Trister Alltag in einer geteilten Stadt.

Priština. Früher sollte sie Norden und Süden miteinander verbinden, heute gleicht sie einer militarisierten Staatsgrenze: Die Brücke von Mitrovica, Symbol einer geteilten Stadt und Brennpunkt des Konflikts zwischen Serben und Albanern im Kosovo. Seit Kriegsende 1999 ist die im Norden der Provinz gelegene Stadt ethnisch entzweit. 15.000 Serben leben nördlich des Flusses Iber, 70.000 Albaner im Süden.
Formal gehören die zwei Stadtteile zueinander, in der Realität sind sie längst zu getrennten Lebenssphären geworden. Im albanischen Teil bezahlt man mit dem Euro, im Norden mit dem serbischen Dinar. Die Kennzeichen der Autos sind verschieden, Straßenschilder in unterschiedlichen Sprachen beschriftet.
Auf der von französischen Kfor-Soldaten kontrollierten Brücke liegen Stacheldrahtrollen und Metallgitter griffbereit. Damit soll im Ernstfall die Verbindung blockiert werden.

Auch wenn die letzten schweren Unruhen bereits über drei Jahre zurückliegen, ist die Gewaltbereitschaft nach wie vor hoch. Erst im August letzen Jahres zerstörte eine aus dem Süden abgefeuerte Granate ein Kaffeehaus am Nordufer. "Früher war es für mich ganz normal, im Norden der Stadt auf die Universität zu gehen", erinnert sich Raif Osmani, mehrfacher Familienvater, an vergangene Zeiten. Heute ist das undenkbar. "Seit dem Krieg war ich nur einmal mit Polizeischutz im Norden, um wichtige Dokumente aus dem Rathaus zu holen. Für Albaner ist das andere Ufer zu gefährlich."

Ruf des Muezzin
Probleme dieser Art gibt es in Mitrovica viele. Am offensichtlichsten wird die verzwickte Lage am Beispiel der religiösen Stätten. Die einst prunkvolle orthodoxe Kirche, Sveti Sava, steht verwahrlost in einem albanischen Siedlungsgebiet im Süden. Umgekehrt liegt der größte muslimische Friedhof nördlich des Iber, Begräbnisse finden dort nur noch in den seltensten Fällen und unter Kfor-Schutz statt. Auf einem in der Mitte von Nordmitrovica gelegenen Hügel thront eine neu errichtete serbisch-orthodoxe Kathedrale über den baufälligen Dächern. Wenn die Dunkelheit über der Stadt hereinbricht, leuchtet sie hell und beinahe demonstrativ dem albanischen Süden entgegen. Und, als wolle dieser darauf antworten, dröhnt fünf Mal am Tag der Lautsprecher-verstärkte Ruf des Muezzins gen Norden.

Das Dilemma des Kosovo ist nirgendwo deutlicher als in Mitrovica. Jede Seite fürchtet die andere, Misstrauen liegt in der Luft. Während die Albaner der Unabhängigkeit entgegenfiebern, blickt die serbische Bevölkerung in eine ungewisse Zukunft.

Auf einer schmucken Bank am Vorplatz der neuen orthodoxen Kirche bekundet eine junge Serbin ihren Unmut. "Meine Familie musste nach den Unruhen 2004 in den Norden der Stadt fliehen, weil die Albaner unser Haus angezündet haben. Auf der Südseite haben wir nur Feinde", sagt Sladjana.

Als wäre die politische Situation nicht heikel genug, leidet Mitrovica auch unter einer katastrophalen Wirtschaftslage. Obwohl die Region reich an Bodenschätzen ist, stehen die Industrieanlagen seit Kriegsende still. Auf den Straßen der Stadt tummeln sich zu jeder Tageszeit hunderte junge Menschen. Jeder zweite Stadtbewohner ist unter 25 und ohne Arbeit – eine hochexplosive Mischung, die die Lage noch verschärft. "Die Situation wird erst besser, wenn die Statusfrage endlich geklärt ist. Vorher investiert doch niemand in diese Stadt", meint der albanische Geschäftsmann Fatmir Avdi. Im serbischen Stadtgebiet ist ähnliche Unzufriedenheit spürbar: Stundenlange Strom- und Wasserausfälle gehören zum Alltag, eine der wenigen Gemeinsamkeiten von Nord und Süd.

Donnerstag, 06. Dezember 2007