Der Tag, an dem Khaled el Masri verschwand
Von Sabine Dobel

Die Geschichte liest sich wie ein Krimi. Khaled el Masri wird auf einer Urlaubsfahrt nach Mazedonien aus dem Reisebus geholt und verschleppt. Schwarz gekleidete Männer mit weißen Masken kommen vor, Fesseln, Betäubungsspritzen, Verhöre, Schlafentzug, Prügel und andere Foltermethoden. Der Bericht des 42- jährigen Deutsch-Libanesen klingt abenteuerlich, doch die Staatsanwaltschaft München I hält ihn für glaubwürdig. Sie ermittelt wegen Freiheitsberaubung, Körperverletzung und Nötigung. Und es mehren sich Hinweise, dass der US-Geheimdienst CIA dahinter steckt.

Der Familienvater aus dem Raum Neu-Ulm wollte an Silvester "Urlaub von der Familie" machen. "Er wollte einfach abschalten", berichtet sein Anwalt Manfred Gnjidic. Der gelernte Schreiner und Gebrauchtwagenverkäufer lebte mit vier Kindern und Ehefrau in einem Ein-Zimmer-Appartement.




Seit 1985 in Deutschland

An der Grenze zu Mazedonien wird El Masri, der als Sohn libanesischer Eltern in Kuwait geboren wurde und 1985 nach Deutschland kam, der Pass abgenommen. Für gut drei Wochen wird der Moslem in einem Hotel untergebracht. Immer wieder wird er zu seinen Aktivitäten in Neu-Ulm befragt, zu seiner Moschee, zu seinen Kontakten, berichtet El Masri.

"Ich wurde mit Fäusten geschlagen, und mit etwas, was sich wie ein Stock anfühlte. Jemand schnitt mir die Kleider vom Leib, und als ich mich weigerte, meine Unterwäsche auszuziehen, wurde ich erneut geschlagen." Dabei sei ihm eine Rückkehr nach Hause angekündigt worden. Tatsächlich aber wurde er - gefesselt und mit Augenbinde - in ein anderes Land geflogen. "Ich fühlte, dass es sehr warm war, und so wusste ich, dass ich nicht nach Deutschland zurückgebracht worden war." Es sei Afghanistan gewesen.


Eine enge, schmutzige Zelle

Er sei in eine enge, schmutzige Zelle gebracht worden, frisches Wasser gab es nicht. Ihm sei vorgeworfen worden, mit einem falschen Pass in Dschalabad gewesen zu sein. Er sei zu palästinensischen Ausbildungslagern befragt worden, und ob er Verschwörer der Terroranschläge vom 11. September 2001 oder andere Extremisten kenne. "Wie schon in Mazedonien, habe ich alle Fragen wahrheitsgemäß verneint."

Seine Bewacher hätten sich als Amerikaner zu erkennen gegeben. "Meine Bitten, einen Vertreter der deutschen Regierung oder einen Anwalt zu sehen oder vor ein Gericht gebracht zu werden, wurden ignoriert." Sein Anwalt schrieb später an das Auswärtige Amt: "Ihm wurde lapidar von den Amerikanern mitgeteilt, er sei in einem Land, in welchem es keine Rechte für ihn gebe - was offensichtlich gerade der Anlass für eine Entführung dorthin war."


Nach fünf Wochen die Zwangsernährung

Im März 2004 treten El Masri und andere Mitgefangene in einen Hungerstreik, nach rund fünf Wochen wird er per Magensonde zwangsernährt. Anfang Mai sei ihm versprochen worden, er werde freigelassen. "Als eine Bedingung meiner Freilassung wurde ich gewarnt, dass ich niemals darüber sprechen sollte, was mir widerfahren war, weil die Amerikaner entschieden hätten, die Sache geheim zu halten."

Am 28. Mai 2004 sei er ausgeflogen und an einer Straße ausgesetzt worden. Er habe den Befehl befolgt, die Straße weiterzugehen, ohne sich umzusehen. "Ich dachte, ich würde in den Rücken geschossen und zum Sterben zurückgelassen." Nach einer Wegbiegung traf El Masri bewaffnete Männer, die ihm sagten, er sei in Albanien. Sie brachten ihn zum Flughafen. "Eine Person hat ihn freundlich an allen Kontrollen vorbeigeschleust", berichtet sein Anwalt. Den Heimflug nach Frankfurt zahlte er selbst: Die 320 Euro dafür hätten seine Begleiter aus seiner Geldbörse genommen, die er mit seinem Pass wiederbekam.


Heimkehr in eine leere Wohnung

Abgemagert und rund 20 Kilogramm leichter kehrt er zurück - und findet seine Wohnung verlassen. Seine Familie war in den Libanon zurückgegekehrt. "Sie glaubten, ich hätte sie verlassen und würde niemals zurückkehren." Inzwischen ist die Familie wieder zusammen, in einer größeren Wohnung - und El Masri ist zum fünften Mal Vater geworden. (dpa)



http://www.n24.de/politik/ausland/in...20809371673683