Souveränität des Kosovo ist kaum zu verhindern.
Serbiens Regierung hält Illusionen am Leben.

Selten dürfte vor internationalen Verhandlungen am Balkan die Kluft zwischen veröffentlichter Meinung und der inoffiziellen Lagebeurteilung durch Politiker und Diplomaten so groß gewesen sein wie in Serbien im Falle des Kosovo. So gaukeln Regierung und viele Medien den Serben weiter vor, Belgrad werde die Unabhängigkeit verhindern und die Souveränität über die albanisch dominierte Provinz wahren können, die Slobodan Milosevic und seine ultranationalistischen Koalitionspartner schon 1999 verspielten.

Doch die Regierung von Vojislav Kostunica hat versäumt, den Bürgern diesen Sachverhalt ständig vor Augen zu führen. Daher konnte sich der Ultranationalist Tomislav Nikolic jüngst als Verteidiger des Serbentums aufspielen. Nikolic sagte er habe mit Kostunica vereinbart, den Kosovo zu einem besetzten Gebiet zu erklären, sollte die internationale Staatengemeinschaft die Unabhängigkeit akzeptieren. Kostunica selbst schweigt beharrlich zu dieser Behauptung. Nach vielen Treffen mit westlichen und sogar russischen Diplomaten müsste ihm bewusst sein, dass der Kosovo schließlich eine Form der Unabhängigkeit erhalten wird.
Kostunicas Schwäche

Doch dass die Provinz für Serbien verloren ist, geben in Serbien nur Ex-Politiker zu. Darin liegt eine der vielen Probleme für die Status-Gespräche, die in Wien am 20. Februar beginnen. Denn in Serbien führt Kostunica nur eine Minderheitsregierung, die im Parlament auf die Unterstützung der Milosevic-Sozialisten angewiesen ist. Kostunica ist somit politisch nicht stark genug für einen offenen historischen Kompromiss. Eher ist es für Belgrad möglich, eine aufgezwungene Unabhängigkeit unter viel Protestgeschrei zu akzeptieren, und im Gegenzug umfassende Rechte für die serbische Volksgruppe zu erhalten.

Diese lebt vor allem im Norden in einem weitgehend geschlossenen Siedlungsgebiet, orientiert sich an Belgrad und boykottiert weitgehend die Zentralregierung in Priština. Die Einheit des Kosovo, von der die UNO spricht, muss somit erst hergestellt werden. Dieses Ziel ist auch deshalb erreichbar, weil die albanische Minderheit in Südserbien nur ruhig bleiben wird, wenn die Kosovo-Serben keine Abspaltung betreiben.

Trotzdem werden die Kosovo-Serben Priština nur akzeptieren, wenn sie ein hohes Maß an Selbstverwaltung erhalten; daher beginnen die Status-Gespräche in Wien mit dem Kapitel Dezentralisierung, weil damit ein umfassender Schutz für die Serben erreicht werden kann. Es geht um die Kompetenzen der Gemeinden, um neue Gemeindegrenzen, um die Finanzierung der Dezentralisierung und um die Verbindung der serbischen Gemeinden untereinander und zu Belgrad. Rasch soll auch mit dem Kapitel begonnen werden, das den Schutz der serbischen Kirchen und Klöster umfasst. In beiden Fällen geht es um vitale serbische Interessen, und um Befürchtungen der Albaner, es könnte ein serbischer Staat im Staate geschaffen werden, der sich einst von Priština loslösen will. Zu verhindern gilt es aber vor allem, dass im Kosovo ein unfinanzierbares Staatsgebilde, ein "frankensteinsches Monster" (Albert Rohan), kurz ein zweites Bosnien entsteht. Gleichzeitig gilt es albanische Extremisten im Zaum zu halten, die bei zu lange dauernden Gesprächen Zulauf erhalten könnten, zumal auch im Kosovo nach dem Tode von Präsident Ibrahim Rugova eine starke politische Persönlichkeit fehlt.

Darüber hinaus muss die albanische Führung zeigen, dass sie wirklich bereit ist, die Rechte der Serben und anderer Minderheiten zu wahren und mit Belgrad einen modus vivendi zu finden. Die schwierigste Entscheidung steht jedoch Serbien bevor: es steht vor der Wahl mit dem Kosovo und Montenegro das schwarze Loch am Balkan zu bleiben oder ohne beide Mühlsteine am Hals ein europäischer Staat zu werden, der begreift, dass "Großserbien" nur mehr im Rahmen der EU realisierbar ist.

Von Christian Wehrschütz



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