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Die Sache mit dem «U»

Erstellt von Krešimir, 23.07.2009, 22:45 Uhr · 4 Antworten · 728 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von Krešimir

    Registriert seit
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    3.863

    Die Sache mit dem «U»

    Die Sache mit dem «U»

    In den Ländern Ex-Jugoslawiens wird mit den Mitteln der Sprache weiterhin provoziert

    Auf dem Balkan kann oft ein einziger Buchstabe bedeutsam sein, von Wörtern oder Namen ganz zu schweigen. Im Raum Ex-Jugoslawiens ist es das durch den kroatischen Faschismus belastete «U», das immer wieder zu politischen Provokationen und Peinlichkeiten Anlass bietet. Noch immer bietet die Sprache ein Agitationsfeld für Nationalisten.

    Lidija Klasić


    Das «U» ist ein schicksalsträchtiger Buchstabe, sozusagen das Hakenkreuz vom Balkan. Im Zweiten Weltkrieg schmückte ein einfaches grosses «U» die Mützen der berüchtigten kroatischen Ustascha-Soldaten. Das «U» wurde zum Symbol ihres «unabhängigen» Staates, eines Gebildes von Hitlers Gnaden. Nach dem Krieg wurde das «U» zum unmissverständlichen Hinweis auf die kroatischen Greueltaten gegenüber Serben, Juden und Antifaschisten, und es wurde somit konsequent aus der sozialistischen Öffentlichkeit verbannt. Doch damit wurde das «U» als geschichtsträchtiges Symbol nur befestigt, wurde zum dunklen Gegenstand der ewigen Begierde der kroatischen und des ewigen Hasses der serbischen Nationalisten.

    Die Auseinandersetzungen um solche für Aussenstehende nur schwer zu verstehenden Deutungen und Be-Deutungen spielten sich meist im Verborgenen ab – doch nur bis im Jahr 1987 das kroatische Zagreb die Ehre erhielt, die 14. Studentischen Weltsportspiele organisieren zu dürfen. Für die Nomenklatura der Post-Tito-Zeiten war dies eine willkommene Gelegenheit, ihre damals tatsächlich weitum vorhandene Offenheit, Liberalität und prowestliche Gesinnung zu beweisen. Aber dann gab es ein Problem, denn das Symbol der Universiade ist ein «U», und in der zunächst gewählten Schrift wirkte dieses optisch so, als sei es aus den Mützen der Ustascha herausgeschnitten. Nun wollte niemand erneut Fahnen mit übergrossem «U» die Strassen Zagrebs schmücken sehen, und so fanden flinke Funktionäre rasch eine Lösung – das «U» wurde zum «Y», ähnlich dem kyrillischen Zeichen für «U». Zur Sicherheit noch etwas schräger gehalten, wurde es der Öffentlichkeit als eine «internationalisierte» Variante des gewählten Logos angepriesen. Tausende von studentischen Sportlern aus aller Welt kamen zur Universiade und stürzten sich begeistert in die Wettbewerbe und anschliessend ins Nachtleben des für diese Gelegenheit besonders herausgeputzten Zagreb. Niemand von ihnen ahnte, dass aus der Frage der Fahnen fast ein Drama geworden wäre.
    Schatten im Voraus

    Kontroversen um kroatische und serbische Sprachvarianten warfen Schatten über das offiziell harmonische Zusammenleben in Jugoslawien, lange bevor das Land 1991 auseinanderbrach. Doch kaum jemand konnte damals schon ahnen, welchen Sprengstoff Buchstaben und Wörter in sich bargen. Der Streit ums «U» warf ein Licht auf eine Spaltung, die tief in der Gesellschaft verborgen lag.

    Auch die unzähligen internationalen Politiker, Vermittler und Friedensstifter, welche den Zerfall Jugoslawiens wenn nicht zu stoppen, so doch in zivilisierte Bahnen zu lenken versuchten, konnten die sprachlichen Dimensionen des kriegerischen Konflikts nicht entschlüsseln. Es dauerte lange, bis sie begriffen, dass «ein Jugoslawe», je nachdem ob er «Kosovo», «Kosova» oder «Kosmet» sagt, seine politische Gesinnung ausdrückt. Der Glaube an die Magie der Namensnennung gilt auch weiter südlich, wie die trotzig-irrationale Angst der Griechen davor beweist, dass Mazedonien sich «Mazedonien» nennt.

    Zwischen den Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien, das einst durch das Serbokroatische geeint war, sind noch heute Sprachkriege in Gang. In Kroatien etwa wurden zeitweise serbische Filme mit Untertiteln versehen, bis das Gelächter des Publikums und der Spott der Medien den Sprachschützern diese Idee wieder austrieben.

    Die Vertreter Bosniens und Herzegowinas wiederum würden sich schwer beleidigt fühlen, gäbe es in der Sprachauswahl auf «internationalen» Konferenzen kein «Bosnisch» im Angebot, und auch in Montenegro, das lange zu Serbien gehörte, basteln die Behörden schon länger an Sprachunterschieden, um die staatliche Abspaltung zu legitimieren. Zum Glück kümmert das den Mann von der Strasse wenig. Alle jugoslawischen Ethnien können sich in ihren Sprachvarianten noch immer auch ohne Übersetzer prächtig miteinander unterhalten.

    «Linguistisch haben wir eine Sprache und politisch deren vier», schreibt der Philologe Ranko Bugarski, der in seinen Büchern die «konstruierten, unorganischen Sprachkonstruktionen» im Raume Ex-Jugoslawiens anprangert, «deren Hauptzweck die gegenseitige Unterscheidung ist». So hat die Sprache denn eine Funktion erhalten, die früher das kommunistische Parteibuch innehatte. Bewusst abweichende Wortwahl zielt auf nationale Selbstmarkierung.
    Peinlicher Ausrutscher

    Umso peinlicher, wenn man dann vom dekretierten nationalen Standard abweicht: Im Jahr 1996 besuchte der damalige amerikanische Präsident Clinton Kroatien. Weil der Bosnien-Krieg noch tobte und Washington nicht sicher war, ob das Land unterstützt gehörte oder nicht, legte Clinton nur einen halbstündigen Zwischenstopp am Flughafen von Zagreb ein. Der damalige kroatische Präsident Tudjman, Staatsgründer und Meister in der Konstruktion des Neu-Kroatischen als Sprach-Beweis dafür, dass Kroatien und Serbien nichts verbindet, war als Gastgeber schrecklich aufgeregt. Was ihn, der als ehemaliger kommunistischer Hardliner und Armeegeneral lange Zeit in Belgrad gelebt hatte, bewog, in alte Gewohnheiten zu verfallen und den nichtsahnenden Bill Clinton auf Serbisch zu begrüssen . . . Das staatskritische Zagreber Radio 101 hat zur Freude seiner Zuhörer noch jahrelang diesen Tudjmanschen Ausrutscher als Jingle gesendet.

    Die Sprache ist sehr wohl manipulierbar – und besonders in einem Gebiet wie Ex-Jugoslawien, wo Geschichte gern mythologisiert oder verdrängt wird. Das arme «U» wird jedenfalls bis heute nicht in Ruhe gelassen. In diesem Frühling schmückte das Fussballteam eines ohnehin zum Nationalismus neigenden kroatischen Provinzkaffs nahe der bosnischen Grenze seine Spielertrikots mit einem übergrossen Logo «gUj», angeblich die Anfangsbuchstaben der Sponsorfirma «Gojko und Jure» . Das deutsche «und» ist natürlich kein kroatisches Wort, aber das einheimische Publikum verstand alles bestens und bejubelte stürmisch die Spieler und ihre Trikots. Erst als einige Zeitungen den Vorfall als skandalös bewerteten und sich die Politiker in Zagreb zu fragen begannen, ob solch ein Kokettieren mit dem Faschismus «EU-tauglich» sei, zeigte der Klub ein Einsehen. Jetzt spielen die Fussballer in Shirts mit einem grossen Fragezeichen als Logo – und können sich vor begeisterten Fans aus ganz Kroatien kaum retten.

    In diesem Juli wurde Belgrad zum Hausherrn für die inzwischen schon 25. Universiade der Studenten, womit sich wieder das leidige Logo-Problem stellte. Und wie damals in Zagreb löste man es in Belgrad mit politischer Phantasie – das lateinische «U» wurde fast bis zur Unkenntlichkeit verdreht. Eines aber wird bei alldem deutlich: Die Hauptgegner der Kriege auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien haben auch nach fast zwanzig Jahren Feindschaft und Abrechnung nicht zur ehrlichen Auseinandersetzung mit der gemeinsamen blutigen Vergangenheit gefunden. Stattdessen spielt man gerne linguistische Spielchen und tritt einander ans Schienbein, wo man nur kann. Dabei wäre Sprache doch eigentlich zur Verständigung geschaffen.

    Quelle: Die Sache mit dem U (Wissenschaft, NZZ Online)

  2. #2
    Baader
    Unter Umständen hat dieser Beitrag Recht. Aber nUr Unter Umständen.

  3. #3
    Avatar von Krešimir

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    3.863
    Aber nUr Unter Umständen haha

  4. #4
    Marija
    Zitat Zitat von Kroate4Immer Beitrag anzeigen
    Erst als einige Zeitungen den Vorfall als skandalös bewerteten und sich die Politiker in Zagreb zu fragen begannen, ob solch ein Kokettieren mit dem Faschismus «EU-tauglich» sei, zeigte der Klub ein Einsehen. Jetzt spielen die Fussballer in Shirts mit einem grossen Fragezeichen als Logo – und können sich vor begeisterten Fans aus ganz Kroatien kaum retten.
    EEEEEE-UUUUU-nijaaaaaaaa... ovo smisla neeeeeeeeemaaa...



  5. #5
    Avatar von Krešimir

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    3.863
    Zitat Zitat von Marija Beitrag anzeigen
    EEEEEE-UUUUU-nijaaaaaaaa... ovo smisla neeeeeeeeemaaa...


    Hahah beste Video

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