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Zur Tarnung Damenwäsche

Auch nach dem Visa-Skandal schaffen immer noch viele Illegale den Weg nach Deutschland. Die Papiere gibt es auf dem professionell organisierten Schwarzmarkt.

Ein deutsches Schengen-Visum? Kein Problem für Arjan. Morgen, so verspricht der Albaner, könne die Reise im Prinzip beginnen.

Der hochgewachsene Mittdreißiger, der bereits am Telefon eröffnet, dass er wenig Zeit für ermüdende Auskünfte hat, ist ein “seksere", ein Vermittler. Er residiert in einem Eckcafé der Dibres-Straße, im Stadtteil Selvia in Tirana, umgeben von tosendem Straßenverkehr und Passanten, die sich einen Weg zwischen Pferdefuhrwerken und Mercedes-Limousinen bahnen.

Nach 100 Euro Anzahlung ist der Handel perfekt und der Rest Routine: 3200 Euro kosten die Formalitäten, der Stempel sei eine “perfekte Fälschung", versichert Arjan, “besser als das Original". Der Restbetrag soll in einem Luxushotel der Hauptstadt übergeben werden.

Dafür gibt es ein Pauschalarrangement, Flugticket inbegriffen. Denn die Reise ins ersehnte Zielgebiet erfolgt via Mailand. Dort und am Flughafen Tirana habe er “bezahlte Polizisten” postiert, beruhigt Arjan und rät: “In Mailand nimmst du den Zug, kostet 100 Euro, und schon bist du in Deutschland.”

Arjan, der Schleuser, gehört zu einem vielköpfigen albanischen Netzwerk, das Geschäft boomt. Vor wenigen Jahren kostete ein illegales Visum noch rund 1000 Mark, mittlerweile mehr als 3000 Euro. Die drastischen Restriktionen der EU-Konsulate nach dem Visa-Skandal im vergangenen Jahr haben den Preisschub bewirkt.

Hunderttausende Osteuropäer, insbesondere Ukrainer, waren infolge des umstrittenen Volmer-Erlasses aus dem Jahr 2000 mit laxer Prüfung zeitweilig in die EU gelangt. Doch Insider bezeugen, dass es bei der Visa-Vergabe in Tirana und im Kosovo sogar kriminell zugegangen sei. Die Berliner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen den ehemaligen Leiter der Visa-Stelle in Tirana sowie gegen den damaligen Chef der Rechts- und Konsularabteilung. Auch in ihrem Verantwortungsbereich waren in vielen Fällen weder die Bonität der Einladenden noch die Identität der Antragsteller ernsthaft geprüft worden - schon vor dem Volmer-Erlass.

Fehlende Dokumente konnten problemlos auf dem Schwarzmarkt erstanden werden, was sich bis heute nicht geändert hat. Binnen 24 Stunden liegen solche Papiere vor: ein internationaler Führerschein samt Lichtbild für 7 Euro, eine Geburtsurkunde für 40 Euro, ausgestellt auf eine albanische Stadt nach Wunsch, oder ein Diplom jedweder Fachrichtung für 110 Euro, auf Original-Briefpapier der Universität und mit professionell nachgeahmten Unterschriften der zuständigen Professoren.

Den Gang zum deutschen Konsulat in der Skenderbeu-Straße wagen derzeit kaum zwei Dutzend Albaner pro Tag. Denn seit dem 26. Oktober 2004 gilt ein Erlass, dass ein Gesuch bei Zweifeln an der Rückkehrbereitschaft abzuweisen sei. Und diese Zweifel können nur wenige Antragsteller ausräumen.

Die Alternative ist zwar teuer, wartet aber gleich am Ende der 700 Meter langen Botschaftsstraße, deren diplomatische Ruhe von Schlagbäumen, Polizisten und einem Hupverbot gewahrt wird. In Dutzenden Cafés, Bars, Spielhallen und kleinen Reisebüros greifen die Angestellten routiniert zum Telefonhörer: Man kenne da zufällig jemanden, der helfen könne …

Schon ist der Kontakt zu einem “seksere” hergestellt. Jetzt fehlen nur noch ein gültiger Pass und das Schmiergeld.

Der arbeitslose Fatmir etwa hat es sich von Verwandten geliehen. Er hofft auf eine lukrative Schwarzarbeit in Deutschland, um die Schulden schnell zurückzahlen zu können. Die Koffer sind gepackt,

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der Flug geht über Griechenland, denn sein “seksere” hat Drähte zur griechischen Botschaft. Für 3300 Euro hat Fatmir denn auch ein Originalvisum erhalten.

Der Vermittler, ein dunkelhaariger junger Mann mit tief in die Stirn gezogener Schirmmütze und zerfledderten Jeans, bekommt 500 Euro Provision. Der Rest gehe an zwei Kontaktleute, die mit der Botschaft “kooperieren", wie er sagt. Sein ruhiger Telefonjob garantiert ihm mindestens 3000 Euro monatlich, rund das 15fache des Durchschnittseinkommens im Land.

Die Griechenland-Connection hat allerdings einen klaren Kodex: Emigranten müssen volljährig und unbescholten sein, zumindest einen Mittelschulabschluss vorweisen, Kleidung und Auftreten sollen solide wirken. Scheitert der Visa-Antrag dennoch, was nur selten passiert, garantiert der “seksere” dank seiner guten Beziehungen zu den Behörden für einen neuen Pass, denn mit dem Stempel “abgelehnt” wäre ein neuer Anlauf chancenlos.

Doch nicht nur die albanischen Netzwerker kassieren, sondern auch Konsulatsbedienstete. Bei der Prüfung des deutschen Verbindungsbüros in Pristina, wo allein vom Februar 2003 bis 2004 über 38 100 Schengen-Visa erteilt wurden, stellte das Auswärtige Amt Mitte 2004 häufig Fälle “von Korruption” fest. Als Gründe gelten Personalmangel und kriminelle Mitarbeiter.

“Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass man Antragsteller dort so lange schikanierte und mit fadenscheinigen Begründungen ablehnte, bis sie endlich zahlten", sagt der mit einer Albanerin verheiratete Rosenheimer Unternehmer Theo Auer. Als Auer seinen angeheirateten Neffen Dominor aus Istog im Kosovo 2004 erneut nach Deutschland einladen wollte, gestand der dem Onkel, er habe “im Vorjahr nur gegen Zahlung von 2000 Euro an einen Vermittler das Originalvisum des deutschen Verbindungsbüros erhalten". Als Arbeitsloser sei er dazu jetzt nicht mehr imstande.

Auer flog selbst nach Pristina, brachte Policen und Verpflichtungserklärungen bei, vergeblich. Zwischenzeitlich, berichtet Dominor, würden die meisten illegalen Visa im Kosovo ohnehin über Belgrader Reiseagenturen abgewickelt, was vielen seiner albanischen Landsleute als zu riskant erscheint. Sie reisen deshalb lieber nach Tirana.

Eine weitere, beliebte Strategie ist angesichts solcher Hürden die Pro-forma-Heirat mit deutschen Frauen, die dafür mindestens 10 000 Euro erhalten. Nach drei Jahren können die Ehemänner, die für den Fall einer Kontrolle häufig Damenwäsche aufbewahren, mit einer Niederlassungserlaubnis rechnen und die Scheidung einreichen.

Glaubt man dem Albaner Tritan, wurde der umfangreichste Visa-Handel bislang vom Staat selbst organisiert, mit Wissen von Ministerien, einheimischen und internationalen Hilfsorganisationen, Stiftungen oder Verbänden, die sich für geringe Gebühren in internationale Dachverbände eintragen ließen und so Einladungen zu Kongressen oder Messen erhielten.

Tritan arbeitet in einem der größten albanischen Verlagshäuser. Mindestens 1000 Landsleute würden jährlich mit Hilfe der 60 Verlage und 30 Druckereien, die im Land registriert seien, in die EU geschleust, erzählt er. Ein Teil der Firmen sei nur zu diesem Zweck gegründet worden, zehn würden überhaupt nicht existieren.

“Unserem Verlag", sagt Tritan, “wurden früher von der deutschen Botschaft 100 Visa für die Frankfurter Buchmesse eingeräumt, jetzt wurde die Vergabe auf 30 gesenkt.” Doch selten fliegen mehr als zwei tatsächliche Mitarbeiter an den Main: “Für die anderen fälschen wir Arbeitsverträge und Sozialversicherungsnachweise, wir klassifizieren die Leute als Vertriebsleiter oder Verkaufsmanager und kassieren 3500 Euro pro Person.” Der Dachverband der albanischen Verlage organisiere die Trips nach Frankfurt, das Kulturministerium erstatte sogar Reisespesen.

Buchverlage seien nur eine Branche von vielen, die seit Jahren das lukrative Geschäft mit fingierten Mitarbeitern und deren angeblichen Geschäftsreisen betrieben, sagt Tritan. Die Botschaften wüssten sehr wohl, dass auf diese Weise ungezählte illegale Kellner, Autowäscher und Bauarbeiter nach Deutschland einsickern. Ärgerlich für alle Beteiligten: Mit den vermeintlichen Fachbesuchern gelangen zudem in Bulgarien hergestellte Euro-Blüten in die EU - erstklassige Fälschungen, zumindest wenn sie noch nicht abgegriffen sind. In Tirana werden 100 gefälschte Euro für 20 echte verkauft.

Mancher Emigrant soll seinen Schengen-Stempel faktisch für 600 Euro erhalten und so auch noch die Visum-Betrüger betrogen haben. RENATE FLOTTAU

Spiegel 39/2005