http://www.welt.de/data/2005/06/15/732150.html

"Wir sollten hier doch alle zusammenleben"
UNO schafft im Kosovo ihren Zielen zum Trotz monoethnische Gemeinden
von Stefanie Bolzen

Gracanica - Milan Djekic wundert sich. "Bisher sollten wir hier alle zusammenleben", sagt der 47jährige Serbe. "Und jetzt wollen sie uns wieder trennen?" Er zuckt mit den Schultern. Sein müder Blick wandert durch das Café, das im Halbdunkel liegt. Draußen regnet es, und an der Hauptstraße von Gracanica ist der Strom ausgefallen, zum zweiten Mal heute. "Am Ende des Tages müssen wir doch alle hier Haus an Haus leben, Albaner und Serben - trotz allem, was geschehen ist. Und trotz ihrer Projekte."


Gracanica ist ein solches Projekt oder besser ein Pilotprojekt. Wenige Kilometer vor den Toren der Hauptstadt Pristina soll hier in nur 18 Monaten eine serbisch verwaltete Gemeinde entstehen, die ihre Steuern, Schulen und Straßen weitgehend selbst administriert. Und damit eine offiziell institutionalisierte Enklave mitten im Kosovo, wo sechs Jahre nach Kriegsende 90 Prozent der Bevölkerung albanisch sind und um die Rückkehr jedes serbischen oder einer anderen Minderheit zugehörigen Flüchtlings gerungen wird.


Bereits kurz nach ihrem Amtsantritt 1999 begann die UN-Mission im Kosovo (Unmik), im Rahmen lokaler Selbstverwaltung die ex-jugoslawischen Gemeindestrukturen zu reformieren. Doch die Reform geriet schnell ins Stocken, das Thema versandete - bis zum März 2004, als gewalttätige Zusammenstöße zwischen Serben und Albanern im Kosovo 19 Menschenleben forderten. Seither drückt die internationale Gemeinschaft, allen voran Washington, aufs Tempo. Und so stehen auch die Pilotprojekte wieder ganz oben auf der Agenda der Kosovo-Kontaktgruppe, zu der neben Deutschland, Frankreich, Italien, Rußland und Großbritannien auch die EU sowie die USA gehören und deren Entscheidungen maßgeblich für die nahe Zukunft des UN-Protektorats sind. "Wir stehen unter enormem Druck, diese Projekte umzusetzen", bestätigt Unmik-Chef Soren Jessen-Petersen im Gespräch mit dieser Zeitung.


In Anbetracht der seit den Balkankriegen international propagierten Priorität eines multiethnischen Miteinanders ist der Paradigmenwechsel auffällig. Denn von fünf UN-Pilotprojekten gelten drei monoethnischen Gemeinden - zwei serbischen und einer türkischen. Zwar betont die Unmik, daß die serbischen Dörfer ohnehin monoethnisch seien und man auf diese Weise mit der von Belgrad finanzierten Doppelstruktur in den Enklaven aufräumen wolle. Doch gibt selbst Jessen-Petersen zu, daß Orte wie Gracanica, wo Serben ohne Angst selbstverwaltet leben können, Zuckerstückchen in der Hinterhand sind. Und die wird man dieses Jahr bei den Statusverhandlungen für Belgrad brauchen.


Den Internationalen vor Ort ist ohnehin klar, daß eine Rückkehr in das vermeintlich friedliche Miteinander aus Tito-Zeiten unmöglich ist. "Die Schaffung einer multiethnischen Gesellschaft im Kosovo ist nicht möglich", sagt eine Diplomatin. "Genauso unmöglich wie die Vorstellung, daß in gemischtethnischen Gemeinden Albaner von Serben regiert werden", sagt sie mit Blick auf Mazedonien, wo durch das Ohrid-Abkommen in einigen Regionen Verschiebungen zugunsten der Minderheit stattgefunden haben.


Milan Djekic setzt keine großen Hoffnungen mehr in das neue Projekt der serbischen Gemeinde Gracanica. 4000 Serben leben hier, etwa 1000 Roma und bis zu 300 Albaner. Aber in den monatlichen Bürgerversammlungen im orthodoxen Kloster ist die Reform kein Thema, "die Leute haben die ganzen Pläne satt", sagt er. Dabei könnte beispielsweise das Steuerrecht Gracanica finanziellen Anschub bringen? Djekic hebt eine seiner dichten Augenbrauen: "Steuereinnahmen? Was wir hier haben ist Armut. Armut und organisierte Kriminalität. Mafia. Da zahlt keiner Steuern!" Zum Schluß gibt Milan Djekic noch ein Wort Mahatma Gandhis mit auf den Weg: Aus einem Irrtum wird keine Wahrheit, auch wenn man sie noch soweit verbreitet. Und aus einer Wahrheit kein Irrtum, selbst wenn kein Mensch sie sieht.


Artikel erschienen am Mit, 15. Juni 2005