der Dörfer und Städte hausen, in einem behelfsmäßigen Unterschlupf irgendwo in den Wäldern und Feldern.
    3. Identitätstransformationen
    Eine zweite Reihe von Veränderungen hängt – und zwar sowohl in der Realität als auch in den Repräsentationen – damit zusammen, was es ausmacht, Grieche oder Albaner zu sein. Zwei Elemente kommen hier zum Tragen: Vorname und Sprache. Ein drittes, die Religion, wird später gesondert behandelt.

    Die Mehrheit der Albaner nimmt in Griechenland einen anderen Vornamen an. Die Gründe und die Umstände dieser Namensänderung sind verschieden. In der ersten Zeit der Emigration kehrten manche Flüchtlinge zurück und erzählten, dass die Griechen unfähig wären, ihre albanischen Vornamen auszusprechen und dass sie aus diesem Grund akzeptieren hätten müssen, mit einem griechischen Vornamen gerufen zu werden. Andere behaupteten, dass die Griechen nur den Christen Arbeit gäben, die sie als Nordepiroten betrachteten, das heißt, als albanische Griechen, und dass es folglich vorzuziehen, ja sogar unerlässlich sei zu behaupten, dass man wie die Mehrheit der Griechen einen christlichen Vornamen hat. Hier muss klargestellt werden, dass infolge der kommunistischen Religionspolitik nicht alle muslimischen Albaner einen muslimischen Vornamen tragen. Das gilt insbesondere für jene Albaner, die nach 1967, dem Jahr des Religionsverbots, geboren wurden, und vor allem für die nach 1976 Geborenen, dem Jahr des Verbots von Vornamen religiösen Ursprungs. Diese zwei Kohorten spielen in der albanischen Emigration nach Griechenland eine wesentliche Rolle. Es geht also nicht allein darum, einen muslimischen für einen christlichen Vornamen aufzugeben, sondern darum, einen albanischen Vornamen gegen einen griechischen auszutauschen, auch wenn die Gleichsetzung Albaner/Muslime und Griechen/Orthodoxe im vorliegenden Fall sehr gut funktioniert. Auf jeden Fall hat sich das Phänomen des doppelten Vornamens schnell verbreitet und zahlreiche Albaner haben sowohl einen „albanischen“ als auch einen „griechischen“ Vornamen. Auch unter den albanischen Kindern, die in Griechenland zur Schule gehen, scheint eine Tendenz zum Vornamenwechsel vorzuherrschen, obwohl die Lehrer und Lehrerinnen hier eher dazu neigen, den Schülern davon abzuraten, anstatt sie zu ermutigen, jenen Vornamen aufzugeben, den ihnen ihre Eltern gegeben haben. „Manchmal kommen Schüler zu mir, um mich zu fragen, ob sie sagen dürfen, dass sie Albaner sind“, erzählt eine Lehrerin aus Athen, die der griechischen Minderheit in Albanien angehört. „Ich antworte ihnen: ja, natürlich: Albaner zu sein bedeutet, einer Nation anzugehören, einem Staat, einer Kultur, warum sollten sie das verstecken? Ich bin gegen die Namensänderung: Die Griechen konnten ihre Vornamen in Albanien behalten, warum sollten die Albaner ihre in Griechenland wechseln?“ Der soziale Druck während der Pausen ist jedoch ausreichend stark, dass die albanischen Kinder sich auch einen griechischen Vornamen auswählen, jenen eines Klassenkameraden etwa oder eines beliebten Sängers, weil „ihnen die griechischen Vornamen gefallen“. Schließlich ist noch ein letzter Grund für die Namensänderung zu erwähnen, bevor wir später noch einmal darauf zurückkommen: die Konversion der muslimischen Albaner zum orthodoxen Christentum.
    Wie wird dieser neue Vorname ausgewählt? Manchmal wird er überhaupt nicht gewählt, sondern angenommen, wie zum Beispiel, wenn der griechische Arbeitgeber seinen Arbeitern Vornamen gibt, die seinen Ohren vertrauter klingen als die albanischen. In anderen Fällen nimmt der Albaner den Vornamen seines ersten griechischen Chefs an beziehungsweise der ersten Person, die ihn in Griechenland aufgenommen hat. Die Saisonarbeiter, die jedes Jahr den Ort oder die Arbeit wechseln, ändern mitunter jedes Jahr ihren griechischen Vornamen, aber dieser beginnt schnell, zu der Person zu gehören, und zwar weil es riskant ist, ihn dauernd zu wechseln: „In Griechenland heiße ich Grigori“, erklärt etwa Erjon aus einem Dorf im Süden Albaniens. „Im ersten Jahr war es durch Zufall, im zweiten Jahr, weil es mir Glück gebracht hat.“

    Wie wird dieser griechische Vornamen genau verwendet? Zuerst einmal wird er im Umgang mit dem griechischen Arbeitgeber und mit den griechischen Behörden benötigt. Er steht auf den Visumanträgen und den gefälschten Pässen und Sichtvermerken sowie auf den Arbeitsgenehmigungen. Er wird üblicherweise während der ganzen Dauer des Aufenthalts in Griechenland verwendet, auch in der Zeit, welche die Albaner miteinander verbringen, und um so mehr, wenn sie sich erst kurz vor ihrer Ankunft in Griechenland kennen gelernt haben. Die Situation ist anders im Fall einer Familienemigration, wo die albanischen Vornamen im privaten Gebrauch eher verwendet werden. Um die Verwendung des griechischen Vornamens in offiziellen Dokumenten zu erleichtern, lassen viele Albaner ihn in ihrer Wohngemeinde in Albanien standesamtlich beglaubigen. Die Prozedur ist einfach, und ihr Ergebnis hängt nur von der Genehmigung seitens des Gemeindeamtes ab, das über die Anträge auf Vornamenwechsel befindet. Anders liegt der Fall bei den Familiennamen: Ihn ändern zu lassen, erfordert ein langes und kostspieliges Rechtsverfahren, auf das die meisten verzichten. Darüber hinaus ist es unmöglich, den Vornamen des Vaters zu ändern, der auf zahlreichen offiziellen Dokumenten sowohl in Griechenland als auch in Albanien aufscheint. Daraus ergibt sich ein gemischter Name, der aus einem christlichen Vornamen und einem eindeutig muslimischen Familiennamen besteht, und zahlreiche Träger von „griechischen Vornamen“ haben muslimische Vaternamen.
    Seit Beginn der neunziger Jahre und vor allem seit den Zwischenfällen, die mit den griechischen Ansprüchen auf Nordepirus (1994) in Zusammenhang stehen, haben die Albaner das Phänomen des Vornamenwechsels verurteilt, weil sie meinen, dass dadurch den Griechen in die Hände gespielt werde: „Wenn alle Südalbaner einen griechischen Vornamen haben, werden die Griechen noch mehr Gründe haben zu behaupten, dass Südalbanien griechisch ist“, erklärte 1995 ein Intellektueller aus Südalbanien. Derzeit wird der griechische Vorname in Albanien manchmal im Freundeskreis und scherzhaft verwendet. Er entspricht der Bezeichnung als albanez, die dieselben Flüchtlinge bei ihrer Rückkehr nach Albanien scherzhaft auf sich anwenden. Es muss jedoch gesagt werden, dass nicht alle Albaner ihren Vornamen ändern, wenn sie nach Griechenland kommen, zum Beispiel die Grenzpendler, die sich nicht einfach durch einen Namenswechsel als Griechen oder als Christen ausgeben können, da ihre Arbeitgeber sehr wohl wissen, dass sie aus muslimischen Dörfern von der anderen Seite der Grenze kommen. Für jene, die weit ins Landesinnere Griechenlands zur Arbeit fahren, bedeutet das Behalten des ursprünglichen Vornamens einen Akt des Widerstands. Das ist der Fall bei gebildeten Personen oder solchen, die sich der sublimen Gewalt bewusst sind, welche die von den Flüchtlingen empfundene Verpflichtung einen griechischen Vornamen anzunehmen beinhaltet. Das Beibehalten des Namens erfolgt umso leichter, wenn es sich nicht um einen muslimischen Vornamen handelt.
    Wenn man Albaner in Albanien befragt, behaupten die meisten, griechisch zu sprechen und es leicht und schnell gelernt zu haben. Wenn man sie vor Ort in Griechenland beobachtet, stellt sich die sprachliche Situation der Albaner jedoch anders dar: Manche sind perfekt zweisprachig, andere sind unfähig, genau zu verstehen, was ihnen ihr griechischer Arbeitgeber sagt. Viele von ihnen lernen die Sprache vor Ort bei der Arbeit. Die Kenntnis der Sprache hängt also weitgehend von der Art der Arbeit ab sowie den Bedingungen, unter denen sie ausgeübt wird. Die Arbeiter in der Landwirtschaft, die sich in Gruppen je nach Arbeit und Erntezeit an unterschiedlichen Orten niederlassen, befinden sich in einem albanischen Umfeld und haben es kaum notwendig, griechisch zu verstehen, um zu wissen, was sie tun müssen. Im Gegensatz dazu sind diejenigen, die im Gastgewerbe arbeiten, täglich mit griechischer Kundschaft konfrontiert und sind, außer bei zahlreichem albanischen Personal, oft von den anderen Albanern abgeschnitten, was das Eintauchen in die Sprache umso mehr erleichtert. Hier muss auch zwischen gesprochener und geschriebener Sprache unterschieden werden: Fließend griechisch zu sprechen, bedeutet für einen Albaner nicht, es lesen, geschweige denn, es schreiben zu können. Nur jene, die sich die Mühe machen, in ihrer Freizeit selbst zu lernen, haben Zugang zum geschriebenen Griechisch. Und wieder sind jene, die im Dienstleistungsbereich arbeiten (Gastgewerbe, Tourismus), im Vorteil, und zwar insofern, als sie mehr Freizeit und einen Platz zum Lernen haben. In Athen bietet die Philologische Fakultät Griechisch-Kurse für Ausländer über 20 Jahren an. Die Albaner stellen 40 Prozent der Teilnehmenden, und die Kurszeiten sind so gewählt, dass sie den arbeitenden Menschen erlauben, an den Kursen teilzunehmen. Darüber hinaus findet man in den Zeitungskiosken diverse für Albaner bestimmte Griechisch-Lehrbücher.
    Seit den Jahren 1997/98 lernt eine Gruppe von Albanern unter den besten Bedingungen Griechisch: Es handelt sich um die Kinder, die mit ihren Eltern oder ihren älteren Brüdern gekommen sind und griechische Schulen besuchen. Seit Ende 1999 wurde in den Schulen von Athen und Thessaloniki ein Förderprogramm eingerichtet, das Ausländerkindern nützen soll; in vielen Vierteln repräsentieren die Albaner mehr als die Hälfte der ausländischen Schüler: Diese besuchen bestimmte Kurse mit einem eigenen Lehrer, der den Unterricht zwar auf Griechisch hält, sein sprachliche Niveau aber an das der Schüler anpasst. In Anbetracht der bedeutenden albanischen Präsenz in den Schulen werden Lehrende aus der griechischen Minderheit Albaniens, aufgrund ihrer Beherrschung beider Sprachen besonders gesucht. Darüber hinaus werden weitere Vorkehrungen getroffen, damit die Ausländer in ihren ersten Schuljahren in Griechenland nicht aufgrund ihrer schlechten Griechischkenntnisse benachteiligt sind.
    Die Beherrschung der Sprache ist für die Albaner fundamental, da sie fürchten, beim geringsten verbalen Austausch als Albaner erkannt zu werden – also als Illegale oder Kriminelle. Die Sprachkenntnis zieht eine Grenze zwischen jenen, die auf dem Weg der Integration und fähig sind, mit Leichtigkeit und Sicherheit zu kommunizieren, und jenen, die selbst erkennen, dass sie wie Taubstumme leben und nicht aus der Kategorie „Albaner“ und den Repräsentationen, die sich daran anknüpfen, heraus können.
    Schließlich stellen der physische Aspekt, die Körpertechniken und die sozialen Aktivitäten das dar, was sich am langsamsten verändert und eine längere Vertrautheit mit der griechischen Gesellschaft erfordert. Das Ziel der Albaner ist es, sich „griechisch zu geben“, das heißt in der griechischen Gesellschaft aufzugehen und dort zu verschwinden. Geläufige Witze über Albaner, die man nicht als solche erkennt, legen darüber Zeugnis ab, ebenso wie die auf einer anderen Ebene nicht weniger verbreitete Angst aufzufallen, und zwar nicht nur der Polizei, sondern der Gesamtheit der griechischen Bevölkerung, und dadurch in die Kategorie „Albaner“ zu fallen. Diese ist gesellschaftlich abgewertet, im Kontext der griechischen Gesellschaft ebenso wie innerhalb der albanischen Emigrantengemeinschaft, die sich in dieser Hinsicht den Urteilen der sie umgebenden Gesellschaft unterwirft. Das Albanisch-Sein wird nicht als Lebensform und als Verhalten gesehen, sondern es wird – wie wir noch sehen werden –, immer in Bezug zu Albanien gesetzt, wodurch man in totale Opposition zur griechischen Gesellschaft tritt, als ob es unmöglich wäre, Albaner in Griechenland zu sein oder Albaner und Grieche in einem. In diesem Sinn ist hier die subjektiv wahrgenommene Identität etwas ganz fixes und unbewegliches; viel mehr noch: Jede subjektiv empfundene Veränderung wird wie ein Verlust wahrgenommen, eine Degeneration, ein Verschwinden. Ob sie es wahrhaben wollen oder nicht, die Albaner leben in Griechenland unter einem starken sozialen Druck, der sie dazu drängt, viele Verhaltensweisen anzunehmen, die darauf abzielen, in der Masse aufzugehen. Paradoxerweise ist innerhalb der albanischen Gemeinschaft dieses Streben nach Unsichtbarkeit in der griechischen Gesellschaft ein Zeichen für Erfolg und damit eine Art, sich von den anderen abzuheben.

    Wir haben schon gesehen, dass die Kleidung ein grundlegendes Zeichen des Albanisch-Seins darstellt, das es zu korrigieren gilt: Man muss „Albanerkleidung“ vermeiden, das heißt eine Kleidung, die auf die eine oder andere Art das dreifache Bild der Albaner evoziert: arm, zurückgeblieben und gefährlich. Man muss auch die Möglichkeit haben, die Arbeitskleidung, die ein weiteres Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Einwanderergemeinschaft darstellt, abzulegen und sie auszutauschen, wenn man in die Stadt oder ins Dorf gehen will. In diesem Bereich ist die griechische Gesellschaft so konformistisch, dass die Mode, der man in einem bestimmten Viertel oder einem bestimmten sozialen Milieu zu folgen hat, klar ersichtlich ist, wobei jedoch die finanziellen Mittel, über welche die Albaner verfügen, ihre Wahl einschränken.
    Zu einem großen Teil ist die Adaption an die griechische Gesellschaft mit einer Adaption an die Konsumgesellschaft gleichzusetzen, und man muss, will man seinen Erfolg bestätigen, konsumieren können. Ein Teil dieser Aktivität bleibt dem begrenzten häuslichen Umfeld vorbehalten: Der Einkauf von elektrischen Haushaltsgeräten ist ein Zeichen von Erfolg, das man seinem eigenen Blick aussetzt ebenso wie jenem von Bekannten, die auf Besuch kommen. Es handelt sich in erster Linie um die Waschmaschine, den Kassettenrecorder (der Kühlschrank und der Fernseher haben das Prestige verloren, das sie in Albanien noch zu Beginn der neunziger Jahre hatten; nur spektakuläre Modelle – hinsichtlich ihrer Größe oder Neuheit – werden hochgeschätzt); schließlich sind die Kaffeemaschine und die Friteuse, der Geschirrspüler, die Hifi-Anlage, der ausgeklügelte Fotoapparat und der Camcorder, Videospiele und schließlich der Computer zu nennen. Andere Produkte haben eine Funktion, die über das häusliche Umfeld hinaus geht; sie dienen dazu, die Zugehörigkeit zu einer globalen Gesellschaft zu vermitteln – das Mobiltelefon und das Auto. Letzteres gibt es bei den Albanern noch selten und ist somit mit einem viel stärkeren symbolischen Wert aufgeladen, was beispielsweise die endlosen Spazierfahrten um das Viertel zeigen, an denen sich die jungen Autobesitzer, bei heruntergelassenen Fensterscheiben und eingeschaltetem Autoradio, berauschen oder aber der Spaß, den Vasilis, ein Albaner, der sich in einem Dorf in Korinth niedergelassen hat, daran hat, seine Frau in seinem schönen roten Auto, das er mitten auf dem Platz parkt, von der Arbeit abzuholen.

    Freizeit und Unterhaltung sind ebenfalls von Bedeutung. Der „Flüchtling“, der man nicht mehr sein will, arbeitet an sieben von sieben Tagen, den ganzen Tag und manchmal in der Nacht, ohne Pause und ohne Freiräume. Während seiner seltenen Erholungsmomente ist er zu erschöpft, um auszugehen oder sich anders als vor dem Fernseher zu unterhalten. Im Gegensatz dazu haben die Griechen bei den Albanern den Ruf, wenig zu arbeiten, Stunden auf der Kaffeehausterrasse damit zu verbringen, Café-Frappee zu schlürfen, in den Tavernen zu speisen und in Urlaub zu fahren. Folglich wird es bei den Albanern sehr geschätzt, mit der Familie am Sonntag etwas zu unternehmen, sei es, um andere Albaner zu besuchen oder um auf der Akropolis oder am Meer spazierenzugehen. Dabei kann man unerkannt etwas in einer Touristenstätte konsumieren, die sich von den kleinen Dorfcafés des Viertels unterschiedet, die während der Woche aufgesucht werden.
    Zwei Bemerkungen sind im Zusammenhang mit dem Ausgehen zu machen. Die meisten Albaner zögern noch, in Restaurants oder Tavernen zu gehen, in denen sie fürchten, als Albaner erkannt und somit schlecht aufgenommen zu werden. Selbst wenn sie sich in öffentliche Räume begeben, die von Griechen aufgesucht werden, bezwecken sie damit nicht, direkt mit den Griechen in Kontakt zu treten. Zweitens gehen die Albaner ausschließlich miteinander und nie mit Griechen aus. Griechische Freunde zu haben, die einem so nahe stehen, dass man mit ihnen ausgeht, ist eine Etappe der Integration, die selten erreicht wird. Dass dies unmöglich ist, wird von den Albanern der Lebensweise der Griechen in die Schuhe geschoben, die als distanziert, kalt und „ohne Freunde“ gelten, aber es hat auch damit zu tun, dass die Albaner selbst nicht zu gut mit den Griechen stehen wollen. „Einmal“, erzählt Fatijon, ein Albaner aus Athen, „habe ich zu mir nach Hause albanische Freunde und griechische Freunde eingeladen, an demselben Abend. Aber da die Griechen in der Minderheit waren, verhielten sich die Albaner so, wie es sonst im allgemeinen die Griechen tun: Sie wollten nicht mit ihnen sprechen, sie gaben ihnen zu spüren, dass sie in der Mehrheit waren. Eigentlich hätte ich griechische Mädchen einladen müssen, dann wäre es vielleicht anders gewesen!“ Alles verhält sich so, als ob die Grenze zwischen Griechen und Albanern, die man verwischen möchte, um nicht mehr als Albaner kategorisiert zu werden, noch immer da wäre, wenn auch unsichtbar, so doch immer wahrnehmbar, sobald sie auf etwas anderes als den äußeren Schein trifft. In diesem Zusammenhang beklagen sich auch die Albanien-Griechen, die in Griechenland leben, über ihre Schwierigkeiten, vollständig als Griechen akzeptiert zu werden. Auch hier sind die Kinder, die zur Schule gehen, schon weiter, nicht nur durch die Sozialisationsfunktion der Schule, sondern weil das Schulleben ihnen Freizeit lässt, die sie leichter mit den griechischen Kindern des Viertels oder des Dorfes verbringen können.
    Wir stoßen hier auf die Frage der Interaktion zwischen Griechen und Albanern, auf die wir noch zurückkommen werden. Diese letzten Feststellungen sollen allerdings nicht glauben machen, dass die Veränderungen, die von den Albanern erduldet oder gewollt werden, nur eine Sache des äußeren Scheins seien. Andere Formen der Anpassung sind ebenso notwendig, in erster Linie im Familien- und Berufsleben.
    4. Die Familie und die Arbeit
    Wie wir gesehen haben, waren es unter den Albanern zuerst in erster Linie die jungen Ledigen, die nach Griechenland auswanderten und deren Familienleben durch die Emigration zwar eigentlich nicht mehr existierte, in Albanien aber dennoch weiter gepflegt wurde. Sie schickten die Löhne regelmäßig nach Hause, um ihre Familie zu unterstützen, sie kehrten nach Albanien zurück, um zu heiraten und wenn familiäre Ereignisse einen Anlass boten. Seit der Krise des Jahres 1997 ist jedoch in Albanien eine zweite Form der Emigration entstanden, die bis dahin nur in einem schwachen Ausmaß existiert hatte. Es handelt sich dabei um die Emigration der ganzen Familie, die von langer Dauer ist, sich in vielerlei Hinsicht von der Emigration der jungen Ledigen unterscheidet und die der albanischen Zuwanderung in Griechenland eine zweifache Realität verleiht.

    Man darf die Bedeutung der finanziellen, politischen und sozialen Krise des Jahres 1997 in Albanien ebenso wenig unterschätzen wie die Traumata, die sie in der Bevölkerung hinterlassen hat. Mehr noch als der Zusammenbruch der Pyramidenfirmen haben die Gewalt, die Angst und das Gefühl der Unsicherheit tiefe Spuren hinterlassen – weshalb man von dieser Zeit auch „Krieg“ spricht – die noch mehr Albaner dazu gebracht haben, aus ihrem Land fortzugehen. Griechenland war natürlich ein Ziel dieser Emigrationswelle ebenso wie andere Länder, die bis dahin weniger betroffen gewesen waren, wie die Türkei oder England. Das Wort refugjat hat damit wieder seinen ursprünglichen Sinn erhalten: Die Auswanderungswelle in den Jahren 1997 und 1998 war weniger von der Notwendigkeit motiviert, im Ausland zu arbeiten, als durch jene, sich und seine Familie in Sicherheit zu bringen, weit weg von einem Land, das im Chaos versank. Damit handelt es sich bei dieser Emigration um eine Fluchtbewegung. Das erste Charakteristikum dieser neuen Emigration ist, dass sie die ganze Familie betrifft, was in der ersten Zeit der albanischen Emigration nach Griechenland nicht der Fall war. Die Bedingungen der Emigration selbst (heimlicher Grenzübertritt, ständig wechselnde Unterkunft) erlaubten nicht immer, dass die ganze Familie das Land zur gleichen Zeit verlassen konnte, aber das Ergebnis war dasselbe: Innerhalb weniger Monate fanden sich ganze Familien, die bis zu drei Generationen umfassen konnten, im selben griechischen Ort wieder.
    Das zweite Kennzeichen ist die lange Dauer des Aufenthalts in Griechenland und das Fehlen einer Rückkehrperspektive nach Albanien. Nicht, dass die Rückkehr nach Albanien ausgeschlossen wäre, im Gegenteil: man behält das Haus, man macht Pläne für die Zeit nach der Rückkehr, zum Beispiel für die Hochzeit der Kinder, aber diese Rückkehr ist nicht genau geplant, sie gehört einer fernen und unbestimmten Zukunft an. Die erste Form der Emigration hatte im Gegensatz dazu oft saisonalen Charakter oder jedenfalls einen zeitlich begrenzten: man fuhr für einige Monate weg (in der Regel von März/April bis September/Oktober) oder aber mit der Absicht, eine bestimmte Summe Geldes zu verdienen, die es erlaubte, den Rest des Jahres in Albanien zu verbringen.
    Das dritte Kennzeichen ist, dass die Familien im Vergleich zu den „Ledigen“ viel weniger mobil sind. Sie neigen dazu, sich niederzulassen und nicht mehr fortzubewegen, während die alleinstehenden Männer sich leichter von einer Region zur nächsten begeben, je nachdem, wo sich eine Arbeitsmöglichkeit bietet.
    Und schließlich kann die Familien-Emigration nach Griechenland, vielleicht mehr als die Emigration der „Ledigen“, ein Sprungbrett in ein anderes Land (Westeuropa, Amerika oder Australien), darstellen, wo das Exil dann ein endgültiges sein wird. Diese Funktion hatte die Emigration nach Griechenland schon früher, aber in anderer Form: Wenn geplant war, in ein weiter entferntes Land zu emigrieren, gingen der Vater oder die Söhne nach Griechenland, um zu arbeiten, bis sie das Geld für das Flugticket beisammen hatten, aber die Abreise der Familie erfolgte aus Albanien selbst und nicht aus Griechenland.

    Trotz dieser unterschiedlichen Merkmale sind die beiden Formen der Emigration dennoch miteinander verbunden. Die Familienzusammenführung hatte in der Tat schon vor 1997 begonnen, in einem schwachen Ausmaß zwar, aber sie hätte in den darauffolgenden Jahren selbst ohne die Albanienkrise, diese Tendenz nur beschleunigte, zweifelsfrei zugenommen. Nach mehreren Jahren der Arbeit in Griechenland konnten manche Ledige oder jung Verheiratete tatsächlich genügend finanzielle Mittel und eine ausreichende Kenntnis der griechischen Gesellschaft anhäufen, um ihre Eltern, Geschwister, Frauen und Kinder nachkommen zu lassen und ihr gewohntes familiäres Umfeld in Griechenland wieder aufzubauen. Mit der Familienzusammenführung wird gewissermaßen ein selbst gestecktes Ziel erreicht, sie gilt als ein Zeichen für Erfolg. Die Entwicklung verlief bei den verheirateten Männern oft viel rascher, während manche Ledige zugeben, dass sie die Mittel besessen hätten, ihre Familie früher nachkommen zu lassen, wenn sie mit ihrem Geld vorsichtiger umgegangen wären. Für diese jungen Männer, die in einem fremden Land auf sich selbst gestellt sind, bedeutet die Emigration auch eine Art Befreiung und die Entdeckung einer Lebensweise, die sie in Albanien nicht gekannt haben. Die Gelegenheiten, das bei der Arbeit verdiente Geld auszugeben, sind zahlreich.
    Die Familienzuwanderung wirft spezifische Probleme auf und bewirkt besondere Veränderungen hinsichtlich der Anpassung der Identität. Auf der einen Seite begünstigt sie die Integration, sogar die Assimilation der jüngsten Generation, die in Griechenland zur Schule geht. Auf der anderen Seite bewirkt sie, dass die Albaner unter sich bleiben und einen nationalistischen, sogar rassistischen Diskurs gegen die Griechen führen.
    Das erste Problem, das sich bei der Familienzuwanderung stellt, ist das der Unterkunft. Es ist undenkbar, ganze Familien unter jenen Bedingungen wohnen zu lassen, unter denen die Ledigen wohnten, man muss im Gegenteil die Möglichkeit haben, sich in einer Wohnung oder einem Haus einzurichten, das mit einem Minimum an Komfort ausgestattet ist. Das Problem ist ein zweifaches: In der Stadt erlauben ihre finanziellen Mittel den Albanern in der Regel nur, sich in den „schlechteren“ Vierteln einzumieten, was zu einer Konzentration von Albanern (und von anderen Einwanderern, zum Beispiel aus Russland oder Rumänien) in diesen Vierteln beiträgt, wie etwa um den Platz Attikis in Athen. Freilich handelt es sich dabei noch nicht um „Ghettos“, wie man manchmal in der albanischen Presse liest, aber die Wohnsituation trägt sicher dazu bei, das Gefühl des Ausgeschlossenseins und die Distanz gegenüber der griechischen Gesellschaft zu verstärken. Um so mehr als die griechischen Eigentümer sich manchmal weigern, an Albaner, die ja ein schlechtes Image haben, zu vermieten. Die albanische Immigranten-Zeitung Gazeta e Athinës in Athen klagt etwa im März 2000 über eine Zunahme von Wohnungsangeboten, die klarstellen, dass „Ausländer und Haustiere nicht akzeptiert werden“. Aus diesem Grund sind die Albaner manchmal gezwungen, in Untermiete zu gehen, das heisst, sich an einen Griechen zu wenden, der als offizieller Mieter und als Bürge gegenüber dem Eigentümer auftritt. Diese Situation am Rande der Legalität macht die Albaner von der Gunst des Eigentümers abhängig, der den Vertrag kündigen oder eine Mieterhöhung fordern kann, ohne dass jene etwas dagegen unternehmen können. Kündigungen scheinen die Ausnahme zu sein, aber die Albaner sind sensibel für die Gefahr, die ständig präsent ist und die sie wahrscheinlich zu sehr überbewerten, was das Gefühl des Ausgeschlossenseins und die Opferrolle noch zusätzlich betont.
    Das zweite Problem stellen die Kinder, speziell ihr Schulbesuch, dar. Eine Umfrage, die von einer albanischen Arbeitsgruppe im März 2000 durchgeführt wurde, schätzt die Zahl der albanischen Kinder in Griechenland, die zwischen 5 und 18 Jahren alt – das heißt im Schulalter – sind, auf 35.000. Die Mehrzahl geht zur Schule (23.000 davon in die Grundschule), nur 1.200 sollen keine Schule besuchen. Die Umfrage hat ergeben, dass mit Schulbeginn im September 2000 2.000 zusätzliche Schüler zu erwarten sind. Laut derselben Umfrage hat die Mehrzahl dieser Kinder ihren Wohnsitz in Athen. Die Zahl albanischer Schüler variiert je nach Region ebenso wie nach der Schulstufe: Sie ist in Athen höher und nimmt in dem Maße ab, wie die Schulstufe zunimmt. So zählte die Mittelschule von Vrachati in der Ebene von Korinth im Schuljahr 1999/2000 18 albanische Schüler bei einer Gesamtzahl von 200 Schülern (die Albaner repräsentierten 90 Prozent der Ausländer); in der Oberstufe kamen auf 189 Schüler nur mehr 3 Albaner. In Athen sind in der zweiten Klasse der Grundschule Nummer 63 16 der insgesamt 21 Schüler Albaner, während die Mittelschule Nr. 2 in der Nähe des Omoniaplatzes 60 Albaner bei einer Gesamtschülerzahl von 190 zählt (die Albaner hier stellen 75 Prozent der Ausländer).
    Die Anwesenheit einer solchen Zahl von albanischen Schülern im Schulwesen stellt vor allem ein Sprachproblem dar. Die Mehrheit von ihnen spricht beim Eintritt in die Schule kein Griechisch, egal welche Schulstufe sie in Albanien erreicht haben (in den albanischen Schulen, mit Ausnahme jener der griechischen Minderheit, wird kein Griechisch unterrichtet; seit Mitte der neunziger Jahre gibt es in Korça Privatkurse, aber sie richten sich eher an Kinder von Unternehmern, die mit Griechenland Handel treiben, als an die Söhne und Töchter von Migranten). Um den Schulbesuch dieser Schüler zu erleichtern, wurde vom griechischen Staat eine gewisse Infrastruktur eingerichtet. In der ersten Zeit bestand die Lösung darin, sie in die unteren Klassen zu geben, damit sie Griechisch gleichzeitig mit den Griechen selbst lernen. In manchen Grundschulen, wie in Vrachati, wurden Griechisch-Förderkurse am Nachmittag nach Unterrichtsschluss eingerichtet. Dieses System gibt es in der Mittelschule nicht, wo dafür vorgesehen ist, dass die ausländischen Schüler im ersten Jahr für die Sprachbeherrschung keine Noten erhalten. Im zweiten Jahr wird nur die mündliche Kompetenz bewertet. Erst im dritten Jahr werden die ausländischen Schüler so wie die inländischen benotet. Seit Ende 1999 wird in Athen und Thessaloniki ein Schulversuch durchgeführt, der vorsieht, dass die ausländischen Schüler in gewissen Fächern, die je nach Schule und nach dem Niveau der Schüler variieren können (Griechisch, Mathematik, Geschichte, Geographie usw.) zu Gruppen zusammengefasst und vom einem Lehrer betreut werden, der dazu ausgebildet ist, sich mit Schülern zu befassen, die wenig oder überhaupt kein Griechisch sprechen. In der Mittelschule Nr. 2 in Athen betreuen zum Beispiel drei Lehrpersonen die ausländischen Schüler, aufgeteilt in drei Leistungsgruppen je nach ihren Griechischkenntnissen (das heißt häufig nach der Dauer ihres bisherigen Aufenthaltes in Griechenland). Abgesehen von diesen Initiativen begünstigen das große Angebot an privaten Nachmittags- und Abendkursen (den frontistiria) und die wirkliche Sorge der Eltern um den Schulerfolg ihrer Kinder, dass die albanischen Kinder in der Regel sehr rasch Griechisch lernen. Hinzu kommt die Überzeugung der meisten Albaner, und zwar sowohl von Eltern als auch Kindern, dass das griechische Schulsystem nicht so gut wie jenes in Albanien sei und dass daher die schlechtere Unterrichtsqualität durch individuellen Fleiß ausgeglichen werden müsse. Zudem wollen sie – und zwar die Kinder selbst – die Integrationsschwierigkeiten durch schulischen und sozialen Erfolg überwinden, was bei Immigranten häufig zu beobachten ist. Die meisten der befragten Lehrpersonen bestätigen, dass die albanischen Schüler in der Regel einen recht guten Erfolg haben und dass die Sprachbarrieren schnell abgebaut werden.
    Die Frage der Sprache hat eine zweite Facette: Die albanischen Eltern und insbesondere die besser Gebildeten unter ihnen machen sich Sorgen, dass ihre Kinder nach und nach das Albanische verlernen. Dies stellt natürlich im Falle einer Rückkehr nach Albanien ein Problem dar, aber es betrifft auch die „Nation“ und das, was es ausmacht, Albaner zu sein. Es geht hier um die Angst der Assimilation, worauf wir im Abschnitt über die Nation noch zurückkommen werden.
    Neben der Unterkunft und der Schule ist die Meldepflicht das dritte Problem, das sich bei der Familienzuwanderung stellt. Denn selbst wenn die Kinder in der Regel auch unabhängig vom rechtlichen Status ihrer Eltern in die Schulen aufgenommen werden, ist es viel schwieriger, in der Illegalität mit einer Familie zu leben, die eine Belastung darstellt. Griechenland hat im Jahr 1997 ein Verfahren zur Registrierung illegaler Ausländer in Angriff genommen, das sich bis zum Sommer 2000 hingezogen hat. Jene Ausländer, die bei Abschluss des Verfahrens die Green Card erhalten haben, können ihre Familie (Ehepartner und Kinder) offiziell registrieren lassen. Somit wird die Familie legalisiert und ist damit vor der Ausweisung, welche die gängigste Repressalie gegenüber Illegalen darstellt, geschützt. Diese Legalisierung betrifft aber derzeit nur einen Teil der Ausländer und belässt viele von ihnen in der Illegalität, weil sie nicht beweisen können, dass sie eine legale Anstellung haben oder aus anderen Gründen. Die Legalisierung hat auch eine Zunahme von Polizeikontrollen nach sich gezogen, welche die Illegalen in eine noch schwierigere Lage versetzt. In Athen sind der Omoniaplatz und vor allem der Bereich um den Kiosk, der albanische Zeitungen verkauft, nun weitgehend verlassen, wohingegen sie früher ein beliebter Treffpunkt der Albaner waren. Das Näherrücken der Parlamentswahlen im April 2000 hat die Sicherheitsmaßnahmen noch verschärft, da man darauf abzielte, die griechische Bevölkerung zu beruhigen, indem man die Kontrollen und die Ausweisungen von Albanern vermehrte.
    Darüber hinaus bewirkt die Arbeitsmarktsituation Veränderungen im Kreis der Familie. Wenn es den jüngeren Männer immer gelingt, Arbeit zu finden, sei es nun, weil sie Sprachkenntnisse erwerben konnten oder über Netzwerke verfügen, die unerlässlich sind, um Arbeit zu finden, so haben ihre Väter, die erst seit kurzer Zeit hier sind, viel größere Schwierigkeiten. Wenn sie ein bestimmtes Alter überschritten haben, beklagen sie sich, dass ihre physische Kraft sowie ihre Fähigkeit, sich anzupassen und zu lernen, nachlassen. Ebenso wird die Ankunft anderer Bevölkerungsgruppen, die weniger stigmatisiert sind als die Albaner, wie die Rumänen und die Kurden, von den Albanern als eine Form der Konkurrenz – zu ihrem Nachteil – empfunden. Die Frauen sind von dieser Art der Arbeitslosigkeit weniger betroffen, weil es ihnen leichter gelingt, als Putzfrau angestellt zu werden. Daraus folgt eine Veränderung der Geschlechterbeziehungen innerhalb der Familie, und es ist nicht selten, dass die Frau außer Haus arbeitet und ihren Mann zu Hause lässt. Tätigkeiten, die in der albanischen Gesellschaft der Frau vorbehalten sind, wie Kochen, Hausarbeit und Wäschewaschen, werden nun von den Familienvätern erledigt. Tagsüber machen sie auf dem Markt in der Athinas-Straße die Einkäufe, treffen sich auf dem Omoniaplatz und trinken ein Bier oder einen Kaffee und schauen dabei den auf- und abschreitenden bulgarischen und albanischen Prostituierten zu. Durch diese Aktivitäten kommen sie ziemlich wenig mit der griechischen Bevölkerung in Kontakt, nicht zuletzt, weil sie auch Geschäfte auswählen, in denen die Verkäufer Albaner sind. Sie haben kaum das Bedürfnis, Griechisch zu lernen. Jene, die arbeiten, tun das oft mit einem ihrer Söhne, auf den sie sich verlassen können, sowohl, wenn es darum geht, Arbeit zu finden, als auch darum, sich mit dem griechischen Arbeitgeber zu verständigen, was den Kontakt mit der griechischen Bevölkerung in griechischer Sprache noch mehr einschränkt. Ihre Frauen, die im Gegensatz dazu in griechischen Familien arbeiten, sind gezwungen, Griechisch zu lernen, und stellen mit ihren Arbeitgebern leichter einen persönlichen Kontakt her. Selbst wenn der Vater das Familienoberhaupt bleibt und über alles verdiente Geld allein verfügt, kommt diese Situation einem Autoritätsverlust gleich, wenn man sie mit jener Position vergleicht, die im albanischen Kontext die seine sein müsste. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass die meisten albanischen Immigrantenvereinigungen, die in den letzten Jahren in Athen entstanden sind, von Familienvätern initiiert wurden, deren explizites Ziel es ist, „unsere Traditionen und unsere Kultur lebendig zu halten“. Wahrscheinlich denken sie dabei nicht bewusst an ihre Position innerhalb der eigenen Familie, aber es scheint, dass sich hier ihre Familienerlebnisse und der Diskurs über die Nation treffen, um zu einer Strömung zusammenzufließen, die der Integration der Albaner zuwiderläuft. Diese Selbstbezogenheit wird noch viel offensichtlicher werden, wenn wir uns der Frage der nationalen Identität zuwenden.
    5. Die Religion
    Ein weiterer Bereich, in dem die Albaner bei der Immigration nach Griechenland gezwungen sind, ihre Praktiken und ihren Diskurs umzustellen, ist jener der Religion. Die Religion ist auf drei Ebenen ein Problem: In der sozialen Praxis nimmt sie in der albanischen und der griechischen Gesellschaft jeweils einen unterschiedlichen Stellenwert ein; in den Repräsentationen stellt sie die Albaner in Opposition zu den orthodoxen Griechen; in der Symbolik eignet sie sich schließlich für eine Reihe von Dichotomisierungen zwischen Ost und West, Rückständigkeit und Fortschritt, Barbarei und Zivilisation.
    Die Orthodoxie ist mit dem Hellenismus untrennbar verbunden: Grieche und orthodoxer Christ zu sein ist ein und dasselbe. Diese Verknüpfung geht auf das osmanische Reich und auf das Millet-System zurück, und ist ein Grund für die Kontroversen zwischen Griechen und Albanern über die nationale Zugehörigkeit von Nordepirus beziehungsweise der albanischsprechenden orthodoxen Christen in Südalbanien. Für den außenstehenden Beobachter ebenso wie für die Albaner ist die Religion in Griechenland also allgegenwärtig, und zwar sowohl im Alltag (mit neonblauen Kreuzen bestückte Kirchen; die Landstraßen säumende Kapellen und Altäre; Kreuzzeichen beim Anblick einer Kirche oder bei der Abfahrt eines Busses; Priester in langer schwarzer Robe und mit langem Bart; religiöse Fernsehsendungen) als auch an Festtagen (Zunahme der religiösen Aktivität während der Osterwoche; Teilnahme von Kirchenhäuptern am Nationalfeiertag am 25. März; Eidleistung der neuen Regierung vor der Kirche). Stellungnahmen des Erzbischofs von Athen zu politischen und gesellschaftlichen Fragen sind häufig und werden medial verbreitet, und das Verhältnis von Staat und Kirche bleibt ein heikles Thema. Auch in Albanien, aber aus einem ganz anderen Grund: Der gegenwärtige Diskurs, der sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt hat und nach dem 2. Weltkrieg von den Kommunisten wieder aufgegriffen wurde, zielt darauf ab, Religion und Nation zu trennen, indem man letztere über erstere stellt. Er antwortet damit auf die Existenz von vier großen religiösen Gemeinschaften innerhalb der albanischen Bevölkerung: katholisches und orthodoxes Christentum, sunnitischer und Bektaschi-Islam. Die Frage des Verhältnisses von Nation und Religion hat sich dem albanischen Nationalismus sehr früh gestellt, und zwar insofern, als die Nachbarn der Albaner sich bereits als christliche Nationen und Staaten konstituiert hatten, die in Opposition zu einem muslimischen Imperium standen. Ein religiöser Nationalismus war in Albanien nicht möglich, und die Religion wurde immer als eine die Einheit und Existenz der Nation bedrohende Gefahr betrachtet. Folglich hat die Religion in der griechischen und der albanischen Gesellschaft einen ganz unterschiedlichen Stellenwert: Während sich die Griechen mit einer bestimmten Religion identifizieren, ist in die albanische Gesellschaft die Vielfalt der Konfessionen eingeschrieben, und die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft dient nicht dazu, sich als Nation zu definieren, sondern als Individuum, das in einer bestimmten Region, einem bestimmten sozialen Milieu und einer bestimmten Familie geboren ist und lebt. Mit anderen Worten, jeder weiß, ob er nun gläubig oder nicht gläubig, praktizierend oder nicht praktizierend ist, welcher religiösen Gemeinschaft er angehört und welcher religiösen Gemeinschaft seine Nachbarn angehören. Die Religion hat hier eine strukturierende Funktion, sie organisiert die Gesellschaft in verschiedene Untergruppierungen.

    Das hat Auswirkungen auf die Art und Weise, wie Griechen und Albaner sich gegenseitig wahrnehmen, und macht jegliche Diskussion über Religion, ob es sich nun um den muslimischen Fanatismus handelt, den die Griechen anprangern, oder um den orthodoxen Missionarseifer, den die Albaner kritisieren, zu einer für beide Seiten heiklen Angelegenheit. Aus griechischer Sicht sind alle Albaner Muslime (ohne Unterscheidung von Sunniten und Bektaschi), denn die Orthodoxen in Albanien werden als Albanien-Griechen angesehen. In geopolitischen Szenarien sind die Albaner somit Teil der muslimischen Gefahr, die von der Türkei über Bulgarien und Makedonien bis nach Albanien, Griechenland umzingelt. Sie werden auch mit dem osmanischen Reich und dessen negativem Bild in Verbindung gebracht, indem sie als Kollaborateure der Unterdrücker angesehen und für an den Christen verübte Grausamkeiten verantwortlich gemacht werden. Die Verbindung von Albanern und Muslimen liegt auch dem griechischen Irredentismus in „Nordepirus“ zugrunde, da sie es erlaubt, die christlichen Albaner aus dem Süden Albaniens der griechischen Bevölkerung zuzurechnen und die griechischen Forderungen zu stützen. Aus albanischer Sicht stellen die Griechen ebenfalls eine Gefahr dar, weil sie danach trachten, die nationale Einheit der Albaner zu untergraben. In diesem Zusammenhang werfen die Albaner den Griechen oft vor, dass sie der Religion zu viel Bedeutung beimessen. In anderen Worten, die Griechen würden eine Politik verfolgen, die viel eher religiös und von den Interessen der orthodoxen Kirche diktiert sei, als national und von den Interessen der Nation geleitet sei. Im Kontext der Emigration funktionieren diese Vorwürfe auf die gleiche Weise: Man beschuldigt die Griechen, dass sie die christlichen Albaner gegenüber den Muslimen bevorzugen und so danach trachten, jene zum Übertritt zu bewegen, um ihre Assimilierung und die Auflösung ihres Albanerseins zu beschleunigen.
    Islam und Christentum sind darüber hinaus mit Bedeutungen behaftet, die über das reine Verhältnis von Griechen und Albanern hinausgehen. Der Islam wird in der Regel, und zwar sowohl in Griechenland als auch in Albanien (manchmal auch von Muslimen), mit Asien und dem Orient in Verbindung gebracht, während das Christentum als die Religion Europas und des Okzidents wahrgenommen wird. Da er asiatisch ist, repräsentiert der Islam eine fremde und importierte Religion, die im Widerspruch zur „Natur“ der europäischen Völker steht, wird er doch auch mit Rückständigkeit, Vergangenheitszugewandtheit, Barbarei und Armut assoziiert. Oft wird der Islam als „fanatisch“ beschrieben. Das Christentum wiederum ist genau das Gegenteil: die wahre Religion Europas und so auch die Religion der reichen und entwickelten Länder, und als eine Form von „Kultur“ ist es weit von jeglichem Fanatismus entfernt.
    Die Albaner begegnen der Orthodoxie auf zweierlei Art: mit schrittweisem Übertritt oder Ablehnung. Der schrittweise Übertritt ist ebenso ein Übertritt zum orthodoxen Christentum wie er ein Übertritt in die griechische Gesellschaft und die Annahme einer griechischer Lebensweise ist: Angeregt wird er oft von den Arbeitgebern des Einwanderers, die ihn überzeugen, dass sein Erfolg sowie der Bruch mit seiner ärmlichen Vergangenheit und dem negativen Bild des Albaners über den Austritt aus dem Islam erfolgen muss; der Kirchenübertritt wird von den Albanern daher als eine Form des sozialen Aufstiegs wahrgenommen, als Zeichen, dass ihre Arbeitgeber bereit sind, sie anders denn als Albaner zu sehen. Er ist auch ein Mittel, sich von den anderen Albanern abzuheben und seinen Erfolg zur Schau zu stellen: An den Osterfeierlichkeiten teilzunehmen oder furchtlos eine Kirche zu betreten, sind bedeutsame Veränderungen, Zeichen einer neuen Existenz, die der des zivilisierten Menschen mehr als der des wilden Tieres entspricht. Der Kirchenübertritt erfolgt in dem Sinn schrittweise, als die Taufe nur das Ende eines Prozesses ist, der mehrere Jahre andauern kann und der in einem langsamen Vertrautwerden mit dem Ritual und mit seinem Platz im alltäglichen Leben besteht.

    Auch hier sind die wieder Kinder viel empfänglicher für den sozialen Druck, der von ihren Klassenkameraden oder von den Nachbarn ausgeübt wird, und bei ihnen kann die Taufe viel schneller erfolgen. Der Kirchenübertritt ist für jene Eltern, die im allgemeinen nicht praktizierend und dem Islam wenig verbunden sind, auch ein Mittel, die Integration und den Erfolg ihrer Kinder zu erleichtern, ohne damit den Eindruck zu haben, „Verrat“ zu begehen oder sich selbst aufzugeben. Er stellt eine Art Garantie dar, dass die Kinder keine religiöse Diskriminierung erfahren werden. Mehr als die Eltern selbst sind die Nachbarn oder griechischen Arbeitgeber der Auslöser für den Kirchenübertritt der Kinder, aber dieses Vorgehen wird dadurch erleichtert, dass sich die Albaner der Verknüpfung von Orthodoxie und Griechentum bewusst sind. Gleichzeitig haben sie die Gewissheit, dass die religiöse Zugehörigkeit für die Definition des Albanerseins nicht wesentlich ist und man sie also wechseln kann: Vom albanischen Standpunkt aus kann man problemlos gleichzeitig Albaner und orthodox sein. Darüber hinaus bietet die Taufe eine Gelegenheit, ein besonderes Band mit einer griechischen Familie zu knüpfen, welches das Patenkind mit seinem Taufpaten (koumbaros) verbindet. Es stellt gleichzeitig ein Zeichen für sozialen Erfolg und eine Garantie für Unterstützung und Solidarität für den Fall dar, dass die albanische Familie in Schwierigkeiten gerät.
    Letztlich hängt der Religionsübertritt jedoch nicht mit dem Vornamenswechsel zusammen: Selbst wenn die Taufe verlangt, dass man einen christlichen Vornamen annimmt, bedeutet das nicht, dass dieser unbedingt auch verwendet werden muss, vor allem wenn er nicht bereits vor dem Kirchenübertritt als „griechischer Vorname“ verwendet wurde. Der orthodoxe Vorname wird daher als ein privater und persönlicher, beinahe geheimer Vorname gehütet, wohingegen der albanische Vorname weiterhin von Eltern und Freunden verwendet wird.
    Die Ablehnung der Orthodoxie, vor allem unter der albanischen Bevölkerung, für die religiöse Praxis und Glaubensäußerungen eine untergeordnete Rolle spielen, nimmt in der Regel nicht die Form einer Aufforderung nach Zugehörigkeit zum Islam als einer Religion, die sich auf der selben Ebene wie das Christentum befindet oder sogar in Konkurrenz dazu steht, an. Eben durch die Verknüpfung der Kategorien „griechisch“ und „orthodox“ wird das Christentum im Gegensatz dazu vielmehr als ein Hindernis für die Integration der Albaner aufgefasst, als ein Mittel, ihre Differenz zu stigmatisieren und sie in der negativ bewerteten Kategorie der „Albaner“ zu belassen. Es markiert die Grenze, welche die Griechen immer wieder zwischen sich und den Albanern ziehen. Die Ablehnung der Orthodoxie nimmt somit nicht die Form eines theologischen Arguments für die Überlegenheit des Islam an, sondern stellt sich als eine Kritik der Rolle und der Bedeutung der Religion in der griechischen Gesellschaft generell dar. Insbesondere wird dabei auf den Klerus ebenso wie auf das Ritual abgezielt, und zwar vor allem deshalb, weil man sich den Fernsehübertragungen von religiösen Feierlichkeiten oder Stellungnahmen geistlicher Würdenträger nicht entziehen kann, bleibt doch der Fernseher in den meisten Fällen den größten Teil des Tages eingeschaltet. Diese Übertragungen werden von den Albanern als Angriff empfunden, und sie sehen darin nur die Botschaft, dass Griechenland orthodox ist und dass sie darin, außer wenn sie orthodox sind, keinen Platz haben.
    Desgleichen erscheint der Islam, sogar in der sehr rudimentären Version der meisten Albaner, als albanisches Merkmal, wie etwas, das es zu bewahren und zu beschützen gilt, will man Albaner bleiben. Es geht weniger darum, den Islam zu praktizieren – vor allem, da man es in Albanien auch nicht tut –, als sich als Muslim zu deklarieren, was im Hinblick auf das Verhältnis von Griechen und Albanern gleichbedeutend mit Albaner wird. Im Gegensatz zum gängigen Diskurs über die untergeordnete Rolle der Religion in der Definition der albanischen Nation erscheint der Islam hier, im Rahmen der Immigration nach Griechenland, als ein Kennzeichen der albanischen Identität. Nichtsdestoweniger bleibt der Islam – wie überall auf dem Balkan – eine problematische Religion: Wahrscheinlich gleicht die Haltung der Albaner deshalb eher einem Antiklerikalismus als einem Antichristentum.
    6. Die Nation
    Die Albaner in Griechenland leben in einem Staat, der nicht der ihre ist, der sie im Allgemeinen nicht anerkennt und sie nicht haben will. Die griechische Gesellschaft akzeptiert die Differenzen, welche die ethnische Homogenität ihrer Nation in Frage stellen könnten, schlecht und strebt nach einer Assimilation all dessen, was anders ist, wie wir es im Fall der Religion gesehen haben. Diese ungemütliche Lage weckt bei den Albanern ein zwiespältiges Gefühl gegenüber ihrer eigenen Nation und gegenüber ihrem eigenen Staat. Zudem beruht das Albanersein im Allgemeinen auf einer essentialistischen Vorstellung von menschlicher Gemeinschaft: Welche Bedeutung man auch immer der Erziehung und der Kultur beimisst, eine Gemeinschaft wie die Nation wird vor allem über das Blut und über die Weitergabe nationaler Eigenheiten von einer Generation auf die nächste – und zwar eben durch das Blut – definiert. Die Nation wird als eine unveränderbare Größe aufgefasst, die schon immer existiert hat und deren Existenz nicht eigens begründet werden muss.

    Diese Vorstellung ist im Diskurs der Albaner in Albanien im Allgemeinen nur unterschwellig vorhanden – in einem Kontext also, wo die Definition und die Bestätigung des Albanisch-Seins keine Priorität hat, wo hingegen die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft, zu einer Verwandtschaftsgruppe, zu einer Region oder einer politischen Fraktion alltäglichere und unmittelbarere Implikationen hat. In Griechenland und bis zu einem gewissen Maß auch in den Grenzregionen ist das anders: Die tägliche Begegnung mit dem Fremden, das heißt mit dem national Anderen, verstärkt das Gefühl der Zugehörigkeit zu seinem eigenen Land und zu seiner eigenen Gesellschaft und zwingt so, die Nation klarer zu definieren. Daraus folgt bei den Albanern eine Art von Selbstbezogenheit, was sich sowohl in den Diskursen über das Griechisch-Sein und Albanisch-Sein niederschlägt als auch in der Art, wie die Migranten ihr Verhältnis zu den beiden Staaten und Gesellschaften begreifen. Es steht dabei viel auf dem Spiel, wenn nämlich die einen den anderen Rassismus und Nationalismus vorwerfen, oder wenn es um äußere Ereignisse geht, wie im Fall des Kosovo-Krieges 1999. Die Albaner warfen den Griechen damals vor, Serbien gegen die Kosovoalbaner zu unterstützen, während die Griechen die Griechenland-Albaner beschuldigten, wegen der Perspektive auf ein – Griechenland bedrohendes – „Großalbanien“ für die Albaner im Kosovo einzutreten.
    Es sind hier zwei Haltungen der Albaner zu unterscheiden – die erste ist auf Ethnozentrismus zurückzuführen, die zweite auf Nationalismus, wobei letzterer eine politische Dimension aufweist, die ersterer nicht besitzt. Ich verstehe unter Ethnozentrismus die Behauptung der Überlegenheit der eigenen Gemeinschaft und unter Nationalismus das Streben nach politischer Anerkennung wenn nicht der Überlegenheit, so doch zumindest der Besonderheit der eigenen Gemeinschaft ist. Die Albaner in Griechenland sind immer bereit zu behaupten, dass sie den Griechen in vielerlei Hinsicht überlegen sind (wenn es beispielsweise um moralische Eigenschaften geht, welche die einen den anderen zuschreiben), ganz so als wollten sie damit die soziale Unterlegenheit, in der sie positioniert sind, ausgleichen. Der Hauptvorwurf, der den Griechen gemacht wird, ist Unehrlichkeit: Die Griechen werden von den Albanern übereinstimmend als des Vertrauens nicht würdig erachtet (i pabesë), die Treue zum gegebenen Wort (besë) wird im Gegensatz dazu als die edelste und die den albanischen Charakter am meisten auszeichnende Eigenschaft dargestellt. Man bezichtigt die Griechen des Lügens, des berechnenden Kalküls zum Nachteil der Albaner und der Unzuverlässigkeit: „An einem Tag sagen sie, dass sie deine Freunde sind, aber am nächsten Tag, wenn sie dich nicht mehr brauchen, kennen sie dich nicht einmal mehr.“ Die bei den Albanern geforderte Form der zwischenmenschlichen Beziehungen drückt sich auch in Gegenüberstellungen von als kalt und distanziert geltenden Griechen auf der einen und den vertraulichen Albanern auf der anderen Seite aus. „Die Griechen haben keine Freunde; die Griechen lachen nicht; die Griechen stecken ihre alten Eltern in Heime“, sind oft wiederholte Klischees. Die Albaner präsentieren sich im Gegensatz dazu als lebensfrohe Menschen, welche die Geselligkeit lieben und die niemals einen Freund oder Elternteil in seiner Not allein lassen. Auf einer anderen Ebene betonen sie auch die positive und konstruktive Rolle, welche die Albaner, die Arvaniten eingeschlossen, bei der griechischen Revolution, der Befreiung Griechenlands und dessen Weg zu einem modernen Staat gespielt haben, wobei sie sich manchmal als die wahren Gründer des griechischen Staates präsentieren. Die Rolle der Griechen in der albanischen Geschichte wird hingegen immer als destruktiv dargestellt, da Griechen die Existenz einer albanischen Nation ständig geleugnet hätten und durch die Gleichsetzung aller Orthodoxen mit Griechen heute noch die Integrität der albanischen Nation bedrohen würden. Die griechische religiöse Propaganda sei zudem verantwortlich dafür, dass sich viele orthodoxe Albaner in Südalbanien zur griechischen Nation bekennen, und leiste so einer Politik Vorschub, die auf die Auflösung der albanischen Nation abziele. Wie wir gesehen haben, wird darüber hinaus das albanische Schulsystem für seine hohe Qualität gelobt, wohingegen die Griechen als Menschen ohne Bildung und ohne Zeugnisse beschrieben werden, als Opfer ihres erbärmlichen Schulsystems. Und schließlich betonen die Albaner gern, dass ihr Alphabet 36 Buchstaben habe, während das griechische Alphabet nur 24 besitze: Sei das denn nicht ein Zeichen für die albanische Überlegenheit? In dieser Form äußert sich im Wesentlichen der albanische Ethnozentrismus.

    Kann man darüber hinaus von einem albanischen Nationalismus in Griechenland sprechen, das heißt von einer politischen Auseinandersetzung bezüglich der Stellung der Albaner in Griechenland? In den ersten Jahren der Immigration waren die meisten Albaner zu sehr mit dem Überleben und Geldverdienen beschäftigt und sahen sich selbst nur als Saisonarbeiter: Griechenland war einfach ein Mittel, um Geld zu verdienen. Wie es ein Familienvater aus einem Dorf nahe der Grenze beschreibt, blieb man dort, bis man „die Taschen voll hatte“, und kehrte zurück, wenn man „alles ausgegeben hatte“. Die Legalisierung wurde nicht so sehr als Anerkennung seines Status durch den griechischen Staat betrachtet, sondern als ein Mittel, weniger Ärger mit der Polizei zu haben, also effizienter arbeiten zu können. Die Emigration war ein individuelles Projekt, das darauf gerichtet war, die Lebensbedingungen der Familie, die in Albanien geblieben war, zu verbessern. Die Frage der kollektiven Situation der Albaner in Griechenland stellte sich nicht.
    Wie wir gesehen haben, hat sich die Lage seit Mitte der neunziger Jahre verändert, vor allem seit 1997. Die Albaner sind sich zunehmend dessen bewusst geworden, dass sie nicht nur vorübergehend in Griechenland sind, sondern dass sie ein Segment der griechischen Gesellschaft bilden und daher eine entsprechende Form der Anerkennung einfordern können. Derzeit entfaltet sich die politische oder „nationale“ Aktivität der Albaner hauptsächlich im Rahmen von Migrantenvereinigungen. Sie ist zum einen gegen den Rassismus gerichtet, dessen Opfer die Albaner zu sein glauben, und mehr noch gegen die Assimilation, die sie eine „Auflösung“ der albanischen Nation in Griechenland befürchten lässt. Eine einzige albanische Vereinigung, das Forum, ist derzeit in Athen offiziell registriert, eine andere, die sich aus der Athener Vereinigung herausentwickelt hat, ist in Thessaloniki aktiv. Weitere Projekte sind zur Zeit im Aufbau begriffen. Abseits dieser eingetragenen Vereinigungen gibt es in Athen eine Reihe von informellen Zuwanderergemeinschaften, die seit Mitte der neunziger Jahre gegründet wurden. Deren Existenz ist oft von kurzer Dauer, ihre Aktivitäten sind begrenzt – mangels finanzieller Mittel und legalem Status – und die Zahl ihrer Mitglieder ist schwer zu eruieren. Ihre Funktion variiert: Manche haben einen regionalen Bezug (Labëria: Vereinigung der in der Labëria lebenden Menschen; Muzaku: Vereinigung der in Berat lebenden Menschen), andere einen religiösen (Liga der orthodoxen Albaner in Griechenland, gegründet im März 2000), einen kulturellen (Vereinigung der albanischen Schriftsteller und Intellektuellen) oder sie sind Solidargemeinschaften (Brüderlichkeit, Vaterland). Das Ziel, das die meisten von ihnen erklärtermaßen verfolgen, ist die albanische Kultur zu bewahren sowie die albanische Sprache und die albanischen Traditionen in Griechenland lebendig zu erhalten. Sie sind damit Ausdruck der Sorge ihrer Gründer angesichts der raschen Integration der Albaner, die als Assimilation, also als Auflösung, betrachtet wird. Der Fall der Arvaniten, der Nachfolger der im 14. und 15. Jahrhundert nach Griechenland ausgewanderten Albaner, wird oft als Beispiel dafür zitiert, was die Albaner in Griechenland heute erwartet: Viele von ihnen sprechen kein Albanisch und alle betrachten sich eher als Griechen albanischen Ursprungs denn als Griechenland-Albaner. Abgesehen vom Forum, das von einer jungen Mannschaft geführt wird, wurden alle Vereinigungen von Familienvätern initiiert und geleitet, die der alten albanischen kommunistischen Intelligentsia mehr oder weniger nahe standen. Wie wir gesehen haben, kann man diese Vereinsaktivität als Reaktion dieser Generation auf eine gewisse soziale und berufliche Außenseiterrolle betrachten. Wenige von ihnen sind perfekt integriert und die meisten beklagen sich, dass sie in Griechenland keine Anstellung bekommen können, die ihrem intellektuellen Status entspricht. Die Vereinsaktivität, selbst wenn sie auf die Organisation von Versammlungen und auf die Erstellung von Mitgliedskarten beschränkt bleibt, verschafft ihnen gewissermaßen das Gefühl, Herr der Lage zu sein und handeln zu können. Diese Generation tut sich schwer damit, mit ansehen zu müssen, wie schnell ihre Kinder sich assimilieren. Die Begeisterung für Funktionstitel, die man auch anderswo auf dem Balkan kennt, ist ebenfalls ein Motor für Vereinsaktivitäten. Sie ist auch Grund für Konflikte innerhalb des Vereins: Schließlich hat es einen gesellschaftlichen Wert, Präsident einer Vereinigung zu sein. Man erinnere sich nur an jenen Ausspruch von Fan Noli, einem albanischen Politiker der Zwischenkriegszeit, der bedauerte, dass, wenn zwölf Albaner zusammentreffen, um etwas zu organisieren, 13 kapedan sein wollen. Im selben Zusammenhang erklärt ein Albaner aus Athen, der diesem Vereinsmilieu nahesteht, dass „sehr wenige Vereinigungen mehr als fünf Mitglieder haben, und die meisten haben zweieinhalb: einen Vorsitzenden, der für eineinhalb zählt, weil sein Ego sehr entwickelt ist, und einen Vizepräsidenten“.
    Die Aktivitäten und der Einfluss dieser Vereine sind aus mehreren Gründen beschränkt. Viele von ihnen sind nicht als Zuwanderervereinigungen registriert und verzichten darauf, die notwendigen Schritte zu unternehmen, um sich eintragen zu lassen und auch nur irgendetwas mit dem griechischen Staat zu tun zu haben. Sie entwickeln im Gegensatz dazu einen Opferdiskurs, demzufolge die albanischen Vereinigungen deshalb nie registriert werden, weil der griechische Staat ihnen dabei zu viele Steine in den Weg legt. Dafür erwarten sie sich eine Menge vom albanischen Staat und glauben, dass er die Entwicklung der albanischen Vereinsaktivitäten im Einwanderungsland unterstützen wird. Daher bemühen sich die albanischen Vereine, abgesehen vom Forum und dessen Beziehungen zu griechischen Ausländerhilfsverbänden, auch überhaupt nicht, Kontakte mit dem griechischen Vereinsmilieu aufzubauen. Sie wundern sich sogar, wenn man ihnen rät, dass eine solche Politik den Rassismus und die dafür zum Teil verantwortliche Distanz zwischen den Zuwanderern und der griechischen Gesellschaft wirksamer bekämpfen könnte. Statt dessen wollen sie die Albaner in einer Art moralischem Ghetto halten, ständig bedroht von Rassismus und Assimilation, und nähren darüber hinaus noch eine Art Ressentiment gegenüber dem albanischen Staat, der nichts für seine Landsleute im Ausland unternehme. Diese nicht eingetragenen Vereinigungen reflektieren die Unzufriedenheit eines bestimmten Teils der Immigrantenbevölkerung, die unfähig sind, die Kluft zwischen den albanischen Einwanderern und der griechischen Gesellschaft zu überwinden, auf der die rassistischen Gefühle der einen wie der anderen basieren. Es gelingt ihnen nicht, einen Anknüpfungspunkt zwischen Zuwanderern und griechischer Gesellschaft zu schaffen.

    Ein zweiter Hemmschuh in der Vereinsaktivität ist die Angst vor allem, was die Einheit der Nation zu gefährden scheint, also religiöse, politische und regionale Differenzen. Seit dem Fall des kommunistischen Regimes in Albanien haben die Rückkehr der Religion und die Einführung des Mehrparteiensystems in der Politik in der Tat die in der Diktatur verborgenen Bruchlinien offengelegt: den Gegensatz zwischen Muslimen und Christen, zwischen Norden und Süden oder auch zwischen Kommunisten und Antikommunisten. Statt als normaler Ausdruck einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft werden diese Differenzen vielmehr als eine Bedrohung der Nation wahrgenommen. Jedwede Definition der Vereine auf religiöser, politischer oder regionaler Grundlage wird als gefährlich betrachtet, und die meisten Vereinigungen bilden daher einen sehr allgemeinen Diskurs über die Nation und ihre Traditionen aus, in dem wenige Zuwanderer sich wiederfinden. In der Realität stellen die albanischen Einwanderer in Griechenland auch keine einige und solidarische Gemeinschaft dar, die bereit ist, sich in einer auf der Idee der Nation basierenden Vereinsaktivität zu engagieren. Die Notwendigkeit zu arbeiten und zu überleben beansprucht den Großteil der Energie der Migranten. Außerdem sind sie misstrauisch gegenüber allem, was kollektiv ist und was das Leben der Individuen bestimmen möchte. Die Erinnerung an den Kommunismus und dessen Überbetonung des Kollektivs lässt oft seine Reaktivierung befürchten, und es ist bezeichnend, dass viele Menschen, die sich von diesen Vereinigungen distanzieren, dahinter Manöver von Kommunisten oder Exkommunisten vermuten, welche die Auswanderer kontrollieren wollen. Dieselbe Kritik wird manchmal gegenüber den griechischen Unterstützungsvereinen für Einwanderer und Flüchtlinge geäußert, denen man vorwirft, „zu sehr links“ zu stehen und das Kollektive über das Individuelle zu stellen. Für viele Einwanderer bedeutet die Mitwirkung in diesen Vereinen auch, ihr Albanischsein zu betonen und somit auf eine bestimmte Form der Integration zu verzichten: Ihr Ideal ist aber vielmehr der individuelle Erfolg, der über die vorangetriebene Integration in die griechische Gesellschaft erreicht wird, während die Bewahrung der albanischen Nation in Griechenland ein sekundäres Anliegen ist.
    Politisch und national ist die albanische Immigration somit nicht einheitlich. Die Art und Weise, wie die Albaner ihre Zukunft in Griechenland sehen, ist ambivalent, und diese Ambivalenz hat ihre Wurzeln in ihrer Sicht von Griechenland und der griechischen Gesellschaft: zugleich als Modell, dem zu folgen ist, und als Bedrohung des individuellen Erfolgs und der nationalen Eigenheiten. Aus diesem Grund sind die Albaner bis dato unfähig, eine politische Vision ihrer Präsenz in Griechenland zu entwickeln: Ihre Selbstbezogenheit hat ihre Wurzeln viel eher im Ethnozentrismus, der bis zum Rassismus führen kann, als im Nationalismus.
    Die politische Schwäche der Albaner in Griechenland ist wahrscheinlich eine Folge ihrer ökonomischen Schwäche. Die Herausbildung einer neuen Kategorie von Zuwanderern, die sich durch wirtschaftlichen Erfolg auszeichnet, der innerhalb der griechischen Gesellschaft und nicht durch illegale Arbeit an deren Rändern erzielt wurde, kann eine Veränderung bewirken. Solche Fälle sind allerdings noch zu selten, um eine größere Tragweite zu haben, aber die Griechenland-Albaner können sich mit Sicherheit mehr von diesen Beispielen gelungener Integration erhoffen, als von jener Selbstbezogenheit und jenem Opferdiskurs, den die Mehrheit derer führt, welche die Interessen der Griechenland-Albaner zu vertreten vorgeben.
    7. Resümee
    Die albanische Zuwanderung in Griechenland ist zweifelsfrei ein Aspekt der „albanischen Frage“, das heißt der politischen und ideologischen Reorganisation der verschiedenen albanischen Gemeinschaften auf dem Balkan seit Anfang der neunziger Jahre. Mit ihr stellt sich auch die Frage des Verhältnisses zwischen Griechenland und Albanien und was es heißt, außerhalb Albaniens Albaner zu sein. Darüber hinaus ist sie aufschlussreich in Hinblick auf die neuen Probleme, mit denen sich Griechenland seit dem Ende der kommunistischen Regime in der Region konfrontiert sieht: Die albanische Immigration hat zahlenmäßig die größte Bedeutung, sie stellt aber nur einen der Migrationsströme dar, die von Osteuropa und der ehemaligen UdSSR nach Griechenland gelangen.

    Albaner in Griechenland zu sein, wird nicht von allen Einwanderern gleich erfahren: Die religiöse Zugehörigkeit, die gewählte Form der Zuwanderung oder die regionale Herkunft in Albanien bestimmen die Zukunft der Albaner in Griechenland. Die Haltung der Einwanderer gegenüber der griechischen Gesellschaft scheint sich zwischen vier großen Polen zu bewegen, die entlang zweier Achsen definiert werden können. Die erste Achse ist jene der Anerkennung und der Wahrung der albanischen Identität; die zweite ist jene des – freiwilligen oder erzwungenen – Sich-Auflösens dieser Identität. Im ersten Fall streben die Albaner zum einen nach dem Status einer nationalen Minderheit in Griechenland: Ihre Präsenz in Griechenland wäre offiziell anerkannt, sie hätten nicht mehr mit Ausweisungen zu rechnen und könnten ihre Sprache bewahren ebenso wie die „Kultur und die nationalen Traditionen“. Das Weiterbestehen der albanischen Identität liegt, wenn sie aufgezwungen wird, einem anderem anderen Gefühl zugrunde, das darin besteht, sich als Opfer des Rassismus und der Diskriminierung durch die griechische Gesellschaft und den griechischen Staat darzustellen. Im zweiten Fall tendieren die Einwanderer entweder dazu, das Aufgehen in der griechischen Gesellschaft bis hin zum „Griechisch-Werden“ freiwillig zu akzeptieren oder aber die erzwungene Assimilation zu verurteilen, als deren Opfer sie sich fühlen. Es gibt somit vier Möglichkeiten, wie in der folgenden Tabelle dargestellt.
    Modalität
    freiwillig unfreiwillig
    Albanische Identität Aufrechterhaltung „Minderheit“ „Rassismus“
    Verlust „Integration“ „Assimilation“

    Die Ambivalenz der albanischen Identität in Griechenland ist darauf zurückzuführen, dass sich diese vier Möglichkeiten nicht gegenseitig ausschließen: Die selbe Person kann gleichzeitig ihren Kindern verbieten, zu Hause albanisch zu sprechen, um deren Integration zu erleichtern, und von den Griechen in einer Art „Minderheitenstrategie“ die Anerkennung des albanischen Charakters griechischer Nationalhelden fordern. Ebenso kann man gleichzeitig die Assimilation und den Rassismus, deren Opfer die Albaner sind, verurteilen. In anderen Worten, die Haltung der Albaner, wenn sie ihre Präsenz in Griechenland reflektieren, ist nicht einheitlich. Es ist, als würde die Immigration bei den Albanern selbst die Frage aufwerfen, was es heißt, Albaner zu sein: Kann man außerhalb des Nationalstaats Albaner sein? Kann man Albaner sein, ohne albanisch zu sprechen?
    Aus dem Französischen übersetzt von Robert Pichler und Dagmar Gramshammer-Hohl.





    Hier ein überblick warum die Albaner gezwungen sind Griechisch zu lernen und ihre herkunkft zu verleugnen,ihre sprache zu vergessen,ihre namen verändert werden und bei uns haben sie schulen und können/wollen kein albanisch lernen.
    Gleiches recht für alle oder die griechen schulen schliesen und die griechen in albanien sollen auch albanische namen annehmen.



    Gilles de Rapper : Transformation und Anpassung: Die albanische Zuwander in Griechenland zwischen Integration und Rassismus

  8. #18

    Registriert seit
    09.11.2009
    Beiträge
    3.159
    ahh die armen albaner tuen mir fast leid...

  9. #19
    Bendzavid
    Zitat Zitat von Roberto Beitrag anzeigen
    Transformation und Anpassung:
    Die albanische Zuwander in Griechenland zwischen Integration und Rassismus
    von Gilles de Rapper
    In Ulf Brunnbauer (Hrsg.), 2002. Umstrittene Identitäten. Ethnizität und Nationalität in Südosteuropa. Frankfurt am Main, Peter Lang : 201-232.
    1. Einleitung
    Am 2. Juli 2000 beging Albanien den zehnten Jahrestag der sogenannten „Botschaftskrise“, die im Juli 1990 den Anfang einer Massenflucht der Albaner vor Diktatur und Armut markierte. Zehn Jahre später befinden sich schätzungsweise 300.000 Albaner in Griechenland, über den Großteil des Landes verteilt, und zwar sowohl in den Städten wie auch auf dem Land. Die albanische Präsenz in Griechenland ist zu einem bestimmenden Faktor im politischen und sozialen Leben beider Länder geworden und belastet die zwischenstaatlichen Beziehungen Griechenlands und Albaniens schwer. Aus diesem Grund werden Diskussionen über die albanische Zuwanderung in Griechenland zumeist von politischen Überlegungen dominiert und anthropologische oder soziologische Feldstudien sind noch immer rar. Außerdem macht die aktuelle Situation selbst demjenigen Forscher Probleme, der idealerweise beiden einander gegenüber stehenden Parteien Rechnung tragen muss, wobei jedoch die Natur ihrer Beziehungen ihn oft daran hindert, auf demselben Gebiet an beide Bevölkerungsgruppen gleichermaßen heran zu kommen.
    Der Fall der albanischen Zuwanderung in Griechenland ist in mehrerer Hinsicht von Interesse.
    Griechenland war lange Zeit ein Emigrationsland, bevor es, beginnend mit den achtziger und vor allem in den neunziger Jahren, zu einem Einwanderungsland wurde. Die Massenankunft von Albanern ab 1991 war zweifellos ein unvorhergesehenes Ereignis, auf das Griechenland nicht vorbereitet war, und die Zuwanderung hat von Beginn an illegalen Charakter angenommen, den sie großteils noch heute trägt. Man muss hier auch die geographische, kulturelle und historische Nähe zwischen den beiden Ländern in Betracht ziehen. Die Albaner sind für die Griechen keine Unbekannten, was auch umgekehrt gilt; das gegenwärtige Verhältnis speist sich aus gegenseitigen Repräsentationen und Verweisen auf die Geschichte. Die Grenze zwischen Albanien und Griechenland ist darüber hinaus mit einer Bedeutung aufgeladen, die über die Beziehung zwischen den beiden Staaten hinaus geht: Sie ist auch eine Außengrenze der Europäischen Union und die Grenze zwischen der Orthodoxie und dem Islam. Eine solche Grenze zu überschreiten ist keine geringe Sache, und die Albaner, die es tun, setzen sich mehr oder weniger bewussten und mehr oder weniger akzeptierten Veränderungen aus.
    Ich möchte im folgenden die Veränderungen beschreiben, welche die Albaner erfahren, wenn sie nach Griechenland kommen. Die Persönlichkeit, die Familie, die Arbeit, der Diskurs über die Religion und die Nation gehören zu den vielen Bereiche, in denen sich ein Individuum umstellen muss, wenn es nach Griechenland auswandert; anders ausgedrückt, der Vorname, das äußere Erscheinungsbild, die Art der Anstellung oder die Religion sind nicht allein die Kennzeichen, die es ermöglichen, Individuen in die Kategorie „Albaner“ einzuordnen: Ihr Wandel und ihre Anpassung selbst sind Kennzeichen der Lebensbedingungen der Albaner in Griechenland. Albaner in Griechenland zu sein, bedeutet nicht so sehr, Gentian oder Blerim zu heißen, sondern Jorgos oder Vassilis heißen zu wollen oder aber sich dazu gezwungen zu fühlen.
    2. Die Persönlichkeit
    Sonntagmorgen in einem Athener Bus im Nobelviertel Kifissia; eine alte Dame steigt zu, ein junger Bursche erhebt sich und überlässt ihr seinen Platz. Einige Sitze dahinter unterhalten sich zwei Paare laut und angeregt auf Albanisch. Neben ihrer Sprache zeugen ihre abgetragene und altmodische Kleidung, ihre gezeichneten und vorzeitig gealterten Gesichter ebenso wie ihre Gesprächigkeit davon, dass sie nicht aus diesem Viertel stammen. Die alte Dame wirft einen kurzen Blick auf die Gruppe und wendet sich dann an ihre Sitznachbarin: „Hmmm“, meint sie, „Albaner!“ Die Nachbarin lächelt und antwortet in gebrochenem Griechisch: „Ich bin ebenfalls Albanerin, und er ist auch Albaner“, sagt sie und zeigt dabei auf den Jungen, „er ist mein Sohn“. Die alte Dame mustert den Jungen von Kopf bis Fuß: „Das ein Albaner? Nein, das ist ein Grieche, er schaut aus wie ein Grieche; die Albaner erkenne ich!“
    Begebenheiten dieser Art ereignen sich immer häufiger in Athen, und es bedeutet für die albanischen Mütter ein großes Glück, wenn sie stolz erzählen können, dass ihre Töchter oder Söhne wie Griechen aussehen und dass sie nicht mehr das Gefühl des Ausgeschlossenseins ertragen werden müssen, das sie selbst erfahren haben. Diese Geschichten zeigen, wie wichtig das äußere Erscheinungsbild in den Vorstellungen ist, die sich die Griechen von den Albanern machen, ebenso wie in jenen, welche die Albaner von sich selbst haben.
    Zur Zeit der ersten Flüchtlingswellen Anfang der neunziger Jahre haben sich in Griechenland und andernorts in Europa die Bilder von der Massenauswanderung in Richtung Italien sowie jene des Winters 1991/92 verbreitet, eine Vorstellung von Albanien und den Albanern, die sich bis heute hartnäckig hält, auch wenn in der Zwischenzeit noch andere Bilde hinzu gekommen sind. Der Albaner wird zuallererst durch seine Armut charakterisiert. Er ist schlecht gekleidet, trägt zerschlissenes Schuhwerk, er leidet Hunger. Dann kommt er aus einem Land, in dem die Geschichte mehr oder weniger stehengeblieben ist, und er hinkt der modernen Gesellschaft hinten nach, staunt über die öffentliche Beleuchtung, die Plastikflaschen oder das Farbfernsehen. Schließlich verlässt er ein gesetzloses Land, in dem seit dem Ende der Diktatur Anarchie herrscht. Er selbst folgt auch keinen Gesetzen, bestenfalls stellt man ihn sich als ein wildes Kind vor, im schlimmsten Fall wie einen unberechenbaren und unkontrollierbaren Primitiven. Die Verbindung dieser drei Facetten bewirkt, dass die Albaner leicht als Diebe oder Mörder beschuldigt werden und als eine Gefahr für die Regionen, die sie durchqueren oder in denen sie sich niederlassen, gelten. 1994 lebten die Dörfer des Epirus in großer Furcht vor den Albanern, die man zwar nie sah, aber man stellte sie sich vor, wie sie in Gruppen um die Dörfer umherstreiften, jede Ruine und jeden Wald bis hin zu den öffentlichen Sportanlagen heimsuchten. In griechisch Westmakedonien, einer anderen Durchzugsregion der Albaner, beklagen sich die Dorfbewohner, dass sie es nach Sonnenuntergang nicht mehr wagen, das Haus zu verlassen, während man „früher ausgehen und dabei die Haustür offen lassen konnte“. In den Grenzregionen wird die Angst vor dem Albaner von manchen Presseberichten und politischen Kreisen geschürt, obwohl dies gerade jene Regionen sind, in denen die Albaner am wenigsten sichtbar sind. Im allgemeinen sind sie dort nur Durchreisende, die sich versteckt halten.
    Gleichzeitig ist eben dieses Bild mit der Hilfestellung und jener paternalistisch gefärbten Unterstützung verbunden, welche die Griechen den ersten Flüchtlingen gewährt haben: Diese kehrten einige Tage später nach Albanien zurück, nachdem man ihnen zu essen gegeben hatte, die Hände voll mit Altkleidung von den Dorfbewohnern, die sie aufgenommen hatten. Noch heute ist der Albaner ein Mittel, sich alter Möbel und alter Kleider zu entledigen, die man nicht mehr braucht. 1996 berichten Albaner im Dorf Dipotamia, das einige hundert Meter von der albanischen Grenze entfernt liegt, wie sie Tag für Tag nach Griechenland zur Arbeit in Häuser und Bauernhöfe kommen, wo ihre Gehälter zwar niedriger als in den Städten sind, aber von wo sie oft mit Möbeln, Werkzeug oder Kleidung, die sie von ihren Arbeitgebern erhalten, nach Hause zurückkehren. „Wenn sie mir etwas anbieten“, erzählt Namik von seinen Arbeitgebern, einem alten Ehepaar, für das er Malerarbeiten verrichtet, „nehme ich es, auch wenn ich nicht weiß, was ich damit anfangen soll. Wenn ich es nicht nehme, dann werfen sie es auf jeden Fall weg.“ In Rendi, einem Arbeiterviertel in der Athener Vorstadt, erzählt 1999 eine albanische Mutter, wie ihr, als sie vor einem Jahr ankam, von den Nachbarn, die in dem Haus gegenüber wohnten, geholfen wurde. Die Nachbarin brachte vor allem Kleidung, von Zeit zu Zeit bringt sie noch heute einen Tisch oder sogar ein Elektrogerät. „Auch die Nachbarin von unten hat uns Kleider gebracht“, fügt sie hinzu, „es waren aber Kleider von Albanern. Wir haben sie nie getragen.“ Fast zehn Jahre nach ihrem ersten Kontakt mit Griechenland sind die Albaner nicht mehr bereit, alles zu akzeptieren, und versuchen vor allem, das Bild des albanischen Flüchtlings – arm, unwissend und gefährlich – zurückzuweisen. Aus diesem Grund können sie die alten Kleider und altmodischen Anzüge nicht mehr annehmen, die sie als Albaner stigmatisieren würden. Ebenso lehnen sie Unterstützung ab, wenn sie sich an sie als Albaner richtet, das heißt an sie als Menschen, die bereit sind, aus Mangel an Wahlmöglichkeit oder Unterscheidungsfähigkeit alles zu akzeptieren.
    Das Bild des Albaners geht über die reine Kategorisierung hinaus, es beschränkt sich nicht allein auf die Zuschreibung von außen, wer Albaner ist und wer nicht, sondern es wurde rasch von den Albanern ins eigene Selbstbild integriert; Albaner verwenden es, um über sich selbst zu sprechen und sich zu definieren. Es findet somit Eingang in einen Prozess der Identifikation. Die Verwendung der Begriffe refugjat, „Flüchtling“, und albanez und alvanos, »Albaner«, aus dem Italienischen beziehungsweise Griechischen, gibt Aufschluss darüber, wie die Sicht von außen die Eigenwahrnehmung beeinflusst. Der Begriff refugjat steht in enger Verbindung mit der Emigration der neunziger Jahre. Die meisten albanischen Regionen erfuhren bis zum zweiten Weltkrieg, und die Albaner Jugoslawiens darüber hinaus, verschiedene Phasen der Emigration, wofür die Bezeichnungen kurbet (aus dem türkischen gurbet, „fremdes Land“) und mërgim („Migration“) allgemein Verwendung fanden. Während der kommunistischen Periode unterschied das Regime zwischen „Wirtschaftsemigranten“ – Albanern, die vor der Einführung des Kommunismus das Land verlassen hatten, – und „Verrätern“ – solchen, die es unter dem Kommunismus verließen. Letztere sind für die Bevölkerung jene, die „geflüchtet“ sind (arratisur). Heute bedient man sich des Wortes refugjat, um die Emigration zu bezeichnen. Man sagt, dass jemand als Flüchtling nach Griechenland gegangen ist (iku refugjat në Greqi), dass er als Flüchtling in Griechenland lebt (jeton refugjat në Greqi) sogar, dass er als Flüchtling in Griechenland arbeitet (punon refugjat në Greqi). Dieselben Ausdrücke gelten auch für die Emigration nach Italien. Der Begriff wurde aus dem Italienischen entlehnt und bezeichnete anfangs jene Albaner, die sich im Juli 1990 in die westlichen Botschaften von Tirana geflüchtet hatten, später dann jene, die aus Albanien auf überladenen Schiffen in Richtung Italien flohen. In weiterer Folge bezeichnete er jede Art von Auswanderung nach Griechenland und nach Italien, unter welchen Bedingungen sie auch immer vonstatten ging: Er entspricht eher der Bezeichnung „Wirtschaftsflüchtling“ als der des „Politflüchtlings“. Jedenfalls gehört er inzwischen zum am häufigsten gebrauchten Vokabular.
    Im Unterschied zum Wort refugjat, das vielmehr eine Aktivität und eine Lebensweise beschreibt, die, wie wir noch sehen werden, nicht für alle Migranten gleich sind, beziehen sich die Worte albanez und alvanos auf einen bestimmten Persönlichkeitstyp und stehen eher für einen albanischen „Nationalcharakter“. Das erste Wort entstammt dem Italienischen, das zweite dem Griechischen, beide aber haben jene Wurzel, mit der die Albaner in den meisten nichtalbanischen Sprachen bezeichnet werden. Diese – wahrscheinlich sehr alte – Wurzel wurde in Albanien selbst durch eine andere ersetzt, shqip-, von der der Name des Landes (Shqipëri), der Einwohner (Shqiptar) und der Sprache (shqipë) gebildet wird. Die Worte albanez und alvanos sind über das Fernsehen und durch ins Land heimgekehrten Auswanderer ins Albanische gelangt. Im Süden Albaniens wird das italienische Wort albanez häufiger als das griechische alvanos verwendet, trotz der Nähe Griechenlands und der sehr engen Kontakte zwischen den zwei Ländern, und zwar wahrscheinlich aus historischen Gründen: Die ersten großen Emigrationswellen der Jahre 1990 und 1991 hatten Italien zum Ziel, zu einer Zeit, wo zahlreiche Haushalte bereits italienische Fernsehkanäle empfingen und so in den italienischen Fernsehsendungen von sich sprechen hörten. Die Tatsache, dass das italienische Wort mehr in Gebrauch ist als das griechische, die Grenzregionen zu Griechenland eingeschlossen, ist darüber hinaus bezeichnend für die Beziehung der Albaner zu den beiden Ländern. Im Allgemeinen betrachten sich die Albaner den Italienern in der Tat als sehr nahestehend (hinsichtlich der Sprache und des Charakters), sie neigen dazu, diese zu bewundern und in vielen Bereichen nachzuahmen, wohingegen die Griechen als viel weiter entfernt und viel fremder angesehen werden. Das semantische Feld des Wortes albanez unterscheidet sich zudem von jenem des Wortes shqiptar; ersteres bezieht sich immer auf das Bild, das die Albaner von sich im Ausland zu vermitteln glauben, auch wenn sie wissen, dass dieses Bild sehr häufig ein negatives ist. Es wird von den „Flüchtlingen“ verwendet, die nach Griechenland oder Italien arbeiten fahren und die, wenn sie wieder in Albanien sind, von ihren Abenteuern erzählen: Albanez sind die Illegalen, die aus Angst vor den Patrouillen der griechischen Armee die Grenze bei Nacht überschreiten, jene, die mehrere Tage in den griechischen Polizeiposten verbringen, bevor sie zur Grenze zurückgebracht werden, jene, die mehr als alle arbeiten und dabei um die Hälfte weniger Geld verdienen, und die versteckt leben, aus Angst, entdeckt zu werden. Weiters werden jene als albanez bezeichnet, die, da sie unter solchen Bedingungen leben müssen oder aber sich dem verweigern, dazu gebracht werden zu stehlen, zu betrügen und hinterlistig zu sein, um aus diesen Lebensumständen ausbrechen zu können. Albanez nimmt somit die Bedeutung eines Menschen an, der nichts mehr zu verlieren hat – und vor allem nicht mehr seine nationale Ehre, die er mit dem Ethnonym shqiptar aufgegeben hat – und dem es dank seiner List und seinem Mut gelingt, aus dieser Situation auszubrechen beziehungsweise sogar eben jene hineinzulegen, die für seine Situation verantwortlich sind. Die Flüchtlinge, die nach Griechenland arbeiten fahren, ändern nicht nur ihren Vornamen, sie nehmen auch ein neues Ethnonym an und erfahren dadurch eine noch radikalere Veränderung. Im albanischen Kontext wird das Wort albanez in sehr ähnlicher Bedeutung auch für einen entarteten, verdorbenen Albaner verwendet, der nicht mehr so ist wie ein echter shqiptar sein sollte. Es wird auf jene angewendet, deren Verhalten als abweichend und als zu sehr von den durch die Emigration bedingten Veränderungen gezeichnet verurteilt wird, und die daher ein negatives Bild von den Albanern vermitteln: Albanez sind jene, die einen Mercedes vor einem Traktor kaufen, jene, die das in Griechenland verdiente Geld fürs Trinken ausgeben, jene, die Drogen- und Mädchenhandel treiben und korrupt und kriminell sind. In diesem Zusammenhang wird das Land, das sich im Chaos und unter den schwierigen Bedingungen der Armut und des Kampfes ums eigene Überleben befindet, nicht Shqipëri genannt, sondern Albania. Das griechische Wort alvanos wird in derselben Bedeutung verwendet, aber sein Gebrauch bleibt auf jene Albaner beschränkt, die in Griechenland arbeiten; es hat nicht die allgemeine Bedeutung des italienischen albanez. Die Verwendung der Bezeichnungen albanez und Albania zeugt von der Auffassung, welche die Albaner von ihrem eigenen Bild im Ausland haben, und von der Kluft, die zwischen diesem Bild und dem existiert, was sie für die Realität der albanischen Identität halten. Damit wird auch gezeigt, wie sich die Albaner verändern, wenn sie als Gastarbeiter ins Ausland gehen.
    Wie verändern sich die Albaner, wenn sie nach Griechenland kommen? Eine erste Reihe von Transformationen ist mehr mit der Emigration selbst verbunden beziehungsweise mit den Formen, die sie annimmt – und weniger mit der Frage, was es ausmacht, Grieche oder Albaner zu sein. Hier wie anderswo berührt die Emigration das Individuum in seinen familiären und beruflichen Zusammenhängen und stellt die Idee der Person selbst in Frage. Dennoch darf man den Bruch, den diese Lebensweise im Vergleich mit jener vor der Öffnung der Grenze darstellt, nicht über- und die Kontinuitäten unterschätzen.
    Bis 1997 betraf die Emigration nach Griechenland mehrheitlich junge ledige Männer oder jung verheiratete Männer, die im Allgemeinen in der Sommersaison als Gruppe ausreisten, heimlich und für eine begrenzte Zeitdauer von einigen Monaten pro Jahr. Das bedeutet, von der Familie getrennt zu sein, ganz im Widerspruch zu jener Familienform, die in ganz Albanien vorherrscht und gemäß derer die Söhne – insbesondere der jüngste Sohn – bei ihren Eltern sowohl aus ökonomischen als auch aus emotionalen Gründen bleiben müssen. Dennoch handelt es sich hier nicht um eine neue Erscheinung. Einerseits ist die Emigration der Albaner etwas altbekanntes, und zahlreiche Familien bewahren die Erinnerung an solche Trennungen während der Emigrationswelle in die USA in den zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts, die damals oft vorübergehenden Charakter hatte und in der Regel vier oder fünf Jahre dauerte. Andererseits wurde der Familie durch das kommunistische Regime, das die Jungen für mehrere Jahre fern von zu Hause zur Arbeit schickte, stark zugesetzt, egal ob es sich dabei nun um politische Maßnahmen gegen Familien handelte, deren Enthusiasmus für die kommunistische Ordnung angezweifelt wurde, oder um ökonomische Notwendigkeiten, die mit dem Arbeitskräftebedarf bestimmter Regionen zu tun hatten. Im Kontext der Emigration ist diese Trennung jedoch mit einer Einsamkeit verbunden, die viel größer für die Wegfahrenden als für die Daheimgebliebenen ist. Die Einsamkeit wird verstärkt durch die Gefahren der Reise, die Witterungsverhältnisse beim Grenzübertritt (jeden Winter finden Illegale im Schnee des Pindos den Tod), die Hindernisse, welche die griechische Armee und Polizei darstellen, das Fehlen von Kommunikationsmitteln (die Familie erfährt Neuigkeiten nur durch die Vermittlung jener, die ins Dorf zurückkehren, also zufällig) , und durch das antialbanische Klima, das man Griechenland zuschreibt und das die Albaner dazu zwingt, so diskret wie möglich zu leben – in ständiger Angst.
    Manche Emigranten gehen sehr jung nach Griechenland, manchmal schon mit 14 Jahren, nachdem sie das Ende der Schulpflicht erreicht haben. Viele Emigranten haben vor der Emigration auch eine Berufsausbildung erhalten und teilweise in Albanien bereits in ihrem Beruf zu arbeiten begonnen. Sie klagen alle darüber, dass die Emigration sie zwingt, ihren Beruf aufgeben und vor allem unter ihrer Qualifikation arbeiten zu müssen, woraus ein Gefühl der Erniedrigung und ein starkes Bewusstsein für Ungerechtigkeit und Ausbeutung resultiert. Auch in diesem Fall hat das Gefühl der Desorganisation des Berufslebens nicht ausschließlich mit der Emigration zu tun. Es ist ein geläufiges Gefühl im postkommunistischen Albanien, ein Zeichen des Bruchs zwischen einer Gesellschaft, die vollständig durch den Staat kontrolliert wurde, in der das berufliche Schicksal eines jeden sehr früh entschieden wurde und selten veränderbar war, und (einhergehend mit dem Schwinden des Staates) dem Entstehen eines Arbeitsmarktes, den es vorher nicht gegeben hatte, sowie der neuen Bedeutung von Privatinitiative. Desillusioniert fasst es eine Albanerin ihrem Nachbarn gegenüber zusammen: „Ich habe ihn immer als Textilarbeiter gekannt, und jetzt ist er auf einmal Taxifahrer geworden! Was soll das?“ Paradoxerweise ist die Emigration ein Mittel, der Desorganisation des Berufslebens in Albanien zu entkommen, um sie in Griechenland jedoch wieder zu finden, freilich mit höheren Löhnen, aber auch weit weg von der Familie und den Nachbarn, vor deren Augen man nicht gedemütigt werden möchte. Die Erniedrigung, die man empfindet, wenn man unterhalb seines gesellschaftlichen Status beschäftigt ist, bleibt auf die Privatsphäre beschränkt, ohne auf die öffentliche Sphäre überzugreifen.
    Letztlich wird die Emigration als ein Unglück aufgefasst, sogar als eine Erniedrigung, vor allem bei den Älteren. Bis 1997 rechtfertigten jene, die nicht nach Griechenland gingen (manche von ihnen sind inzwischen ausgewandert), ihre Entscheidung, indem sie erklärten, dass sie ihre Würde nicht verlieren wollten und dass sie es nicht akzeptieren konnten, so behandelt zu werden, wie es bei den Einwanderern in Griechenland üblicherweise der Fall ist. In den Erzählungen der Heimkehrer spielt der Gegensatz zwischen Mensch und wildem Tier eine große Rolle: Das Leben der Flüchtlinge in Griechenland wird mit jenem der Tiere verglichen: Man schläft in den Wäldern, man reist bei Nacht, versteckt sich bei Tag, man nimmt jede denkbare Arbeit an, man erträgt die Verachtung, ohne darauf reagieren zu können, man versteht nicht immer, was die Leute sagen. Man lebt außerhalb der Gesellschaft, am Rande der menschlichen Welt. Dieses Außenseiterdasein nimmt oft eine räumliche Dimension an, wenn die Flüchtlinge am Rande der Dörfer und Städte hausen, in einem behelfsmäßigen Unterschlupf irgendwo in den Wäldern und Feldern.
    3. Identitätstransformationen
    Eine zweite Reihe von Veränderungen hängt – und zwar sowohl in der Realität als auch in den Repräsentationen – damit zusammen, was es ausmacht, Grieche oder Albaner zu sein. Zwei Elemente kommen hier zum Tragen: Vorname und Sprache. Ein drittes, die Religion, wird später gesondert behandelt.
    Die Mehrheit der Albaner nimmt in Griechenland einen anderen Vornamen an. Die Gründe und die Umstände dieser Namensänderung sind verschieden. In der ersten Zeit der Emigration kehrten manche Flüchtlinge zurück und erzählten, dass die Griechen unfähig wären, ihre albanischen Vornamen auszusprechen und dass sie aus diesem Grund akzeptieren hätten müssen, mit einem griechischen Vornamen gerufen zu werden. Andere behaupteten, dass die Griechen nur den Christen Arbeit gäben, die sie als Nordepiroten betrachteten, das heißt, als albanische Griechen, und dass es folglich vorzuziehen, ja sogar unerlässlich sei zu behaupten, dass man wie die Mehrheit der Griechen einen christlichen Vornamen hat. Hier muss klargestellt werden, dass infolge der kommunistischen Religionspolitik nicht alle muslimischen Albaner einen muslimischen Vornamen tragen. Das gilt insbesondere für jene Albaner, die nach 1967, dem Jahr des Religionsverbots, geboren wurden, und vor allem für die nach 1976 Geborenen, dem Jahr des Verbots von Vornamen religiösen Ursprungs. Diese zwei Kohorten spielen in der albanischen Emigration nach Griechenland eine wesentliche Rolle. Es geht also nicht allein darum, einen muslimischen für einen christlichen Vornamen aufzugeben, sondern darum, einen albanischen Vornamen gegen einen griechischen auszutauschen, auch wenn die Gleichsetzung Albaner/Muslime und Griechen/Orthodoxe im vorliegenden Fall sehr gut funktioniert. Auf jeden Fall hat sich das Phänomen des doppelten Vornamens schnell verbreitet und zahlreiche Albaner haben sowohl einen „albanischen“ als auch einen „griechischen“ Vornamen. Auch unter den albanischen Kindern, die in Griechenland zur Schule gehen, scheint eine Tendenz zum Vornamenwechsel vorzuherrschen, obwohl die Lehrer und Lehrerinnen hier eher dazu neigen, den Schülern davon abzuraten, anstatt sie zu ermutigen, jenen Vornamen aufzugeben, den ihnen ihre Eltern gegeben haben. „Manchmal kommen Schüler zu mir, um mich zu fragen, ob sie sagen dürfen, dass sie Albaner sind“, erzählt eine Lehrerin aus Athen, die der griechischen Minderheit in Albanien angehört. „Ich antworte ihnen: ja, natürlich: Albaner zu sein bedeutet, einer Nation anzugehören, einem Staat, einer Kultur, warum sollten sie das verstecken? Ich bin gegen die Namensänderung: Die Griechen konnten ihre Vornamen in Albanien behalten, warum sollten die Albaner ihre in Griechenland wechseln?“ Der soziale Druck während der Pausen ist jedoch ausreichend stark, dass die albanischen Kinder sich auch einen griechischen Vornamen auswählen, jenen eines Klassenkameraden etwa oder eines beliebten Sängers, weil „ihnen die griechischen Vornamen gefallen“. Schließlich ist noch ein letzter Grund für die Namensänderung zu erwähnen, bevor wir später noch einmal darauf zurückkommen: die Konversion der muslimischen Albaner zum orthodoxen Christentum.
    Wie wird dieser neue Vorname ausgewählt? Manchmal wird er überhaupt nicht gewählt, sondern angenommen, wie zum Beispiel, wenn der griechische Arbeitgeber seinen Arbeitern Vornamen gibt, die seinen Ohren vertrauter klingen als die albanischen. In anderen Fällen nimmt der Albaner den Vornamen seines ersten griechischen Chefs an beziehungsweise der ersten Person, die ihn in Griechenland aufgenommen hat. Die Saisonarbeiter, die jedes Jahr den Ort oder die Arbeit wechseln, ändern mitunter jedes Jahr ihren griechischen Vornamen, aber dieser beginnt schnell, zu der Person zu gehören, und zwar weil es riskant ist, ihn dauernd zu wechseln: „In Griechenland heiße ich Grigori“, erklärt etwa Erjon aus einem Dorf im Süden Albaniens. „Im ersten Jahr war es durch Zufall, im zweiten Jahr, weil es mir Glück gebracht hat.“
    Wie wird dieser griechische Vornamen genau verwendet? Zuerst einmal wird er im Umgang mit dem griechischen Arbeitgeber und mit den griechischen Behörden benötigt. Er steht auf den Visumanträgen und den gefälschten Pässen und Sichtvermerken sowie auf den Arbeitsgenehmigungen. Er wird üblicherweise während der ganzen Dauer des Aufenthalts in Griechenland verwendet, auch in der Zeit, welche die Albaner miteinander verbringen, und um so mehr, wenn sie sich erst kurz vor ihrer Ankunft in Griechenland kennen gelernt haben. Die Situation ist anders im Fall einer Familienemigration, wo die albanischen Vornamen im privaten Gebrauch eher verwendet werden. Um die Verwendung des griechischen Vornamens in offiziellen Dokumenten zu erleichtern, lassen viele Albaner ihn in ihrer Wohngemeinde in Albanien standesamtlich beglaubigen. Die Prozedur ist einfach, und ihr Ergebnis hängt nur von der Genehmigung seitens des Gemeindeamtes ab, das über die Anträge auf Vornamenwechsel befindet. Anders liegt der Fall bei den Familiennamen: Ihn ändern zu lassen, erfordert ein langes und kostspieliges Rechtsverfahren, auf das die meisten verzichten. Darüber hinaus ist es unmöglich, den Vornamen des Vaters zu ändern, der auf zahlreichen offiziellen Dokumenten sowohl in Griechenland als auch in Albanien aufscheint. Daraus ergibt sich ein gemischter Name, der aus einem christlichen Vornamen und einem eindeutig muslimischen Familiennamen besteht, und zahlreiche Träger von „griechischen Vornamen“ haben muslimische Vaternamen.
    Seit Beginn der neunziger Jahre und vor allem seit den Zwischenfällen, die mit den griechischen Ansprüchen auf Nordepirus (1994) in Zusammenhang stehen, haben die Albaner das Phänomen des Vornamenwechsels verurteilt, weil sie meinen, dass dadurch den Griechen in die Hände gespielt werde: „Wenn alle Südalbaner einen griechischen Vornamen haben, werden die Griechen noch mehr Gründe haben zu behaupten, dass Südalbanien griechisch ist“, erklärte 1995 ein Intellektueller aus Südalbanien. Derzeit wird der griechische Vorname in Albanien manchmal im Freundeskreis und scherzhaft verwendet. Er entspricht der Bezeichnung als albanez, die dieselben Flüchtlinge bei ihrer Rückkehr nach Albanien scherzhaft auf sich anwenden. Es muss jedoch gesagt werden, dass nicht alle Albaner ihren Vornamen ändern, wenn sie nach Griechenland kommen, zum Beispiel die Grenzpendler, die sich nicht einfach durch einen Namenswechsel als Griechen oder als Christen ausgeben können, da ihre Arbeitgeber sehr wohl wissen, dass sie aus muslimischen Dörfern von der anderen Seite der Grenze kommen. Für jene, die weit ins Landesinnere Griechenlands zur Arbeit fahren, bedeutet das Behalten des ursprünglichen Vornamens einen Akt des Widerstands. Das ist der Fall bei gebildeten Personen oder solchen, die sich der sublimen Gewalt bewusst sind, welche die von den Flüchtlingen empfundene Verpflichtung einen griechischen Vornamen anzunehmen beinhaltet. Das Beibehalten des Namens erfolgt umso leichter, wenn es sich nicht um einen muslimischen Vornamen handelt.
    Wenn man Albaner in Albanien befragt, behaupten die meisten, griechisch zu sprechen und es leicht und schnell gelernt zu haben. Wenn man sie vor Ort in Griechenland beobachtet, stellt sich die sprachliche Situation der Albaner jedoch anders dar: Manche sind perfekt zweisprachig, andere sind unfähig, genau zu verstehen, was ihnen ihr griechischer Arbeitgeber sagt. Viele von ihnen lernen die Sprache vor Ort bei der Arbeit. Die Kenntnis der Sprache hängt also weitgehend von der Art der Arbeit ab sowie den Bedingungen, unter denen sie ausgeübt wird. Die Arbeiter in der Landwirtschaft, die sich in Gruppen je nach Arbeit und Erntezeit an unterschiedlichen Orten niederlassen, befinden sich in einem albanischen Umfeld und haben es kaum notwendig, griechisch zu verstehen, um zu wissen, was sie tun müssen. Im Gegensatz dazu sind diejenigen, die im Gastgewerbe arbeiten, täglich mit griechischer Kundschaft konfrontiert und sind, außer bei zahlreichem albanischen Personal, oft von den anderen Albanern abgeschnitten, was das Eintauchen in die Sprache umso mehr erleichtert. Hier muss auch zwischen gesprochener und geschriebener Sprache unterschieden werden: Fließend griechisch zu sprechen, bedeutet für einen Albaner nicht, es lesen, geschweige denn, es schreiben zu können. Nur jene, die sich die Mühe machen, in ihrer Freizeit selbst zu lernen, haben Zugang zum geschriebenen Griechisch. Und wieder sind jene, die im Dienstleistungsbereich arbeiten (Gastgewerbe, Tourismus), im Vorteil, und zwar insofern, als sie mehr Freizeit und einen Platz zum Lernen haben. In Athen bietet die Philologische Fakultät Griechisch-Kurse für Ausländer über 20 Jahren an. Die Albaner stellen 40 Prozent der Teilnehmenden, und die Kurszeiten sind so gewählt, dass sie den arbeitenden Menschen erlauben, an den Kursen teilzunehmen. Darüber hinaus findet man in den Zeitungskiosken diverse für Albaner bestimmte Griechisch-Lehrbücher.
    Seit den Jahren 1997/98 lernt eine Gruppe von Albanern unter den besten Bedingungen Griechisch: Es handelt sich um die Kinder, die mit ihren Eltern oder ihren älteren Brüdern gekommen sind und griechische Schulen besuchen. Seit Ende 1999 wurde in den Schulen von Athen und Thessaloniki ein Förderprogramm eingerichtet, das Ausländerkindern nützen soll; in vielen Vierteln repräsentieren die Albaner mehr als die Hälfte der ausländischen Schüler: Diese besuchen bestimmte Kurse mit einem eigenen Lehrer, der den Unterricht zwar auf Griechisch hält, sein sprachliche Niveau aber an das der Schüler anpasst. In Anbetracht der bedeutenden albanischen Präsenz in den Schulen werden Lehrende aus der griechischen Minderheit Albaniens, aufgrund ihrer Beherrschung beider Sprachen besonders gesucht. Darüber hinaus werden weitere Vorkehrungen getroffen, damit die Ausländer in ihren ersten Schuljahren in Griechenland nicht aufgrund ihrer schlechten Griechischkenntnisse benachteiligt sind.
    Die Beherrschung der Sprache ist für die Albaner fundamental, da sie fürchten, beim geringsten verbalen Austausch als Albaner erkannt zu werden – also als Illegale oder Kriminelle. Die Sprachkenntnis zieht eine Grenze zwischen jenen, die auf dem Weg der Integration und fähig sind, mit Leichtigkeit und Sicherheit zu kommunizieren, und jenen, die selbst erkennen, dass sie wie Taubstumme leben und nicht aus der Kategorie „Albaner“ und den Repräsentationen, die sich daran anknüpfen, heraus können.
    Schließlich stellen der physische Aspekt, die Körpertechniken und die sozialen Aktivitäten das dar, was sich am langsamsten verändert und eine längere Vertrautheit mit der griechischen Gesellschaft erfordert. Das Ziel der Albaner ist es, sich „griechisch zu geben“, das heißt in der griechischen Gesellschaft aufzugehen und dort zu verschwinden. Geläufige Witze über Albaner, die man nicht als solche erkennt, legen darüber Zeugnis ab, ebenso wie die auf einer anderen Ebene nicht weniger verbreitete Angst aufzufallen, und zwar nicht nur der Polizei, sondern der Gesamtheit der griechischen Bevölkerung, und dadurch in die Kategorie „Albaner“ zu fallen. Diese ist gesellschaftlich abgewertet, im Kontext der griechischen Gesellschaft ebenso wie innerhalb der albanischen Emigrantengemeinschaft, die sich in dieser Hinsicht den Urteilen der sie umgebenden Gesellschaft unterwirft. Das Albanisch-Sein wird nicht als Lebensform und als Verhalten gesehen, sondern es wird – wie wir noch sehen werden –, immer in Bezug zu Albanien gesetzt, wodurch man in totale Opposition zur griechischen Gesellschaft tritt, als ob es unmöglich wäre, Albaner in Griechenland zu sein oder Albaner und Grieche in einem. In diesem Sinn ist hier die subjektiv wahrgenommene Identität etwas ganz fixes und unbewegliches; viel mehr noch: Jede subjektiv empfundene Veränderung wird wie ein Verlust wahrgenommen, eine Degeneration, ein Verschwinden. Ob sie es wahrhaben wollen oder nicht, die Albaner leben in Griechenland unter einem starken sozialen Druck, der sie dazu drängt, viele Verhaltensweisen anzunehmen, die darauf abzielen, in der Masse aufzugehen. Paradoxerweise ist innerhalb der albanischen Gemeinschaft dieses Streben nach Unsichtbarkeit in der griechischen Gesellschaft ein Zeichen für Erfolg und damit eine Art, sich von den anderen abzuheben.
    Wir haben schon gesehen, dass die Kleidung ein grundlegendes Zeichen des Albanisch-Seins darstellt, das es zu korrigieren gilt: Man muss „Albanerkleidung“ vermeiden, das heißt eine Kleidung, die auf die eine oder andere Art das dreifache Bild der Albaner evoziert: arm, zurückgeblieben und gefährlich. Man muss auch die Möglichkeit haben, die Arbeitskleidung, die ein weiteres Zeichen der Zugehörigkeit zu einer Einwanderergemeinschaft darstellt, abzulegen und sie auszutauschen, wenn man in die Stadt oder ins Dorf gehen will. In diesem Bereich ist die griechische Gesellschaft so konformistisch, dass die Mode, der man in einem bestimmten Viertel oder einem bestimmten sozialen Milieu zu folgen hat, klar ersichtlich ist, wobei jedoch die finanziellen Mittel, über welche die Albaner verfügen, ihre Wahl einschränken.
    Zu einem großen Teil ist die Adaption an die griechische Gesellschaft mit einer Adaption an die Konsumgesellschaft gleichzusetzen, und man muss, will man seinen Erfolg bestätigen, konsumieren können. Ein Teil dieser Aktivität bleibt dem begrenzten häuslichen Umfeld vorbehalten: Der Einkauf von elektrischen Haushaltsgeräten ist ein Zeichen von Erfolg, das man seinem eigenen Blick aussetzt ebenso wie jenem von Bekannten, die auf Besuch kommen. Es handelt sich in erster Linie um die Waschmaschine, den Kassettenrecorder (der Kühlschrank und der Fernseher haben das Prestige verloren, das sie in Albanien noch zu Beginn der neunziger Jahre hatten; nur spektakuläre Modelle – hinsichtlich ihrer Größe oder Neuheit – werden hochgeschätzt); schließlich sind die Kaffeemaschine und die Friteuse, der Geschirrspüler, die Hifi-Anlage, der ausgeklügelte Fotoapparat und der Camcorder, Videospiele und schließlich der Computer zu nennen. Andere Produkte haben eine Funktion, die über das häusliche Umfeld hinaus geht; sie dienen dazu, die Zugehörigkeit zu einer globalen Gesellschaft zu vermitteln – das Mobiltelefon und das Auto. Letzteres gibt es bei den Albanern noch selten und ist somit mit einem viel stärkeren symbolischen Wert aufgeladen, was beispielsweise die endlosen Spazierfahrten um das Viertel zeigen, an denen sich die jungen Autobesitzer, bei heruntergelassenen Fensterscheiben und eingeschaltetem Autoradio, berauschen oder aber der Spaß, den Vasilis, ein Albaner, der sich in einem Dorf in Korinth niedergelassen hat, daran hat, seine Frau in seinem schönen roten Auto, das er mitten auf dem Platz parkt, von der Arbeit abzuholen.
    Freizeit und Unterhaltung sind ebenfalls von Bedeutung. Der „Flüchtling“, der man nicht mehr sein will, arbeitet an sieben von sieben Tagen, den ganzen Tag und manchmal in der Nacht, ohne Pause und ohne Freiräume. Während seiner seltenen Erholungsmomente ist er zu erschöpft, um auszugehen oder sich anders als vor dem Fernseher zu unterhalten. Im Gegensatz dazu haben die Griechen bei den Albanern den Ruf, wenig zu arbeiten, Stunden auf der Kaffeehausterrasse damit zu verbringen, Café-Frappee zu schlürfen, in den Tavernen zu speisen und in Urlaub zu fahren. Folglich wird es bei den Albanern sehr geschätzt, mit der Familie am Sonntag etwas zu unternehmen, sei es, um andere Albaner zu besuchen oder um auf der Akropolis oder am Meer spazierenzugehen. Dabei kann man unerkannt etwas in einer Touristenstätte konsumieren, die sich von den kleinen Dorfcafés des Viertels unterschiedet, die während der Woche aufgesucht werden.
    Zwei Bemerkungen sind im Zusammenhang mit dem Ausgehen zu machen. Die meisten Albaner zögern noch, in Restaurants oder Tavernen zu gehen, in denen sie fürchten, als Albaner erkannt und somit schlecht aufgenommen zu werden. Selbst wenn sie sich in öffentliche Räume begeben, die von Griechen aufgesucht werden, bezwecken sie damit nicht, direkt mit den Griechen in Kontakt zu treten. Zweitens gehen die Albaner ausschließlich miteinander und nie mit Griechen aus. Griechische Freunde zu haben, die einem so nahe stehen, dass man mit ihnen ausgeht, ist eine Etappe der Integration, die selten erreicht wird. Dass dies unmöglich ist, wird von den Albanern der Lebensweise der Griechen in die Schuhe geschoben, die als distanziert, kalt und „ohne Freunde“ gelten, aber es hat auch damit zu tun, dass die Albaner selbst nicht zu gut mit den Griechen stehen wollen. „Einmal“, erzählt Fatijon, ein Albaner aus Athen, „habe ich zu mir nach Hause albanische Freunde und griechische Freunde eingeladen, an demselben Abend. Aber da die Griechen in der Minderheit waren, verhielten sich die Albaner so, wie es sonst im allgemeinen die Griechen tun: Sie wollten nicht mit ihnen sprechen, sie gaben ihnen zu spüren, dass sie in der Mehrheit waren. Eigentlich hätte ich griechische Mädchen einladen müssen, dann wäre es vielleicht anders gewesen!“ Alles verhält sich so, als ob die Grenze zwischen Griechen und Albanern, die man verwischen möchte, um nicht mehr als Albaner kategorisiert zu werden, noch immer da wäre, wenn auch unsichtbar, so doch immer wahrnehmbar, sobald sie auf etwas anderes als den äußeren Schein trifft. In diesem Zusammenhang beklagen sich auch die Albanien-Griechen, die in Griechenland leben, über ihre Schwierigkeiten, vollständig als Griechen akzeptiert zu werden. Auch hier sind die Kinder, die zur Schule gehen, schon weiter, nicht nur durch die Sozialisationsfunktion der Schule, sondern weil das Schulleben ihnen Freizeit lässt, die sie leichter mit den griechischen Kindern des Viertels oder des Dorfes verbringen können.
    Wir stoßen hier auf die Frage der Interaktion zwischen Griechen und Albanern, auf die wir noch zurückkommen werden. Diese letzten Feststellungen sollen allerdings nicht glauben machen, dass die Veränderungen, die von den Albanern erduldet oder gewollt werden, nur eine Sache des äußeren Scheins seien. Andere Formen der Anpassung sind ebenso notwendig, in erster Linie im Familien- und Berufsleben.
    4. Die Familie und die Arbeit
    Wie wir gesehen haben, waren es unter den Albanern zuerst in erster Linie die jungen Ledigen, die nach Griechenland auswanderten und deren Familienleben durch die Emigration zwar eigentlich nicht mehr existierte, in Albanien aber dennoch weiter gepflegt wurde. Sie schickten die Löhne regelmäßig nach Hause, um ihre Familie zu unterstützen, sie kehrten nach Albanien zurück, um zu heiraten und wenn familiäre Ereignisse einen Anlass boten. Seit der Krise des Jahres 1997 ist jedoch in Albanien eine zweite Form der Emigration entstanden, die bis dahin nur in einem schwachen Ausmaß existiert hatte. Es handelt sich dabei um die Emigration der ganzen Familie, die von langer Dauer ist, sich in vielerlei Hinsicht von der Emigration der jungen Ledigen unterscheidet und die der albanischen Zuwanderung in Griechenland eine zweifache Realität verleiht.
    Man darf die Bedeutung der finanziellen, politischen und sozialen Krise des Jahres 1997 in Albanien ebenso wenig unterschätzen wie die Traumata, die sie in der Bevölkerung hinterlassen hat. Mehr noch als der Zusammenbruch der Pyramidenfirmen haben die Gewalt, die Angst und das Gefühl der Unsicherheit tiefe Spuren hinterlassen – weshalb man von dieser Zeit auch „Krieg“ spricht – die noch mehr Albaner dazu gebracht haben, aus ihrem Land fortzugehen. Griechenland war natürlich ein Ziel dieser Emigrationswelle ebenso wie andere Länder, die bis dahin weniger betroffen gewesen waren, wie die Türkei oder England. Das Wort refugjat hat damit wieder seinen ursprünglichen Sinn erhalten: Die Auswanderungswelle in den Jahren 1997 und 1998 war weniger von der Notwendigkeit motiviert, im Ausland zu arbeiten, als durch jene, sich und seine Familie in Sicherheit zu bringen, weit weg von einem Land, das im Chaos versank. Damit handelt es sich bei dieser Emigration um eine Fluchtbewegung. Das erste Charakteristikum dieser neuen Emigration ist, dass sie die ganze Familie betrifft, was in der ersten Zeit der albanischen Emigration nach Griechenland nicht der Fall war. Die Bedingungen der Emigration selbst (heimlicher Grenzübertritt, ständig wechselnde Unterkunft) erlaubten nicht immer, dass die ganze Familie das Land zur gleichen Zeit verlassen konnte, aber das Ergebnis war dasselbe: Innerhalb weniger Monate fanden sich ganze Familien, die bis zu drei Generationen umfassen konnten, im selben griechischen Ort wieder.
    Das zweite Kennzeichen ist die lange Dauer des Aufenthalts in Griechenland und das Fehlen einer Rückkehrperspektive nach Albanien. Nicht, dass die Rückkehr nach Albanien ausgeschlossen wäre, im Gegenteil: man behält das Haus, man macht Pläne für die Zeit nach der Rückkehr, zum Beispiel für die Hochzeit der Kinder, aber diese Rückkehr ist nicht genau geplant, sie gehört einer fernen und unbestimmten Zukunft an. Die erste Form der Emigration hatte im Gegensatz dazu oft saisonalen Charakter oder jedenfalls einen zeitlich begrenzten: man fuhr für einige Monate weg (in der Regel von März/April bis September/Oktober) oder aber mit der Absicht, eine bestimmte Summe Geldes zu verdienen, die es erlaubte, den Rest des Jahres in Albanien zu verbringen.
    Das dritte Kennzeichen ist, dass die Familien im Vergleich zu den „Ledigen“ viel weniger mobil sind. Sie neigen dazu, sich niederzulassen und nicht mehr fortzubewegen, während die alleinstehenden Männer sich leichter von einer Region zur nächsten begeben, je nachdem, wo sich eine Arbeitsmöglichkeit bietet.
    Und schließlich kann die Familien-Emigration nach Griechenland, vielleicht mehr als die Emigration der „Ledigen“, ein Sprungbrett in ein anderes Land (Westeuropa, Amerika oder Australien), darstellen, wo das Exil dann ein endgültiges sein wird. Diese Funktion hatte die Emigration nach Griechenland schon früher, aber in anderer Form: Wenn geplant war, in ein weiter entferntes Land zu emigrieren, gingen der Vater oder die Söhne nach Griechenland, um zu arbeiten, bis sie das Geld für das Flugticket beisammen hatten, aber die Abreise der Familie erfolgte aus Albanien selbst und nicht aus Griechenland.
    Trotz dieser unterschiedlichen Merkmale sind die beiden Formen der Emigration dennoch miteinander verbunden. Die Familienzusammenführung hatte in der Tat schon vor 1997 begonnen, in einem schwachen Ausmaß zwar, aber sie hätte in den darauffolgenden Jahren selbst ohne die Albanienkrise, diese Tendenz nur beschleunigte, zweifelsfrei zugenommen. Nach mehreren Jahren der Arbeit in Griechenland konnten manche Ledige oder jung Verheiratete tatsächlich genügend finanzielle Mittel und eine ausreichende Kenntnis der griechischen Gesellschaft anhäufen, um ihre Eltern, Geschwister, Frauen und Kinder nachkommen zu lassen und ihr gewohntes familiäres Umfeld in Griechenland wieder aufzubauen. Mit der Familienzusammenführung wird gewissermaßen ein selbst gestecktes Ziel erreicht, sie gilt als ein Zeichen für Erfolg. Die Entwicklung verlief bei den verheirateten Männern oft viel rascher, während manche Ledige zugeben, dass sie die Mittel besessen hätten, ihre Familie früher nachkommen zu lassen, wenn sie mit ihrem Geld vorsichtiger umgegangen wären. Für diese jungen Männer, die in einem fremden Land auf sich selbst gestellt sind, bedeutet die Emigration auch eine Art Befreiung und die Entdeckung einer Lebensweise, die sie in Albanien nicht gekannt haben. Die Gelegenheiten, das bei der Arbeit verdiente Geld auszugeben, sind zahlreich.
    Die Familienzuwanderung wirft spezifische Probleme auf und bewirkt besondere Veränderungen hinsichtlich der Anpassung der Identität. Auf der einen Seite begünstigt sie die Integration, sogar die Assimilation der jüngsten Generation, die in Griechenland zur Schule geht. Auf der anderen Seite bewirkt sie, dass die Albaner unter sich bleiben und einen nationalistischen, sogar rassistischen Diskurs gegen die Griechen führen.
    Das erste Problem, das sich bei der Familienzuwanderung stellt, ist das der Unterkunft. Es ist undenkbar, ganze Familien unter jenen Bedingungen wohnen zu lassen, unter denen die Ledigen wohnten, man muss im Gegenteil die Möglichkeit haben, sich in einer Wohnung oder einem Haus einzurichten, das mit einem Minimum an Komfort ausgestattet ist. Das Problem ist ein zweifaches: In der Stadt erlauben ihre finanziellen Mittel den Albanern in der Regel nur, sich in den „schlechteren“ Vierteln einzumieten, was zu einer Konzentration von Albanern (und von anderen Einwanderern, zum Beispiel aus Russland oder Rumänien) in diesen Vierteln beiträgt, wie etwa um den Platz Attikis in Athen. Freilich handelt es sich dabei noch nicht um „Ghettos“, wie man manchmal in der albanischen Presse liest, aber die Wohnsituation trägt sicher dazu bei, das Gefühl des Ausgeschlossenseins und die Distanz gegenüber der griechischen Gesellschaft zu verstärken. Um so mehr als die griechischen Eigentümer sich manchmal weigern, an Albaner, die ja ein schlechtes Image haben, zu vermieten. Die albanische Immigranten-Zeitung Gazeta e Athinës in Athen klagt etwa im März 2000 über eine Zunahme von Wohnungsangeboten, die klarstellen, dass „Ausländer und Haustiere nicht akzeptiert werden“. Aus diesem Grund sind die Albaner manchmal gezwungen, in Untermiete zu gehen, das heisst, sich an einen Griechen zu wenden, der als offizieller Mieter und als Bürge gegenüber dem Eigentümer auftritt. Diese Situation am Rande der Legalität macht die Albaner von der Gunst des Eigentümers abhängig, der den Vertrag kündigen oder eine Mieterhöhung fordern kann, ohne dass jene etwas dagegen unternehmen können. Kündigungen scheinen die Ausnahme zu sein, aber die Albaner sind sensibel für die Gefahr, die ständig präsent ist und die sie wahrscheinlich zu sehr überbewerten, was das Gefühl des Ausgeschlossenseins und die Opferrolle noch zusätzlich betont.
    Das zweite Problem stellen die Kinder, speziell ihr Schulbesuch, dar. Eine Umfrage, die von einer albanischen Arbeitsgruppe im März 2000 durchgeführt wurde, schätzt die Zahl der albanischen Kinder in Griechenland, die zwischen 5 und 18 Jahren alt – das heißt im Schulalter – sind, auf 35.000. Die Mehrzahl geht zur Schule (23.000 davon in die Grundschule), nur 1.200 sollen keine Schule besuchen. Die Umfrage hat ergeben, dass mit Schulbeginn im September 2000 2.000 zusätzliche Schüler zu erwarten sind. Laut derselben Umfrage hat die Mehrzahl dieser Kinder ihren Wohnsitz in Athen. Die Zahl albanischer Schüler variiert je nach Region ebenso wie nach der Schulstufe: Sie ist in Athen höher und nimmt in dem Maße ab, wie die Schulstufe zunimmt. So zählte die Mittelschule von Vrachati in der Ebene von Korinth im Schuljahr 1999/2000 18 albanische Schüler bei einer Gesamtzahl von 200 Schülern (die Albaner repräsentierten 90 Prozent der Ausländer); in der Oberstufe kamen auf 189 Schüler nur mehr 3 Albaner. In Athen sind in der zweiten Klasse der Grundschule Nummer 63 16 der insgesamt 21 Schüler Albaner, während die Mittelschule Nr. 2 in der Nähe des Omoniaplatzes 60 Albaner bei einer Gesamtschülerzahl von 190 zählt (die Albaner hier stellen 75 Prozent der Ausländer).
    Die Anwesenheit einer solchen Zahl von albanischen Schülern im Schulwesen stellt vor allem ein Sprachproblem dar. Die Mehrheit von ihnen spricht beim Eintritt in die Schule kein Griechisch, egal welche Schulstufe sie in Albanien erreicht haben (in den albanischen Schulen, mit Ausnahme jener der griechischen Minderheit, wird kein Griechisch unterrichtet; seit Mitte der neunziger Jahre gibt es in Korça Privatkurse, aber sie richten sich eher an Kinder von Unternehmern, die mit Griechenland Handel treiben, als an die Söhne und Töchter von Migranten). Um den Schulbesuch dieser Schüler zu erleichtern, wurde vom griechischen Staat eine gewisse Infrastruktur eingerichtet. In der ersten Zeit bestand die Lösung darin, sie in die unteren Klassen zu geben, damit sie Griechisch gleichzeitig mit den Griechen selbst lernen. In manchen Grundschulen, wie in Vrachati, wurden Griechisch-Förderkurse am Nachmittag nach Unterrichtsschluss eingerichtet. Dieses System gibt es in der Mittelschule nicht, wo dafür vorgesehen ist, dass die ausländischen Schüler im ersten Jahr für die Sprachbeherrschung keine Noten erhalten. Im zweiten Jahr wird nur die mündliche Kompetenz bewertet. Erst im dritten Jahr werden die ausländischen Schüler so wie die inländischen benotet. Seit Ende 1999 wird in Athen und Thessaloniki ein Schulversuch durchgeführt, der vorsieht, dass die ausländischen Schüler in gewissen Fächern, die je nach Schule und nach dem Niveau der Schüler variieren können (Griechisch, Mathematik, Geschichte, Geographie usw.) zu Gruppen zusammengefasst und vom einem Lehrer betreut werden, der dazu ausgebildet ist, sich mit Schülern zu befassen, die wenig oder überhaupt kein Griechisch sprechen. In der Mittelschule Nr. 2 in Athen betreuen zum Beispiel drei Lehrpersonen die ausländischen Schüler, aufgeteilt in drei Leistungsgruppen je nach ihren Griechischkenntnissen (das heißt häufig nach der Dauer ihres bisherigen Aufenthaltes in Griechenland). Abgesehen von diesen Initiativen begünstigen das große Angebot an privaten Nachmittags- und Abendkursen (den frontistiria) und die wirkliche Sorge der Eltern um den Schulerfolg ihrer Kinder, dass die albanischen Kinder in der Regel sehr rasch Griechisch lernen. Hinzu kommt die Überzeugung der meisten Albaner, und zwar sowohl von Eltern als auch Kindern, dass das griechische Schulsystem nicht so gut wie jenes in Albanien sei und dass daher die schlechtere Unterrichtsqualität durch individuellen Fleiß ausgeglichen werden müsse. Zudem wollen sie – und zwar die Kinder selbst – die Integrationsschwierigkeiten durch schulischen und sozialen Erfolg überwinden, was bei Immigranten häufig zu beobachten ist. Die meisten der befragten Lehrpersonen bestätigen, dass die albanischen Schüler in der Regel einen recht guten Erfolg haben und dass die Sprachbarrieren schnell abgebaut werden.
    Die Frage der Sprache hat eine zweite Facette: Die albanischen Eltern und insbesondere die besser Gebildeten unter ihnen machen sich Sorgen, dass ihre Kinder nach und nach das Albanische verlernen. Dies stellt natürlich im Falle einer Rückkehr nach Albanien ein Problem dar, aber es betrifft auch die „Nation“ und das, was es ausmacht, Albaner zu sein. Es geht hier um die Angst der Assimilation, worauf wir im Abschnitt über die Nation noch zurückkommen werden.
    Neben der Unterkunft und der Schule ist die Meldepflicht das dritte Problem, das sich bei der Familienzuwanderung stellt. Denn selbst wenn die Kinder in der Regel auch unabhängig vom rechtlichen Status ihrer Eltern in die Schulen aufgenommen werden, ist es viel schwieriger, in der Illegalität mit einer Familie zu leben, die eine Belastung darstellt. Griechenland hat im Jahr 1997 ein Verfahren zur Registrierung illegaler Ausländer in Angriff genommen, das sich bis zum Sommer 2000 hingezogen hat. Jene Ausländer, die bei Abschluss des Verfahrens die Green Card erhalten haben, können ihre Familie (Ehepartner und Kinder) offiziell registrieren lassen. Somit wird die Familie legalisiert und ist damit vor der Ausweisung, welche die gängigste Repressalie gegenüber Illegalen darstellt, geschützt. Diese Legalisierung betrifft aber derzeit nur einen Teil der Ausländer und belässt viele von ihnen in der Illegalität, weil sie nicht beweisen können, dass sie eine legale Anstellung haben oder aus anderen Gründen. Die Legalisierung hat auch eine Zunahme von Polizeikontrollen nach sich gezogen, welche die Illegalen in eine noch schwierigere Lage versetzt. In Athen sind der Omoniaplatz und vor allem der Bereich um den Kiosk, der albanische Zeitungen verkauft, nun weitgehend verlassen, wohingegen sie früher ein beliebter Treffpunkt der Albaner waren. Das Näherrücken der Parlamentswahlen im April 2000 hat die Sicherheitsmaßnahmen noch verschärft, da man darauf abzielte, die griechische Bevölkerung zu beruhigen, indem man die Kontrollen und die Ausweisungen von Albanern vermehrte.
    Darüber hinaus bewirkt die Arbeitsmarktsituation Veränderungen im Kreis der Familie. Wenn es den jüngeren Männer immer gelingt, Arbeit zu finden, sei es nun, weil sie Sprachkenntnisse erwerben konnten oder über Netzwerke verfügen, die unerlässlich sind, um Arbeit zu finden, so haben ihre Väter, die erst seit kurzer Zeit hier sind, viel größere Schwierigkeiten. Wenn sie ein bestimmtes Alter überschritten haben, beklagen sie sich, dass ihre physische Kraft sowie ihre Fähigkeit, sich anzupassen und zu lernen, nachlassen. Ebenso wird die Ankunft anderer Bevölkerungsgruppen, die weniger stigmatisiert sind als die Albaner, wie die Rumänen und die Kurden, von den Albanern als eine Form der Konkurrenz – zu ihrem Nachteil – empfunden. Die Frauen sind von dieser Art der Arbeitslosigkeit weniger betroffen, weil es ihnen leichter gelingt, als Putzfrau angestellt zu werden. Daraus folgt eine Veränderung der Geschlechterbeziehungen innerhalb der Familie, und es ist nicht selten, dass die Frau außer Haus arbeitet und ihren Mann zu Hause lässt. Tätigkeiten, die in der albanischen Gesellschaft der Frau vorbehalten sind, wie Kochen, Hausarbeit und Wäschewaschen, werden nun von den Familienvätern erledigt. Tagsüber machen sie auf dem Markt in der Athinas-Straße die Einkäufe, treffen sich auf dem Omoniaplatz und trinken ein Bier oder einen Kaffee und schauen dabei den auf- und abschreitenden bulgarischen und albanischen Prostituierten zu. Durch diese Aktivitäten kommen sie ziemlich wenig mit der griechischen Bevölkerung in Kontakt, nicht zuletzt, weil sie auch Geschäfte auswählen, in denen die Verkäufer Albaner sind. Sie haben kaum das Bedürfnis, Griechisch zu lernen. Jene, die arbeiten, tun das oft mit einem ihrer Söhne, auf den sie sich verlassen können, sowohl, wenn es darum geht, Arbeit zu finden, als auch darum, sich mit dem griechischen Arbeitgeber zu verständigen, was den Kontakt mit der griechischen Bevölkerung in griechischer Sprache noch mehr einschränkt. Ihre Frauen, die im Gegensatz dazu in griechischen Familien arbeiten, sind gezwungen, Griechisch zu lernen, und stellen mit ihren Arbeitgebern leichter einen persönlichen Kontakt her. Selbst wenn der Vater das Familienoberhaupt bleibt und über alles verdiente Geld allein verfügt, kommt diese Situation einem Autoritätsverlust gleich, wenn man sie mit jener Position vergleicht, die im albanischen Kontext die seine sein müsste. Es ist wahrscheinlich kein Zufall, dass die meisten albanischen Immigrantenvereinigungen, die in den letzten Jahren in Athen entstanden sind, von Familienvätern initiiert wurden, deren explizites Ziel es ist, „unsere Traditionen und unsere Kultur lebendig zu halten“. Wahrscheinlich denken sie dabei nicht bewusst an ihre Position innerhalb der eigenen Familie, aber es scheint, dass sich hier ihre Familienerlebnisse und der Diskurs über die Nation treffen, um zu einer Strömung zusammenzufließen, die der Integration der Albaner zuwiderläuft. Diese Selbstbezogenheit wird noch viel offensichtlicher werden, wenn wir uns der Frage der nationalen Identität zuwenden.
    5. Die Religion
    Ein weiterer Bereich, in dem die Albaner bei der Immigration nach Griechenland gezwungen sind, ihre Praktiken und ihren Diskurs umzustellen, ist jener der Religion. Die Religion ist auf drei Ebenen ein Problem: In der sozialen Praxis nimmt sie in der albanischen und der griechischen Gesellschaft jeweils einen unterschiedlichen Stellenwert ein; in den Repräsentationen stellt sie die Albaner in Opposition zu den orthodoxen Griechen; in der Symbolik eignet sie sich schließlich für eine Reihe von Dichotomisierungen zwischen Ost und West, Rückständigkeit und Fortschritt, Barbarei und Zivilisation.
    Die Orthodoxie ist mit dem Hellenismus untrennbar verbunden: Grieche und orthodoxer Christ zu sein ist ein und dasselbe. Diese Verknüpfung geht auf das osmanische Reich und auf das Millet-System zurück, und ist ein Grund für die Kontroversen zwischen Griechen und Albanern über die nationale Zugehörigkeit von Nordepirus beziehungsweise der albanischsprechenden orthodoxen Christen in Südalbanien. Für den außenstehenden Beobachter ebenso wie für die Albaner ist die Religion in Griechenland also allgegenwärtig, und zwar sowohl im Alltag (mit neonblauen Kreuzen bestückte Kirchen; die Landstraßen säumende Kapellen und Altäre; Kreuzzeichen beim Anblick einer Kirche oder bei der Abfahrt eines Busses; Priester in langer schwarzer Robe und mit langem Bart; religiöse Fernsehsendungen) als auch an Festtagen (Zunahme der religiösen Aktivität während der Osterwoche; Teilnahme von Kirchenhäuptern am Nationalfeiertag am 25. März; Eidleistung der neuen Regierung vor der Kirche). Stellungnahmen des Erzbischofs von Athen zu politischen und gesellschaftlichen Fragen sind häufig und werden medial verbreitet, und das Verhältnis von Staat und Kirche bleibt ein heikles Thema. Auch in Albanien, aber aus einem ganz anderen Grund: Der gegenwärtige Diskurs, der sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt hat und nach dem 2. Weltkrieg von den Kommunisten wieder aufgegriffen wurde, zielt darauf ab, Religion und Nation zu trennen, indem man letztere über erstere stellt. Er antwortet damit auf die Existenz von vier großen religiösen Gemeinschaften innerhalb der albanischen Bevölkerung: katholisches und orthodoxes Christentum, sunnitischer und Bektaschi-Islam. Die Frage des Verhältnisses von Nation und Religion hat sich dem albanischen Nationalismus sehr früh gestellt, und zwar insofern, als die Nachbarn der Albaner sich bereits als christliche Nationen und Staaten konstituiert hatten, die in Opposition zu einem muslimischen Imperium standen. Ein religiöser Nationalismus war in Albanien nicht möglich, und die Religion wurde immer als eine die Einheit und Existenz der Nation bedrohende Gefahr betrachtet. Folglich hat die Religion in der griechischen und der albanischen Gesellschaft einen ganz unterschiedlichen Stellenwert: Während sich die Griechen mit einer bestimmten Religion identifizieren, ist in die albanische Gesellschaft die Vielfalt der Konfessionen eingeschrieben, und die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft dient nicht dazu, sich als Nation zu definieren, sondern als Individuum, das in einer bestimmten Region, einem bestimmten sozialen Milieu und einer bestimmten Familie geboren ist und lebt. Mit anderen Worten, jeder weiß, ob er nun gläubig oder nicht gläubig, praktizierend oder nicht praktizierend ist, welcher religiösen Gemeinschaft er angehört und welcher religiösen Gemeinschaft seine Nachbarn angehören. Die Religion hat hier eine strukturierende Funktion, sie organisiert die Gesellschaft in verschiedene Untergruppierungen.
    Das hat Auswirkungen auf die Art und Weise, wie Griechen und Albaner sich gegenseitig wahrnehmen, und macht jegliche Diskussion über Religion, ob es sich nun um den muslimischen Fanatismus handelt, den die Griechen anprangern, oder um den orthodoxen Missionarseifer, den die Albaner kritisieren, zu einer für beide Seiten heiklen Angelegenheit. Aus griechischer Sicht sind alle Albaner Muslime (ohne Unterscheidung von Sunniten und Bektaschi), denn die Orthodoxen in Albanien werden als Albanien-Griechen angesehen. In geopolitischen Szenarien sind die Albaner somit Teil der muslimischen Gefahr, die von der Türkei über Bulgarien und Makedonien bis nach Albanien, Griechenland umzingelt. Sie werden auch mit dem osmanischen Reich und dessen negativem Bild in Verbindung gebracht, indem sie als Kollaborateure der Unterdrücker angesehen und für an den Christen verübte Grausamkeiten verantwortlich gemacht werden. Die Verbindung von Albanern und Muslimen liegt auch dem griechischen Irredentismus in „Nordepirus“ zugrunde, da sie es erlaubt, die christlichen Albaner aus dem Süden Albaniens der griechischen Bevölkerung zuzurechnen und die griechischen Forderungen zu stützen. Aus albanischer Sicht stellen die Griechen ebenfalls eine Gefahr dar, weil sie danach trachten, die nationale Einheit der Albaner zu untergraben. In diesem Zusammenhang werfen die Albaner den Griechen oft vor, dass sie der Religion zu viel Bedeutung beimessen. In anderen Worten, die Griechen würden eine Politik verfolgen, die viel eher religiös und von den Interessen der orthodoxen Kirche diktiert sei, als national und von den Interessen der Nation geleitet sei. Im Kontext der Emigration funktionieren diese Vorwürfe auf die gleiche Weise: Man beschuldigt die Griechen, dass sie die christlichen Albaner gegenüber den Muslimen bevorzugen und so danach trachten, jene zum Übertritt zu bewegen, um ihre Assimilierung und die Auflösung ihres Albanerseins zu beschleunigen.
    Islam und Christentum sind darüber hinaus mit Bedeutungen behaftet, die über das reine Verhältnis von Griechen und Albanern hinausgehen. Der Islam wird in der Regel, und zwar sowohl in Griechenland als auch in Albanien (manchmal auch von Muslimen), mit Asien und dem Orient in Verbindung gebracht, während das Christentum als die Religion Europas und des Okzidents wahrgenommen wird. Da er asiatisch ist, repräsentiert der Islam eine fremde und importierte Religion, die im Widerspruch zur „Natur“ der europäischen Völker steht, wird er doch auch mit Rückständigkeit, Vergangenheitszugewandtheit, Barbarei und Armut assoziiert. Oft wird der Islam als „fanatisch“ beschrieben. Das Christentum wiederum ist genau das Gegenteil: die wahre Religion Europas und so auch die Religion der reichen und entwickelten Länder, und als eine Form von „Kultur“ ist es weit von jeglichem Fanatismus entfernt.
    Die Albaner begegnen der Orthodoxie auf zweierlei Art: mit schrittweisem Übertritt oder Ablehnung. Der schrittweise Übertritt ist ebenso ein Übertritt zum orthodoxen Christentum wie er ein Übertritt in die griechische Gesellschaft und die Annahme einer griechischer Lebensweise ist: Angeregt wird er oft von den Arbeitgebern des Einwanderers, die ihn überzeugen, dass sein Erfolg sowie der Bruch mit seiner ärmlichen Vergangenheit und dem negativen Bild des Albaners über den Austritt aus dem Islam erfolgen muss; der Kirchenübertritt wird von den Albanern daher als eine Form des sozialen Aufstiegs wahrgenommen, als Zeichen, dass ihre Arbeitgeber bereit sind, sie anders denn als Albaner zu sehen. Er ist auch ein Mittel, sich von den anderen Albanern abzuheben und seinen Erfolg zur Schau zu stellen: An den Osterfeierlichkeiten teilzunehmen oder furchtlos eine Kirche zu betreten, sind bedeutsame Veränderungen, Zeichen einer neuen Existenz, die der des zivilisierten Menschen mehr als der des wilden Tieres entspricht. Der Kirchenübertritt erfolgt in dem Sinn schrittweise, als die Taufe nur das Ende eines Prozesses ist, der mehrere Jahre andauern kann und der in einem langsamen Vertrautwerden mit dem Ritual und mit seinem Platz im alltäglichen Leben besteht.
    Auch hier sind die wieder Kinder viel empfänglicher für den sozialen Druck, der von ihren Klassenkameraden oder von den Nachbarn ausgeübt wird, und bei ihnen kann die Taufe viel schneller erfolgen. Der Kirchenübertritt ist für jene Eltern, die im allgemeinen nicht praktizierend und dem Islam wenig verbunden sind, auch ein Mittel, die Integration und den Erfolg ihrer Kinder zu erleichtern, ohne damit den Eindruck zu haben, „Verrat“ zu begehen oder sich selbst aufzugeben. Er stellt eine Art Garantie dar, dass die Kinder keine religiöse Diskriminierung erfahren werden. Mehr als die Eltern selbst sind die Nachbarn oder griechischen Arbeitgeber der Auslöser für den Kirchenübertritt der Kinder, aber dieses Vorgehen wird dadurch erleichtert, dass sich die Albaner der Verknüpfung von Orthodoxie und Griechentum bewusst sind. Gleichzeitig haben sie die Gewissheit, dass die religiöse Zugehörigkeit für die Definition des Albanerseins nicht wesentlich ist und man sie also wechseln kann: Vom albanischen Standpunkt aus kann man problemlos gleichzeitig Albaner und orthodox sein. Darüber hinaus bietet die Taufe eine Gelegenheit, ein besonderes Band mit einer griechischen Familie zu knüpfen, welches das Patenkind mit seinem Taufpaten (koumbaros) verbindet. Es stellt gleichzeitig ein Zeichen für sozialen Erfolg und eine Garantie für Unterstützung und Solidarität für den Fall dar, dass die albanische Familie in Schwierigkeiten gerät.
    Letztlich hängt der Religionsübertritt jedoch nicht mit dem Vornamenswechsel zusammen: Selbst wenn die Taufe verlangt, dass man einen christlichen Vornamen annimmt, bedeutet das nicht, dass dieser unbedingt auch verwendet werden muss, vor allem wenn er nicht bereits vor dem Kirchenübertritt als „griechischer Vorname“ verwendet wurde. Der orthodoxe Vorname wird daher als ein privater und persönlicher, beinahe geheimer Vorname gehütet, wohingegen der albanische Vorname weiterhin von Eltern und Freunden verwendet wird.
    Die Ablehnung der Orthodoxie, vor allem unter der albanischen Bevölkerung, für die religiöse Praxis und Glaubensäußerungen eine untergeordnete Rolle spielen, nimmt in der Regel nicht die Form einer Aufforderung nach Zugehörigkeit zum Islam als einer Religion, die sich auf der selben Ebene wie das Christentum befindet oder sogar in Konkurrenz dazu steht, an. Eben durch die Verknüpfung der Kategorien „griechisch“ und „orthodox“ wird das Christentum im Gegensatz dazu vielmehr als ein Hindernis für die Integration der Albaner aufgefasst, als ein Mittel, ihre Differenz zu stigmatisieren und sie in der negativ bewerteten Kategorie der „Albaner“ zu belassen. Es markiert die Grenze, welche die Griechen immer wieder zwischen sich und den Albanern ziehen. Die Ablehnung der Orthodoxie nimmt somit nicht die Form eines theologischen Arguments für die Überlegenheit des Islam an, sondern stellt sich als eine Kritik der Rolle und der Bedeutung der Religion in der griechischen Gesellschaft generell dar. Insbesondere wird dabei auf den Klerus ebenso wie auf das Ritual abgezielt, und zwar vor allem deshalb, weil man sich den Fernsehübertragungen von religiösen Feierlichkeiten oder Stellungnahmen geistlicher Würdenträger nicht entziehen kann, bleibt doch der Fernseher in den meisten Fällen den größten Teil des Tages eingeschaltet. Diese Übertragungen werden von den Albanern als Angriff empfunden, und sie sehen darin nur die Botschaft, dass Griechenland orthodox ist und dass sie darin, außer wenn sie orthodox sind, keinen Platz haben.
    Desgleichen erscheint der Islam, sogar in der sehr rudimentären Version der meisten Albaner, als albanisches Merkmal, wie etwas, das es zu bewahren und zu beschützen gilt, will man Albaner bleiben. Es geht weniger darum, den Islam zu praktizieren – vor allem, da man es in Albanien auch nicht tut –, als sich als Muslim zu deklarieren, was im Hinblick auf das Verhältnis von Griechen und Albanern gleichbedeutend mit Albaner wird. Im Gegensatz zum gängigen Diskurs über die untergeordnete Rolle der Religion in der Definition der albanischen Nation erscheint der Islam hier, im Rahmen der Immigration nach Griechenland, als ein Kennzeichen der albanischen Identität. Nichtsdestoweniger bleibt der Islam – wie überall auf dem Balkan – eine problematische Religion: Wahrscheinlich gleicht die Haltung der Albaner deshalb eher einem Antiklerikalismus als einem Antichristentum.
    6. Die Nation
    Die Albaner in Griechenland leben in einem Staat, der nicht der ihre ist, der sie im Allgemeinen nicht anerkennt und sie nicht haben will. Die griechische Gesellschaft akzeptiert die Differenzen, welche die ethnische Homogenität ihrer Nation in Frage stellen könnten, schlecht und strebt nach einer Assimilation all dessen, was anders ist, wie wir es im Fall der Religion gesehen haben. Diese ungemütliche Lage weckt bei den Albanern ein zwiespältiges Gefühl gegenüber ihrer eigenen Nation und gegenüber ihrem eigenen Staat. Zudem beruht das Albanersein im Allgemeinen auf einer essentialistischen Vorstellung von menschlicher Gemeinschaft: Welche Bedeutung man auch immer der Erziehung und der Kultur beimisst, eine Gemeinschaft wie die Nation wird vor allem über das Blut und über die Weitergabe nationaler Eigenheiten von einer Generation auf die nächste – und zwar eben durch das Blut – definiert. Die Nation wird als eine unveränderbare Größe aufgefasst, die schon immer existiert hat und deren Existenz nicht eigens begründet werden muss.
    Diese Vorstellung ist im Diskurs der Albaner in Albanien im Allgemeinen nur unterschwellig vorhanden – in einem Kontext also, wo die Definition und die Bestätigung des Albanisch-Seins keine Priorität hat, wo hingegen die Zugehörigkeit zu einer religiösen Gemeinschaft, zu einer Verwandtschaftsgruppe, zu einer Region oder einer politischen Fraktion alltäglichere und unmittelbarere Implikationen hat. In Griechenland und bis zu einem gewissen Maß auch in den Grenzregionen ist das anders: Die tägliche Begegnung mit dem Fremden, das heißt mit dem national Anderen, verstärkt das Gefühl der Zugehörigkeit zu seinem eigenen Land und zu seiner eigenen Gesellschaft und zwingt so, die Nation klarer zu definieren. Daraus folgt bei den Albanern eine Art von Selbstbezogenheit, was sich sowohl in den Diskursen über das Griechisch-Sein und Albanisch-Sein niederschlägt als auch in der Art, wie die Migranten ihr Verhältnis zu den beiden Staaten und Gesellschaften begreifen. Es steht dabei viel auf dem Spiel, wenn nämlich die einen den anderen Rassismus und Nationalismus vorwerfen, oder wenn es um äußere Ereignisse geht, wie im Fall des Kosovo-Krieges 1999. Die Albaner warfen den Griechen damals vor, Serbien gegen die Kosovoalbaner zu unterstützen, während die Griechen die Griechenland-Albaner beschuldigten, wegen der Perspektive auf ein – Griechenland bedrohendes – „Großalbanien“ für die Albaner im Kosovo einzutreten.
    Es sind hier zwei Haltungen der Albaner zu unterscheiden – die erste ist auf Ethnozentrismus zurückzuführen, die zweite auf Nationalismus, wobei letzterer eine politische Dimension aufweist, die ersterer nicht besitzt. Ich verstehe unter Ethnozentrismus die Behauptung der Überlegenheit der eigenen Gemeinschaft und unter Nationalismus das Streben nach politischer Anerkennung wenn nicht der Überlegenheit, so doch zumindest der Besonderheit der eigenen Gemeinschaft ist. Die Albaner in Griechenland sind immer bereit zu behaupten, dass sie den Griechen in vielerlei Hinsicht überlegen sind (wenn es beispielsweise um moralische Eigenschaften geht, welche die einen den anderen zuschreiben), ganz so als wollten sie damit die soziale Unterlegenheit, in der sie positioniert sind, ausgleichen. Der Hauptvorwurf, der den Griechen gemacht wird, ist Unehrlichkeit: Die Griechen werden von den Albanern übereinstimmend als des Vertrauens nicht würdig erachtet (i pabesë), die Treue zum gegebenen Wort (besë) wird im Gegensatz dazu als die edelste und die den albanischen Charakter am meisten auszeichnende Eigenschaft dargestellt. Man bezichtigt die Griechen des Lügens, des berechnenden Kalküls zum Nachteil der Albaner und der Unzuverlässigkeit: „An einem Tag sagen sie, dass sie deine Freunde sind, aber am nächsten Tag, wenn sie dich nicht mehr brauchen, kennen sie dich nicht einmal mehr.“ Die bei den Albanern geforderte Form der zwischenmenschlichen Beziehungen drückt sich auch in Gegenüberstellungen von als kalt und distanziert geltenden Griechen auf der einen und den vertraulichen Albanern auf der anderen Seite aus. „Die Griechen haben keine Freunde; die Griechen lachen nicht; die Griechen stecken ihre alten Eltern in Heime“, sind oft wiederholte Klischees. Die Albaner präsentieren sich im Gegensatz dazu als lebensfrohe Menschen, welche die Geselligkeit lieben und die niemals einen Freund oder Elternteil in seiner Not allein lassen. Auf einer anderen Ebene betonen sie auch die positive und konstruktive Rolle, welche die Albaner, die Arvaniten eingeschlossen, bei der griechischen Revolution, der Befreiung Griechenlands und dessen Weg zu einem modernen Staat gespielt haben, wobei sie sich manchmal als die wahren Gründer des griechischen Staates präsentieren. Die Rolle der Griechen in der albanischen Geschichte wird hingegen immer als destruktiv dargestellt, da Griechen die Existenz einer albanischen Nation ständig geleugnet hätten und durch die Gleichsetzung aller Orthodoxen mit Griechen heute noch die Integrität der albanischen Nation bedrohen würden. Die griechische religiöse Propaganda sei zudem verantwortlich dafür, dass sich viele orthodoxe Albaner in Südalbanien zur griechischen Nation bekennen, und leiste so einer Politik Vorschub, die auf die Auflösung der albanischen Nation abziele. Wie wir gesehen haben, wird darüber hinaus das albanische Schulsystem für seine hohe Qualität gelobt, wohingegen die Griechen als Menschen ohne Bildung und ohne Zeugnisse beschrieben werden, als Opfer ihres erbärmlichen Schulsystems. Und schließlich betonen die Albaner gern, dass ihr Alphabet 36 Buchstaben habe, während das griechische Alphabet nur 24 besitze: Sei das denn nicht ein Zeichen für die albanische Überlegenheit? In dieser Form äußert sich im Wesentlichen der albanische Ethnozentrismus.
    Kann man darüber hinaus von einem albanischen Nationalismus in Griechenland sprechen, das heißt von einer politischen Auseinandersetzung bezüglich der Stellung der Albaner in Griechenland? In den ersten Jahren der Immigration waren die meisten Albaner zu sehr mit dem Überleben und Geldverdienen beschäftigt und sahen sich selbst nur als Saisonarbeiter: Griechenland war einfach ein Mittel, um Geld zu verdienen. Wie es ein Familienvater aus einem Dorf nahe der Grenze beschreibt, blieb man dort, bis man „die Taschen voll hatte“, und kehrte zurück, wenn man „alles ausgegeben hatte“. Die Legalisierung wurde nicht so sehr als Anerkennung seines Status durch den griechischen Staat betrachtet, sondern als ein Mittel, weniger Ärger mit der Polizei zu haben, also effizienter arbeiten zu können. Die Emigration war ein individuelles Projekt, das darauf gerichtet war, die Lebensbedingungen der Familie, die in Albanien geblieben war, zu verbessern. Die Frage der kollektiven Situation der Albaner in Griechenland stellte sich nicht.
    Wie wir gesehen haben, hat sich die Lage seit Mitte der neunziger Jahre verändert, vor allem seit 1997. Die Albaner sind sich zunehmend dessen bewusst geworden, dass sie nicht nur vorübergehend in Griechenland sind, sondern dass sie ein Segment der griechischen Gesellschaft bilden und daher eine entsprechende Form der Anerkennung einfordern können. Derzeit entfaltet sich die politische oder „nationale“ Aktivität der Albaner hauptsächlich im Rahmen von Migrantenvereinigungen. Sie ist zum einen gegen den Rassismus gerichtet, dessen Opfer die Albaner zu sein glauben, und mehr noch gegen die Assimilation, die sie eine „Auflösung“ der albanischen Nation in Griechenland befürchten lässt. Eine einzige albanische Vereinigung, das Forum, ist derzeit in Athen offiziell registriert, eine andere, die sich aus der Athener Vereinigung herausentwickelt hat, ist in Thessaloniki aktiv. Weitere Projekte sind zur Zeit im Aufbau begriffen. Abseits dieser eingetragenen Vereinigungen gibt es in Athen eine Reihe von informellen Zuwanderergemeinschaften, die seit Mitte der neunziger Jahre gegründet wurden. Deren Existenz ist oft von kurzer Dauer, ihre Aktivitäten sind begrenzt – mangels finanzieller Mittel und legalem Status – und die Zahl ihrer Mitglieder ist schwer zu eruieren. Ihre Funktion variiert: Manche haben einen regionalen Bezug (Labëria: Vereinigung der in der Labëria lebenden Menschen; Muzaku: Vereinigung der in Berat lebenden Menschen), andere einen religiösen (Liga der orthodoxen Albaner in Griechenland, gegründet im März 2000), einen kulturellen (Vereinigung der albanischen Schriftsteller und Intellektuellen) oder sie sind Solidargemeinschaften (Brüderlichkeit, Vaterland). Das Ziel, das die meisten von ihnen erklärtermaßen verfolgen, ist die albanische Kultur zu bewahren sowie die albanische Sprache und die albanischen Traditionen in Griechenland lebendig zu erhalten. Sie sind damit Ausdruck der Sorge ihrer Gründer angesichts der raschen Integration der Albaner, die als Assimilation, also als Auflösung, betrachtet wird. Der Fall der Arvaniten, der Nachfolger der im 14. und 15. Jahrhundert nach Griechenland ausgewanderten Albaner, wird oft als Beispiel dafür zitiert, was die Albaner in Griechenland heute erwartet: Viele von ihnen sprechen kein Albanisch und alle betrachten sich eher als Griechen albanischen Ursprungs denn als Griechenland-Albaner. Abgesehen vom Forum, das von einer jungen Mannschaft geführt wird, wurden alle Vereinigungen von Familienvätern initiiert und geleitet, die der alten albanischen kommunistischen Intelligentsia mehr oder weniger nahe standen. Wie wir gesehen haben, kann man diese Vereinsaktivität als Reaktion dieser Generation auf eine gewisse soziale und berufliche Außenseiterrolle betrachten. Wenige von ihnen sind perfekt integriert und die meisten beklagen sich, dass sie in Griechenland keine Anstellung bekommen können, die ihrem intellektuellen Status entspricht. Die Vereinsaktivität, selbst wenn sie auf die Organisation von Versammlungen und auf die Erstellung von Mitgliedskarten beschränkt bleibt, verschafft ihnen gewissermaßen das Gefühl, Herr der Lage zu sein und handeln zu können. Diese Generation tut sich schwer damit, mit ansehen zu müssen, wie schnell ihre Kinder sich assimilieren. Die Begeisterung für Funktionstitel, die man auch anderswo auf dem Balkan kennt, ist ebenfalls ein Motor für Vereinsaktivitäten. Sie ist auch Grund für Konflikte innerhalb des Vereins: Schließlich hat es einen gesellschaftlichen Wert, Präsident einer Vereinigung zu sein. Man erinnere sich nur an jenen Ausspruch von Fan Noli, einem albanischen Politiker der Zwischenkriegszeit, der bedauerte, dass, wenn zwölf Albaner zusammentreffen, um etwas zu organisieren, 13 kapedan sein wollen. Im selben Zusammenhang erklärt ein Albaner aus Athen, der diesem Vereinsmilieu nahesteht, dass „sehr wenige Vereinigungen mehr als fünf Mitglieder haben, und die meisten haben zweieinhalb: einen Vorsitzenden, der für eineinhalb zählt, weil sein Ego sehr entwickelt ist, und einen Vizepräsidenten“.
    Die Aktivitäten und der Einfluss dieser Vereine sind aus mehreren Gründen beschränkt. Viele von ihnen sind nicht als Zuwanderervereinigungen registriert und verzichten darauf, die notwendigen Schritte zu unternehmen, um sich eintragen zu lassen und auch nur irgendetwas mit dem griechischen Staat zu tun zu haben. Sie entwickeln im Gegensatz dazu einen Opferdiskurs, demzufolge die albanischen Vereinigungen deshalb nie registriert werden, weil der griechische Staat ihnen dabei zu viele Steine in den Weg legt. Dafür erwarten sie sich eine Menge vom albanischen Staat und glauben, dass er die Entwicklung der albanischen Vereinsaktivitäten im Einwanderungsland unterstützen wird. Daher bemühen sich die albanischen Vereine, abgesehen vom Forum und dessen Beziehungen zu griechischen Ausländerhilfsverbänden, auch überhaupt nicht, Kontakte mit dem griechischen Vereinsmilieu aufzubauen. Sie wundern sich sogar, wenn man ihnen rät, dass eine solche Politik den Rassismus und die dafür zum Teil verantwortliche Distanz zwischen den Zuwanderern und der griechischen Gesellschaft wirksamer bekämpfen könnte. Statt dessen wollen sie die Albaner in einer Art moralischem Ghetto halten, ständig bedroht von Rassismus und Assimilation, und nähren darüber hinaus noch eine Art Ressentiment gegenüber dem albanischen Staat, der nichts für seine Landsleute im Ausland unternehme. Diese nicht eingetragenen Vereinigungen reflektieren die Unzufriedenheit eines bestimmten Teils der Immigrantenbevölkerung, die unfähig sind, die Kluft zwischen den albanischen Einwanderern und der griechischen Gesellschaft zu überwinden, auf der die rassistischen Gefühle der einen wie der anderen basieren. Es gelingt ihnen nicht, einen Anknüpfungspunkt zwischen Zuwanderern und griechischer Gesellschaft zu schaffen.
    Ein zweiter Hemmschuh in der Vereinsaktivität ist die Angst vor allem, was die Einheit der Nation zu gefährden scheint, also religiöse, politische und regionale Differenzen. Seit dem Fall des kommunistischen Regimes in Albanien haben die Rückkehr der Religion und die Einführung des Mehrparteiensystems in der Politik in der Tat die in der Diktatur verborgenen Bruchlinien offengelegt: den Gegensatz zwischen Muslimen und Christen, zwischen Norden und Süden oder auch zwischen Kommunisten und Antikommunisten. Statt als normaler Ausdruck einer pluralistischen und demokratischen Gesellschaft werden diese Differenzen vielmehr als eine Bedrohung der Nation wahrgenommen. Jedwede Definition der Vereine auf religiöser, politischer oder regionaler Grundlage wird als gefährlich betrachtet, und die meisten Vereinigungen bilden daher einen sehr allgemeinen Diskurs über die Nation und ihre Traditionen aus, in dem wenige Zuwanderer sich wiederfinden. In der Realität stellen die albanischen Einwanderer in Griechenland auch keine einige und solidarische Gemeinschaft dar, die bereit ist, sich in einer auf der Idee der Nation basierenden Vereinsaktivität zu engagieren. Die Notwendigkeit zu arbeiten und zu überleben beansprucht den Großteil der Energie der Migranten. Außerdem sind sie misstrauisch gegenüber allem, was kollektiv ist und was das Leben der Individuen bestimmen möchte. Die Erinnerung an den Kommunismus und dessen Überbetonung des Kollektivs lässt oft seine Reaktivierung befürchten, und es ist bezeichnend, dass viele Menschen, die sich von diesen Vereinigungen distanzieren, dahinter Manöver von Kommunisten oder Exkommunisten vermuten, welche die Auswanderer kontrollieren wollen. Dieselbe Kritik wird manchmal gegenüber den griechischen Unterstützungsvereinen für Einwanderer und Flüchtlinge geäußert, denen man vorwirft, „zu sehr links“ zu stehen und das Kollektive über das Individuelle zu stellen. Für viele Einwanderer bedeutet die Mitwirkung in diesen Vereinen auch, ihr Albanischsein zu betonen und somit auf eine bestimmte Form der Integration zu verzichten: Ihr Ideal ist aber vielmehr der individuelle Erfolg, der über die vorangetriebene Integration in die griechische Gesellschaft erreicht wird, während die Bewahrung der albanischen Nation in Griechenland ein sekundäres Anliegen ist.
    Politisch und national ist die albanische Immigration somit nicht einheitlich. Die Art und Weise, wie die Albaner ihre Zukunft in Griechenland sehen, ist ambivalent, und diese Ambivalenz hat ihre Wurzeln in ihrer Sicht von Griechenland und der griechischen Gesellschaft: zugleich als Modell, dem zu folgen ist, und als Bedrohung des individuellen Erfolgs und der nationalen Eigenheiten. Aus diesem Grund sind die Albaner bis dato unfähig, eine politische Vision ihrer Präsenz in Griechenland zu entwickeln: Ihre Selbstbezogenheit hat ihre Wurzeln viel eher im Ethnozentrismus, der bis zum Rassismus führen kann, als im Nationalismus.
    Die politische Schwäche der Albaner in Griechenland ist wahrscheinlich eine Folge ihrer ökonomischen Schwäche. Die Herausbildung einer neuen Kategorie von Zuwanderern, die sich durch wirtschaftlichen Erfolg auszeichnet, der innerhalb der griechischen Gesellschaft und nicht durch illegale Arbeit an deren Rändern erzielt wurde, kann eine Veränderung bewirken. Solche Fälle sind allerdings noch zu selten, um eine größere Tragweite zu haben, aber die Griechenland-Albaner können sich mit Sicherheit mehr von diesen Beispielen gelungener Integration erhoffen, als von jener Selbstbezogenheit und jenem Opferdiskurs, den die Mehrheit derer führt, welche die Interessen der Griechenland-Albaner zu vertreten vorgeben.
    7. Resümee
    Die albanische Zuwanderung in Griechenland ist zweifelsfrei ein Aspekt der „albanischen Frage“, das heißt der politischen und ideologischen Reorganisation der verschiedenen albanischen Gemeinschaften auf dem Balkan seit Anfang der neunziger Jahre. Mit ihr stellt sich auch die Frage des Verhältnisses zwischen Griechenland und Albanien und was es heißt, außerhalb Albaniens Albaner zu sein. Darüber hinaus ist sie aufschlussreich in Hinblick auf die neuen Probleme, mit denen sich Griechenland seit dem Ende der kommunistischen Regime in der Region konfrontiert sieht: Die albanische Immigration hat zahlenmäßig die größte Bedeutung, sie stellt aber nur einen der Migrationsströme dar, die von Osteuropa und der ehemaligen UdSSR nach Griechenland gelangen.
    Albaner in Griechenland zu sein, wird nicht von allen Einwanderern gleich erfahren: Die religiöse Zugehörigkeit, die gewählte Form der Zuwanderung oder die regionale Herkunft in Albanien bestimmen die Zukunft der Albaner in Griechenland. Die Haltung der Einwanderer gegenüber der griechischen Gesellschaft scheint sich zwischen vier großen Polen zu bewegen, die entlang zweier Achsen definiert werden können. Die erste Achse ist jene der Anerkennung und der Wahrung der albanischen Identität; die zweite ist jene des – freiwilligen oder erzwungenen – Sich-Auflösens dieser Identität. Im ersten Fall streben die Albaner zum einen nach dem Status einer nationalen Minderheit in Griechenland: Ihre Präsenz in Griechenland wäre offiziell anerkannt, sie hätten nicht mehr mit Ausweisungen zu rechnen und könnten ihre Sprache bewahren ebenso wie die „Kultur und die nationalen Traditionen“. Das Weiterbestehen der albanischen Identität liegt, wenn sie aufgezwungen wird, einem anderem anderen Gefühl zugrunde, das darin besteht, sich als Opfer des Rassismus und der Diskriminierung durch die griechische Gesellschaft und den griechischen Staat darzustellen. Im zweiten Fall tendieren die Einwanderer entweder dazu, das Aufgehen in der griechischen Gesellschaft bis hin zum „Griechisch-Werden“ freiwillig zu akzeptieren oder aber die erzwungene Assimilation zu verurteilen, als deren Opfer sie sich fühlen. Es gibt somit vier Möglichkeiten, wie in der folgenden Tabelle dargestellt.
    Modalität
    freiwillig unfreiwillig
    Albanische Identität Aufrechterhaltung „Minderheit“ „Rassismus“
    Verlust „Integration“ „Assimilation“
    Die Ambivalenz der albanischen Identität in Griechenland ist darauf zurückzuführen, dass sich diese vier Möglichkeiten nicht gegenseitig ausschließen: Die selbe Person kann gleichzeitig ihren Kindern verbieten, zu Hause albanisch zu sprechen, um deren Integration zu erleichtern, und von den Griechen in einer Art „Minderheitenstrategie“ die Anerkennung des albanischen Charakters griechischer Nationalhelden fordern. Ebenso kann man gleichzeitig die Assimilation und den Rassismus, deren Opfer die Albaner sind, verurteilen. In anderen Worten, die Haltung der Albaner, wenn sie ihre Präsenz in Griechenland reflektieren, ist nicht einheitlich. Es ist, als würde die Immigration bei den Albanern selbst die Frage aufwerfen, was es heißt, Albaner zu sein: Kann man außerhalb des Nationalstaats Albaner sein? Kann man Albaner sein, ohne albanisch zu sprechen?
    Aus dem Französischen übersetzt von Robert Pichler und Dagmar Gramshammer-Hohl.





    Hier ein überblick warum die Albaner gezwungen sind Griechisch zu lernen und ihre herkunkft zu verleugnen,ihre sprache zu vergessen,ihre namen verändert werden und bei uns haben sie schulen und können/wollen kein albanisch lernen.
    Gleiches recht für alle oder die griechen schulen schliesen und die griechen in albanien sollen auch albanische namen annehmen.



    Gilles de Rapper : Transformation und Anpassung: Die albanische Zuwander in Griechenland zwischen Integration und Rassismus
    a mundesh shkurtimisht me tregu cka shkrun ne tekst.
    flm shqipe

  10. #20
    Bendzavid
    Zitat Zitat von Greko Beitrag anzeigen
    Für die Nationalisten darf man nicht das ganze, griechische Volk verurteiln und als nationalistisches Pack betiteln.
    Ganz besonders, wenn die Albaner hier im Forum noch nie in Griechenland waren.
    Man kennt das hellenische Volk nicht und bezieht seine Subjektiven Quellen, die einen beeinflussen aus dem Internet, während die Welt draussen anders aussieht.
    Hier wird behauptet, dass die meisten griechischen Politiker Anhänger der Ansicht sind, dass die Albaner vertrieben werden sollen.
    Natürlich ist das nur eine Behauptung.

    Weil: Es werden keine Beweise vorgelegt und es wird einfach nachgeredet und wiederholt wie bei'm Vokabel lernen.

    Es wird ignoriert, dass es auch albanische Nationalisten gibt, die sogar Großmacht - Träume haben. Aber man zeigt nur mit seinen Finger auf die bösen Nachbarn, den Griechen. Welche sich gerade außenpolitisch bemühen, sogar mit der Türkei Pakte abschließen.

    Zu einem Konflikt gehören immer 2, deswegen behaupte ich, dass Albaner mit dran Schuld sind.
    Schau dir Illyria an. Seine Karte im Profil.
    aber schau doch, viele griechen hier im forum machen genau dasselbe mit den albanern.
    thrakian hat zum Bespiel stehe georgios kastriotis- i'm a grecian prince...
    obwohl bereits bewiesen wurde das er albaner war und auch als nationalheld der albaner annerkannt wird.
    sicherlich nationalisten gibt es auf jeder seite und sowas muss jede regierung der welt bekämpfen, da durch diese leute meistens das image des volkes und staates drunter leidet.
    zu jedem konflikt gehören immer zwei da hast du recht.
    wir sollten endlich aufhören uns gegenseitig hier fertig zu machen.
    jedes verschwendete menschenleben mit rassistischen motiven ist ein verschwendetes.
    der vorfall mit der armee ist natürlich inakzeptabel da muss anscheinend ordentlich ausgemistet werden.

    ps: viele griechische user haben über den tod von einem 35-jährigen griechen berichtet und sich darüber beschwert das der albanische staat nichts unternimmt. der täter, ein 20-jähriger, wurde in vlora festgenommen und hat bereits ausgesagt. es sei ein normaler verkehrsunfall gewesen sagte er, ihm droht jetzt eine lebenslange haftstrafe.
    siehe da es passiert was jetzt muss man auf das urteil warten.

Seite 2 von 23 ErsteErste 12345612 ... LetzteLetzte

Ähnliche Themen

  1. ist das ein albaner in griechenland??
    Von MIC SOKOLI im Forum Kriminalität und Militär
    Antworten: 124
    Letzter Beitrag: 04.11.2009, 06:51
  2. Antworten: 122
    Letzter Beitrag: 22.07.2009, 17:39
  3. Antworten: 37
    Letzter Beitrag: 21.07.2006, 02:15
  4. Albaner in Griechenland
    Von Albanesi2 im Forum Politik
    Antworten: 5
    Letzter Beitrag: 03.10.2005, 18:37