Kommentar
Jürgen Elsässer

Präsident Tadic für Teilung des Kosovo

Gefährliche Taktik

Der serbische Präsident Boris Tadic ist auf Goodwill Tour: Letzte Woche in Israel bei Premier Ariel Scharon, am Mittwoch früh auf dem SPD-Parteitag beim neuen Vorsitzenden Matthias Platzeck, gleich darauf in Moskau bei Präsident Wladimir Putin. Immer auf der Tagesordnung der Gespräche: Die in Kürze beginnenden Verhandlungen um den sogenannten Endstatus des Kosovo. Die nach dem Völkerrecht immer noch serbische Provinz soll, so der Wille der albanischen Bevölkerungsmehrheit wie das Bestreben von USA, NATO und EU, möglichst schnell ein eigener Staat werden. Dabei spielt keine Rolle, daß in den letzten sechs Jahren über 200 000 Serben von dort vertrieben wurden. Putin wies gestern zu Recht darauf hin, daß »die Welt von einer humanitären Katastrophe sprach, als die Albaner (1998) aus dem Kosovo flohen, während nun die ganze Welt schweigt«.

Tadic, vielleicht von seinem russischen Amtskollegen ermuntert, machte daraufhin einen sensationellen Vorschlag: Eine Teilung des Kosovo in eine serbische und eine albanische Entität. Erstere könne besonders enge Bindungen an das serbische Mutterland unterhalten, letztere sei der sogenannten internationalen Gemeinschaft anheimgegeben. Unklar blieb in der Meldung des serbischen Radiosenders B92, ob Tadic als Rahmen dieser beiden Entitäten wie bisher die Provinz Kosovo oder aber den angepeilten neuen Staat Kosova sieht. Wenn Tadic das erste gemeint hat, so würde er damit auf ähnlich lebensgefährlichen Pfaden wandeln wie sein Parteifreund und Amtsvorgänger Zoran Djindjic: Auch der hatte zu Jahresanfang 2003 eine Teilung des Kosovo vorgeschlagen, allerdings bei weiterer Zugehörigkeit zum gemeinsam Staat Serbien-Montenegro, und dabei an das Nachbarland Bosnien-Herzegowina erinnert, wo ebenfalls zwei Entitäten unter einem Dach vereinigt sind. Mit der cleveren Idee brachte er damals seine Förderer in Washington, Brüssel und Berlin gegen sich auf, und – Zufall oder nicht – zehn Wochen später war er tot.

Wollte Tadic aber mit seinem Vorschlag den Weg für eine möglichst unblutige Abspaltung des Kosovo aufzeigen, hätte er nicht sich selbst, wohl aber sein Land in Gefahr gebracht. Noch vor Verhandlungsbeginn die bisher parteiübergreifend geteilte Position zu räumen, wonach eine weitere Amputierung vom eigenen Staatsgebiet nicht in Frage kommt, wird die Gegenseite nur zum Draufsatteln ermutigen. Dabei sind die Chancen für die Serben in den letzten Wochen gewachsen, weil die Volksrepublik China in der UNO ihr Veto gegen die drohende Sezession angekündigt und neben Rußland auch Tschechien Unterstützung für Belgrad signalisiert hat.

http://www.jungewelt.de/2005/11-17/002.php

Dann werden wieder die "besonderen Kommentare" wieder kommen, wenn ein Elsässer einen Beitrag bringt.