Ungarn: Verhaltene Reaktion auf Spitzel-Enttarnung
Ungarischer Kollege Lendvais "schämt" sich
Von Gregor Mayer aus Budapest

Widerstände in der politischen Klasse und den betroffenen Diensten haben es bisher verhindert, dass Ungarns Stasi-Akten aus der Zeit des Kommunismus öffentlich gemacht wurden. Lediglich Opfer von Stasi-Bespitzelungen haben seit ein paar Jahren die Möglichkeit, Einsicht in ihre Akten zu nehmen und auch jene Personen - oftmals Kollegen, Freunde oder enge Angehörige - zu identifizieren, die auf sie angesetzt waren und sie ausspionierten.

So stach der österreichische Publizist und STANDARD-Kolumnist Paul Lendvai in ein Wespennest, als er in der jüngsten Ausgabe der Wochenzeitung Élet és irodalom (Literatur und Leben) die Erkenntnisse aus seiner Akteneinsicht publizierte. Daraus geht hervor, dass mindestens fünf Kollegen und zum Teil enge Freunde der ungarischen Stasi detailliert über Lendvais Kontakte und politische Ansichten berichtet hatten.

Der in Budapest geborene Lendvai hatte Ungarn 1957 verlassen, wenige Monate nach Niederschlagung des Volksaufstandes. In Österreich baute er sich eine neue Existenz auf, wo er immer wieder auf Kollegen aus der Alt-Heimat traf, von deren Stasi-Umtrieben er nichts ahnte.

Nicht alle der von Lendvai geouteten Stasi-Zuträger sind noch am Leben oder spielen in der Öffentlichkeit eine Rolle. Der Fußballreporter György Szepesi, der wegen seiner guten Deutschkenntnisse früher im österreichischen Radio zu hören war und noch im Vorjahr die Ehrenbürgerschaft der Stadt Budapest erhalten hatte, äußerte sich vorerst nicht zu Lendvais Vorwürfen.

"Man musste sich dazu verpflichten."

Der ehemalige Wien-Korrespondent der ungarischen Nachrichtenagentur MTI, András Heltai (Deckname: "Herczeg"), heute stellvertretender Chefredakteur der deutschsprachigen Wochenzeitung Pester Lloyd, verteidigte sich in einem Fernsehgespräch am Wochenende damit, dass derartige Stasi-Dienste damals von Auslandskorrespondenten erwartet worden seien: "Man musste sich dazu verpflichten." Dafür, dass er solche Berichte, auch über Paul Lendvai, verfasste, "schäme" er sich allerdings.