DIE ZEIT, 26.03.2009 Nr. 14 [http://www.zeit.de/2009/14/Tuerkei]

Türkei

Wir können auch Kurdisch

Von Michael Thumann

Jahrzehntelang gab sich die Türkei als Staat der »echten« Türken. Kurden, Araber und Armenier wurden unterdrückt. Jetzt hat die Politik die Minderheiten entdeckt

Mersin - Auf dem Friedhof steht sie, mitten im Leben dieser Stadt. Zeynep Bobulu besucht das Grab ihrer Mutter. Über ihr graublondes Haar und die schlichte schwarze Kombination hat sie ein weißes Tuch geworfen. In den Marmor des Grabsteins ist arabische Schrift gemeißelt. Zeyneps Mutter, eine Syrerin, kam wie so viele auf diesem Vielvölkerfriedhof nicht von hier. Die Gräber gehören Arabern, Armeniern, Griechen, Kurden, Türken. Sie waren nach Mersin gereist, um in der Hafenstadt ihr Glück zu machen – als Händler, Orangenbauern und Baumwollpflücker. Unter Orangenbäumen geht die 55-jährige Zeynep weiter, vorbei an einem griechischen Mausoleum, einem Gedenkstein mit Davidstern, hin zum Grab ihrer arabischen Lehrerin. Die Luft schmeckt nach Pinienzapfen, Mittelmeerwind und ein bisschen nach Freiheit. Mersin, das könnte ein türkisches New York sein.

Die Türkei wollte lange Zeit anders sein als Mersin. Regierung und Beamte legten Wert darauf, im Staat der »Türken« zu herrschen. Die »anderen«, das waren »Minderheiten« mit verminderten Rechten. Doch unter der konservativen AKP-Regierung bricht das Dogma auf. Vielfalt hat plötzlich Konjunktur bei den türkischen Regionalwahlen am kommenden Sonntag. Am 29. März gehen knapp drei Dutzend Kurden und Juden, Armenier und Araber als Spitzenkandidaten für die traditionellen Parteien an den Start. In Mersin und in der ganzen Türkei. Nach Putschversuchen und Parteiverbotsverfahren gegen die AKP von Tayyip Erdoğan wird die politische Macht des Premiers neu vermessen. Zugleich wählen die Türken ihre Stadtoberhäupter und Bezirksparlamente neu. Mersin zeigt, wie die Vielfalt die türkische Politik aufbricht – aber auch, wie sehr die Politik in den ethnisch-religiösen Gräben hängen bleibt.

In wenigen Stunden brannten die Soldaten das Kurdendorf nieder

Zeynep Bobulu, Mutter von zwei Kindern, arbeitet als Werbedesignerin in einem lichten Büro. Vom Schreibtisch schaut sie über die Dächer, Minarette und Kirchtürme der Stadt aufs Meer. Das Viertel ist wohlpoliert, kleine Geschäfte, ein Park, der Küstenboulevard mit Palmen. Keine Viertelstunde von Zeyneps Büro fährt man hinein in die Gegenwelt, hinein ins Kurdenghetto. Hier weiden Schafe vor Rohbauten, für die Hinterhöfe reichte der Asphalt nicht mehr. Frauen backen Fladenbrot in Steinöfen auf der Straße, ihre arbeitslosen Männer debattieren die Lage, neben der Teestube hat die prokurdische Partei DTP ihr Büro eingerichtet.

Zwei Schritte entfernt liegt die Polizeistation. Offiziere patrouillieren das Terrain, dazwischen spielen kurdische Kinder. Kein Vielvölkeridyll. Ein Kind sagt etwas Falsches zum Polizisten, der zieht den Knüppel. Nach kurzer Zeit haben die Kurden einen Demonstrationszug organisiert. Die Polizei ruft nach Verstärkung, Mannschaftswagen treffen ein, Steine fliegen gegen die Polizisten, die schießen Tränengas in die Menge.

Mehmet und Ayna Arkin meiden den Kampfplatz Straße. Sie sind 1994 nach Mersin gekommen, mit sieben von neun Kindern. Sie verbringen die meiste Zeit in ihrer kleinen Wohnung mit Blick auf den Hinterhof. Damals besaßen sie 200 Hektar Land mit Lämmern, Ziegen, Ochsen. »Pervari war unser Leben«, sagen die beiden Alten über ihr Dorf. Es existiert nicht mehr. 1993 marschierten türkische Truppen in den kurdischen Weiler im Südosten ein. Die Bewohner hatten ein paar Stunden, um zu verschwinden. Dann brannten die Soldaten alles nieder. Mersin ist eine der Städte, in welche die vertriebenen Kurden in den neunziger Jahren flohen. In diese Stadt allein kamen über 200000 Menschen.

Zeynep, deren Vorfahren schon im 19. Jahrhundert aus Syrien nach Mersin übersiedelten, erinnert sich gut an die dunklen neunziger Jahre. »Wir wissen, sie hatten keine Wahl«, sagt die 55-Jährige über die Kurden. »Aber die Einwanderung hat hier alles verändert.« Es sei schwer gewesen, die Neubürger »zu verdauen«. Die Ghettos wuchsen. Die Angst zog ein in die Stadt. Angst, dass die Kurden Mersin dominieren könnten. Straßenschlachten, Messerstechereien, Flaggen-Verbrennungen hielten die Menschen in Atem. Dann der Schock: In der Wahl 1999 errang die prokurdische Partei die meisten Stimmen. Bei der Auszählung aber gab es plötzlich falschen Bombenalarm. Ein General, ein Regierungsvertreter aus Ankara und der Gouverneur betraten die abgeriegelte Wahlkommission. Nach ihrer Durchsicht der Wahlzettel stand das Ergebnis fest – die Kurden hatten verloren. Bei der Wahl 2004 schlossen die großen Parteien ein Bündnis gegen die Kurden und wählten einen Bürgermeister mit arabischem Hintergrund – als Mitglied der säkularen Staatspartei CHP von Atatürk ein zuverlässiger Mann. Am 29. März wählt Mersin, so hoffen viele, zum ersten Mal frei und ohne Manipulation.

Freie Wahlen sind die Stärke des Tayyip Erdoğan. Der konservative, gläubige Premierminister ist eine Wahlkampfmaschine. Rund 50000 Menschen sind ins Zentrum gekommen, um ihn leibhaftig zu sehen. Erdoğan hat das Jackett abgelegt. Um seinen offenen karierten Hemdkragen liegt der Schal des Mersiner Fußballklubs. Er redet, winkt, poltert, schüttelt Hände, ruft, während seine Frau Emine Blumen ins Publikum wirft.

Kurz vor der Wahl verteilt die AKP Kühlschränke und Waschmaschinen

Der Premier verteidigt die AKP und ihre lokalen Kandidaten gegen den Vorwurf der Wählerbestechung. Parteileute haben in den Kurdengebieten im Südosten Kühlschränke und Waschmaschinen verteilt. »Warum sollen die Armen nicht Sozialhilfe bekommen?«, ruft Erdoğan empört. Dann malt er die mögliche Entwicklung Mersins aus, vorausgesetzt, die AKP gewinne die Wahlen. »Warum sollt ihr nicht eine Attraktion wie Dubai werden?« Ein AKP-Werbefilm zeigt Hochhäuser und Shoppingmalls. Dann raunt er: »Hier leben Türken, Kurden, Tscherkessen, Araber, Sunniten und Alawiten.« Allen gemeinsam gehöre die Zukunft. »Mersins Schicksal ist unser Schicksal.« Die Menge jauchzt.

Erdoğan will zeigen, dass er zur Halbzeit seiner Amtszeit nicht an Stärke verloren hat. Dafür braucht er auch die Stimmen der Minderheiten. Nachdem der Premier im Herbst viele Kurden mit nationalen Tönen verschreckt hatte, gibt sich die AKP seit Jahresbeginn kuschelweich. Das Staatsfernsehen hat einen kurdischen Kanal aufgelegt, ein Radiosender ist in Planung, die Religionsbehörde will den Koran auf Kurdisch herausgeben. Auch die Opposition zieht nach. Die nationalsäkulare Staatspartei CHP, die bisher jede kurdenfreundliche Reform bekämpfte, will das von Kurden gefeierte Newrozfest zum nationalen Feiertag machen. Alle großen Parteien stellen Kandidaten der Minderheiten auf. Türkei – einig Völkerland?

So ist es, findet Zeynep Bobulu. Sie hatte als Kind mit der Missachtung von Minderheiten in der Türkei wenig Probleme. »Ich bin eine türkische Bürgerin, dies ist mein Land«, betont Zeynep. In Mersin habe ihr niemand das Gefühl vermittelt, dass sie anders sei. Sie spricht kein Arabisch, ihr Mann ist sunnitischer Türke. Dabei hatten ihre Eltern klassische Einwandererprobleme. »Meine Mutter sprach als Kind nur Arabisch, mein Vater meistens«, sagt sie und zeigt Schwarz-Weiß-Fotos mit gelblichem Zackenrand. Doch sie passten sich schnell an. Der Vater arbeitete sich in den Orangenplantagen hoch zum Verwalter. Dass er Alawit war – eine Spielart der Schia –, störte nicht. Verkörpert Zeyneps Familie den modernen türkischen Bürger, der nach Parteiprogrammen wählt und nicht nach Identität? Hat Erdoğans Versprechen, aus Mersin ein kleines Dubai zu machen, sie überzeugt? »Nein.« Punkt. Zeynep hat beim letzten Mal den amtierenden Bürgermeister der CHP gewählt. Der übrigens ein arabischer Alawit ist. Nun will sie für einen Kandidaten der sozialdemokratischen DSP stimmen, zufällig auch ein Araber. »Ich bevorzuge die säkularen Staatsparteien«, sagt sie, »keine Religiösen oder die extreme Kurdenpartei.«

Mehmet Arkin, der Kurde, hat keinen Kühlschrank von der AKP bekommen. Hat Erdoğan dennoch eine Chance bei ihm? »Selbst damit hätten sie mich nicht rumgekriegt«, sagt der 73-Jährige. Den kurdischen Fernsehkanal, den Koran auf Kurdisch, das hält er alles für Heuchelei. »Erdoğans moderater Islam ist das Opium der Kurden«, brummt er. Hoch über ihm an der Wand hängen zwei Fotos, gerahmt mit der kurdischen Trikolore. Sein erster Sohn fiel in den neunziger Jahren in Diensten der PKK-Guerilla. Der zweite, auch ein Kämpfer, wird seither vermisst. »Wir wählen unsere Leute, nicht die anderen.«

Mersin steckt in der Identitätsfalle. Die arabischen Alawiten wählen die säkularen Staatsparteien. Alawiten lehnen jede Form unduldsamen Glaubens ab, sie fürchten die Moralvorschriften der prosunnitischen Mehrheit. Die Kurden wählen die kurdische DTP, wenn ihnen das Kurdische am Herzen liegt, oder AKP, wenn sie auf das Wohlstandsszenario hoffen. Hier findet sich das Dilemma der ganzen Türkei: Während die Parteien neuerdings versuchen, alle Minderheiten anzusprechen, wählen viele Kurden, Araber, Armenier weiterhin jene, von denen sie sich Schutz gegen die anderen versprechen. Das gilt auch für die sunnitischen Türken, und hier liegt wohl das größte Problem.

Das Wahlkampfbüro der nationalistischen MHP hat ein Restaurant, in dem es kostenlos Bohnensuppe mit Blick aufs Meer gibt. Wir bahnen uns den Weg zu Mahmut Tat. Der Spitzenkandidat für Mersin sitzt vor einer türkischen Flagge aus rotem Filz im Goldrahmen. »Die echten Türken wählen uns«, sagt Mahmut Tat stolz. Doch auf Nachfrage sagt er, dass selbst die MHP Araber und Katholiken als Kandidaten habe. Schließlich geht es um den Wahlsieg.

Was ist drin für die Kurden der Stadt? Die Förderung der kurdischen Kultur nach AKP-Beispiel lehnt er ab. »Das ist Separatistenpolitik«, sagt Tat. »So werden Subkulturen geschaffen.« Das Ergebnis sehe man auf den Straßen der Türkei – im »Tumult der Sekten«.

Mersin ist eine der Hochburgen der MHP in der Türkei. Das liegt an den sunnitischen Türken, die mit den Kurden die meisten Probleme haben. »Yörük Türk« nennen sie sich, nach den Nomaden, die aus Zentralasien nach Anatolien kamen und stets darauf achteten, sich nicht mit anderen Völkern zu vermischen. Wer in Mersin Wahlen gewinnen will, muss ihre Stimmen einsammeln. Diese Lehre gilt für die ganze Türkei. Deshalb ist Erdoğans politische Linie so kurvenreich. Einerseits lobt er die Vielfalt, andererseits gibt er den glühenden Patrioten. Hier umschmeichelt er die Religiösen, da wirbt er mit weltlicher Fortschrittsideologie. Um die Wahlen zu gewinnen, braucht es viele politische Haltungen – und mitunter am besten gar keine.

Die oppositionelle MHP dagegen setzt auf Unverwechselbarkeit, sagt Mahmut Tat. Das komme an bei den »echten« Türken. »Ihr Ausbildungsgrad ist hoch, sie haben die Theorien des türkischen Nationalismus studiert.« Und sie hätten ihren Platz im Staat, egal, was die AKP verspreche. In einer Nachbarstadt von Mersin hat der Staatsanwalt ein Verfahren gegen die türkische Popdiva Ajda Pekkan eingeleitet. Ihr Verbrechen: Sie hat ein Lied auf Kurdisch gesungen.


Hier wollte ich ansetzen und fragen, ob es zu der Situationslage im Südosten der Türkei Meinungen gibt...
MfG