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Interview:
"Wir wären ein Vorbild für Serbien"

VON WIELAND SCHNEIDER (Die Presse) 05.10.2005

Mazedoniens Premier Buckovski rechnet mit EU-Verhandlungen im Jahr 2006.



WIEN. Brennende Dörfer; albanische Rebellen, die Polizisten überfallen: Die Erinnerungen an die Kämpfe vor mehr als vier Jahren sind in Mazedonien noch frisch. Doch heute herrscht Frieden in dem Balkan-Staat. Und die Regierung in Skopje gibt sich immer selbstbewusster: "Mazedonien ist eine Erfolgsgeschichte. Wir sind heute auf dem Westbalkan die einzige funktionierende, multiethnische Gesellschaft", meint Mazedoniens Premierminister Vlado Buckovski im "Presse"-Interview.




Buckovski steht einer Regierung vor, in der auch die Nachfolgepartei der einstigen albanischen Rebellenarmee vertreten ist. 2001 hatte sie einen Aufstand gestartet, um mehr Rechte der unterprivilegierten albanischen Volksgruppe in Mazedonien zu erkämpfen. Mit dem Friedensabkommen von Ohrid hat sie dies erreicht.


"Wir haben die Umsetzung des Ohrider Abkommens mittlerweile abgeschlossen", berichtet Buckovski. Nur ein Punkt sei noch offen: ein neues Gesetz für die Verwendung der albanischen Sprache in der Staatsverwaltung. "Derzeit sind 15 Prozent unserer Beamten Albaner. Wir wollen diesen Prozentsatz bis 2008 auf 25 heben."


Vor allem die mazedonisch-nationale Opposition hatte die Bestimmungen zu Gunsten der Albaner immer wieder kritisiert. Damit sei es nun weitgehend vorbei, so Buckovski. "Interethnische Probleme spielen in der politischen Auseinandersetzung keine große Rolle mehr. Heute geht es um wirtschaftliche und soziale Fragen und die Integration in die euro-atlantischen Strukturen."


Die Mitgliedschaft in Nato und EU gehört zu den wichtigsten außenpolitischen Zielen der mazedonischen Regierung. Die jetzige Entscheidung der Union, mit der Türkei und Kroatien Beitrittsverhandlungen aufzunehmen, hat in Skopje neue Hoffnungen geweckt. "Wir haben gesehen, dass die EU-Erweiterung fortgesetzt wird. Und wir sind sicher, dass Mazedonien das nächste Kandidatenland ist", sagt Buckovski. "Wir erwarten am 9. November dieses Jahres einen positiven Avis der EU-Kommission." 2006 könnten dann die Verhandlungen beginnen. "Wenn Mazedonien Beitrittskandidat wird, wäre das ein starkes Signal für Serbien-Montenegro und Albanien."

Neben schwierigen Reformen im Wirtschafts- und Justizbereich dürfte Mazedonien bei der EU-Annäherung noch mit einem anderen Problem zu kämpfen haben - dem ungelösten Namensstreit mit Griechenland. Athen will für das Nachbarland die Bezeichnung "Mazedonien" nicht anerkennen. Begründung: Es gibt in Nordgriechenland eine Region gleichen Namens. Man habe zwar 1995 ein Abkommen mit Athen geschlossen, in dem festgehalten wurde, dass der Namensstreit kein Hindernis auf Mazedoniens Weg in die Nato und die EU sein werde, sagt Buckovski. "Aber im realen Leben treten dann immer wieder ganz plötzlich Probleme auf."