Ungarischer Ex-Primas arbeitete auch für die Stasi
Unter dem Decknamen "Tanár" (Professor) soll László Paskai zwischen 1972 und 1974 Informantenberichte geschrieben haben
Von Gregor Mayer aus Budapest

Die Enthüllungen des Budapester Wochenblattes Élet és irodalom (Leben und Literatur) über die bisher verschwiegene Stasi-Vergangenheit prominenter Ungarn reißt nicht ab. Hatte die Zeitung in der Vorwoche den Filmregisseur und Oscar-Preisträger István Szabó ("Mephisto") als einstigen, fleißigen Zuträger des kommunistischen Inlandsgeheimdienstes entlarvt, so hat sich nach der dieswöchigen Ausgabe bewahrheitet, dass auch der langjährige Primas der katholischen Kirche, Kardinal-Erzbischof László Paskai, eine Zeit lang mit der Stasi kooperierte.

Unter dem Decknamen "Tanár" (Professor) soll Paskai den Erkenntnissen des Zeithistorikers Krisztián Ungváry zufolge zwischen 1972 und 1974 Informantenberichte geschrieben haben. Paskai stand von 1987 bis 2003 an der Spitze der ungarischen katholischen Kirche, seine Stasi-Tätigkeit fiel in seine Zeit als Philosophieprofessor an der Theologischen Akademie.

Problematische Phase

Wie Ungváry betont, seien die von Paskai erhaltenen Stasi-Berichte ausnahmslos harmlos und wohlwollend gegenüber den Bespitzelten. Problematisch zu bewerten sei eher Paskais in die Schlussphase des Kommunismus fallende Zeit als Oberhirte der ungarischen Katholiken. Denn es sei "kein einziger Fall bekannt, dass er sich für einen (aus politischen Gründen) entlassenen Priester oder einen Wehrdienstverweigerer eingesetzt hätte".