[h3]Der Traum wird wahr[/h3]
[h4]Oder vom guten Gebrauch der Unabhängigkeit! Die Kosovaren haben zu einer ganz neuen Disziplin gefunden[/h4]
2. März 2008
Selten habe ich ein Volk mal so freudig erregt erlebt wie in diesem Kosovo nach der Unabhängigkeit. Viele waren auch aus Mushtisht gekommen nach Prishtina, um zu feiern. Es war ein großes landesweites Fest.
Der neue, seit einer Woche gewählte Minister im Kosovo für Bildung, Wissenschaft und Technologie, Dr. Enver Hoxhaj, kann nichts dafür, dass er wegen seines Namens und der Nähe zu einem anderen Hoxaj (dem langjährigen Tyrann im sozialistischen Albanien) gehänselt wird. Er hat am 21. Februar eine zweistündige Fernseh-Live Debatte mit dem ex Ministerpräsident Russlands, Tschernomyrdin im Russischen Ersten Fernsehen geführt. Enver Hoxhaj saß im Studio des Kosovo Fernsehsenders, Tschernomyrdin saß im Studio in Moskau. Enver Hoxhaj ist das genaue Gegenteil des radikalen Albaner Rüpels. Er konnte mit seiner ruhigen Art den anwesenden UN-Botschafter der Ukraine und auch eine russische Journalistin für seine Sicht der Dinge gewinnen.

Enver Hoxhaj gehört zur jüngeren Generation der Politiker hier. Er ist seit Gründung der GRÜNHELME mit uns verschworen, und will uns auch immer wieder in seinen Kosovo hineinbringen. Es hat einen Generationswechsel im November 2007 mit der Wahl dieser Regierung geschehen: Enver Hoxhaj ist 38 Jahre, geboren 1969. Er war wissenschaftlicher Assistent und Dozent in Wien am Historischen Institut der Universität. Der Ministerpräsident Hasim Thaci ist 41 – das ist sensationell, weil es in der Kosovo Gesellschaft nach dem Ritus der Großväter und der Ältesten zuging. Enver Hoxhaj kam im Jahr 2000 nach Kosovo zurück, um etwas für sein Land zu tun, er leitete in Prishtina erst ein Dokumentationszentrum, dann ging er in die Politik. Er wurde ganz schnell der beste Sprecher seines Landes: Polyglott kann er sowohl albanisch wie serbisch, deutsch wie englisch mit allen Gesprächspartnern die verbalen Klingen kreuzen.
Am Vormittag des 22. Februar hatte Enver Hoxhaj eine Rede in der Nationalbibliothek in Prishtina gehalten und dabei an das Wort von Winston S. Churchill erinnert, der bei Beginn des Krieges gegen Nazi-Deutschland seinen Landsleuten versprach: “ Blut, Schweiß und Tränen”. Enver Hoxhaj macht daraus eine angepasste Trinität: Er verspreche, es gehe nach den Feiern um härteste Arbeit, um Arbeit, um disziplinierte Arbeit. “Pune, Pune Pune”, auf albanisch.
Stimmt das denn eigentlich, dass der Kosovo ontologisch und ewig Serbien und serbisch war, fragt uns der Chefredakteur der „Koha Ditore“, Agron Bajrami? Agron ist Chefredakteur der einflussreichsten Tageszeitung im Kosovo. Seine beiden Grossväter seien noch Untertanen des Osmanischen Reiches gewesen. Als diese beiden seine Großmütter geheiratet haben, waren sie 1930 schon Bürger des königlich geführten Jugoslawien. Sie mussten sich das Ja-Wort in einer ihnen fremden Sprache geben: Serbisch. Agrons Vater hatte einen italienischen Pass, weil er in der italienischen Okkupation geboren wurde. Er selbst wurde in Titos sozialistischen Jugoslawien geboren; sein eigener Sohn hatte einen UNMIK Pass. Seine weiteren Kinder werden alle mit dem Kosovo Pass auf die Welt kommen, erklärt uns Agron Bajrami lachend. Die mythische Geschichte des ewigen serbischen Kosovo zerbricht, wenn man sie sich genau ansieht.

Am gleichen Tage der Unabhängigkeit wurde eine der Forderungen von Athissaari erfüllt, der als Vermittler eine besonders eingeschränkte Form von Unabhängigkeit präsentiert hatte. Darauf aber waren weder Russland noch Serbien eingegangen. Der Kosovo muss eine neue Flagge bekommen, um sich von Albanien abzusetzen. Sie wurde auch erst am 17. Februar dem Volk vorgestellt. Sechs Sterne sind es die auf dem blauen Untergrund mit einem gelben Landkarte in der Mitte der Flagge prangen. Die sechs Sterne bedueten die sechs Staatsvölker: Albaner, Serben, Muslime, Türken, Ashkali, Roma. Diese Flagge soll die Ängste der Umwelt und der EU über ein Grossalbanien wegnehmen, obwohl Beobachter im Kosovo sicher wären, dass bei einem Referendum sich 90 Prozent gegen die Vereinigung mit dem Albanien aussprechen würden.
Die Herausforderungen liegen auf der Strasse. Der Bildungsminister Hoxhaj will 62 Schulen im ganzen Land bauen lassen, sowie einige Berufsausbildungszentren, man plant eine brain-drain Politik: Das Herausschicken junger ausgebildeter Fachleute. Man überlegt die Einbindung und Einladung einer bisher unbekannten Industrie, wie z.B. der Solar Photovoltaik und der Windenergie, um eine Produktion aufzunehmen, mit der man den Balkan Markt überzeugen könnte.

Als wir am letzten Tag noch einmal in der Nähe der neuen Grenze zu Serbien unterwegs sind, finden wir ein verstecktes Dorf nördlich der Gemeinde Orllan, Luftlinie ein Kilometer zur serbischen Grenze. Fast scheint es, dass wir hier den Bauern in der Einöde die Nachricht von der Unabhängigkeit bringen müssen. Wie der Marathon Läufer seinerzeit in der griechischen Antike, der die 42 km durchgelaufen ist, um die Nachricht von dem Sieg der Griechen über die Perser zu seinen Landsleuten nach Athen zu bringen.
Der Bauer Vesel Haliti lädt uns zum Kaffee ein, im Gegensatz zu dem klirrend kalten Unabhängigkeitstag ist drei Tage danach der Frühling ausgebrochen. Vesel Haliti, Vater von vier Kindern, Landwirt, ist besorgt. Wenn die Russen wollen, können sie die serbischen Milizionäre zu Grenzübergriffen animieren. Das ist die Sorge, die in den Bergen an der Grenze zu Serbien noch weiter die Menschen umtreibt. Denn sie würden nicht mit dem Hubschrauber hier herausgeholt.

Dennoch sagt er uns, als er am 17. Februar 2008 den Fernseher in seiner im Lehmbaustil gebauten Hütte anmachte, da meinte er: “Ich erlebte das wie einen Traum!” Im Grunde kann er das bis heute noch nicht glauben, was am 17. Februar 2008 für die Jahrhunderte-lang gedemütigten Albaner im Kosovo geschehen ist.

Rupert Neudeck
Grünhelme e.V.

eine geschichte die hoffnung macht.
einer der 4 sprachen beherrscht studiert und abgeschlossen hat sprich sich mit der materie auskennt.