Empörung über einst "netteste" Kollegen

Budapest - Paul Lendvai, Chefredakteur der Zeitschrift "Europäische Rundschau" und ehemaliger Intendant des 2003 eingestellten ORF-Auslandsdienstes "Radio Österreich International" (ROI), outet ungarische Journalisten als ehemalige Mitarbeiter des kommunistischen Geheimdienstes, wie die Budapester Tageszeitung "Nepszabadsag" (Freitag-Ausgabe) unter Berufung auf das Wochenblatt "Elet es Irodalom" (Leben und Literatur) berichtet. Die "Entlarvung" erfolge auf der Grundlage von Akten aus dem ungarischen Archiv für Nationale Sicherheit, in die Lendvai Einsicht genommen habe. Lendvai hatte als gebürtiger Ungar seine Heimat in der zweiten Hälfte der 50er Jahre in Richtung Österreich verlassen.

Namhafter Sportreporter

An erster Stelle nennt Lendvai den namhaften Radio-Sportreporter György Szepesi, der unter dem Namen "Galambos" ab 1950 für den kommunistischen Geheimdienst gearbeitet haben soll. Szepesi hätte darüber berichtet, unter welchem Pseudonym er - Lendvai - publiziert und mit welchen ungarischen Kollegen er sich in Wien getroffen hatte. Weiters wird der TV-Mitarbeiter Gabor Spann genannt, der ab 1971 unter dem Decknamen "Gabor Harmat" als Spitzel der "Kultur-Abwehr-Abteilung" gearbeitet hätte. Spann hätte unter der Kadar-Diktatur als Produktionsleiter für ausländische Fernsehteams gearbeitet und Berichte über die Dreharbeiten geliefert. Spann verteidigt sich mit der Erklärung, er habe auf Druck des Senders Berichte liefern müssen. Darüber hätte er Lendvai im Rahmen ihrer Zusammenarbeit informiert.

Auf der Lendvai-Liste stehen laut dem Bericht die ehemaligen Wien-Korrespondenten der Ungarischen Nachrichtenagentur MTI, Laszlo Endre Lorant , Deckname" Urban", sowie Andras Heltai, Deckname "Herczeg", ferner der Radiojournalist Ervin Földenyi, Deckname "Lehel", und der Schriftsteller Imre Bencsik, Deckname "Budai I". Im Zusammenhang mit Laszlo Endre Lorant erinnert Lendvai daran, dass auf Grund von dessen Pseudo-Informationen ein so genanntes Forschungsdossier namens "Cole Michael" über ihn "als (anzuwerbenden) gesellschaftlichen Kontakt" angelegt wurde. Grundlage der Anwerbung hätte die Beurteilung des Ausreiseantrags seiner Mutter aus Ungarn bedeutet.

Empörung

Lendvai entschied sich für die Veröffentlichung der Namen, weil er es als "empörend" empfand, dass er über die "nettesten Kollegen, Freunde" erfahren musste, dass sie hinter seinem Rücken nicht nur an der "Anschwärzung" seiner Person, sondern auch seiner Familie gearbeitet hätten. "Die ich in dem Artikel nenne, haben die Spitzeltätigkeit freiwillig übernommen, aus der sie Nutzen für sich selbst ziehen wollten", betont Lendvai.