WAS ZÄHLT: ARBEIT, GEDULD, SPARSAMKEIT, REDLICHKEIT

Text Martin Beglinger und Peer Teuwsen

Warum standen die islamischen Länder vor tausend Jahren an der Spitze des Fortschritts, und warum stagnieren sie seitdem? Eine rücksichtslose Geschichtslektion mit dem Harvard-Historiker David S. Landes.

<<Schliesslich möchte ich meiner Frau Sonia danken, die mit Engelsgeduld Jahre voll mit Bücherstössen, Sonderdrucken, Referaten, Briefen und sonstigem Schrott ertragen hat. Selbst mehrere Arbeitszimmer reichen nicht aus; nur der Computer hat mich gerettet. Und jetzt wird aufgeräumt.>>

Neun Jahre, nachdem David Landes diese Zeilen im Vorwort zu seinem Buch über <<Wohlstand und Armut der Nationen>> geschrieben hat, treffen wir ihn gut gelaunt zwischen Bücherstössen, Sonderdrucken, Referaten und sonstigem Schrott. Mit Aufräumen scheint er noch nicht fertig zu sein, aber seine Frau Sonia sitzt während unseres Gesprächs gleichwohl mit Engelsgeduld und Interesse neben ihm auf dem Sofa. 33 Jahre land war Landes Professor für Geschichte an der renommierten Harvard-Universität, von der er ein paar Querstrassen entfernt wohnt. Seinen Fuf als einer der führenden Wirtschaftshistoriker hat Landes bereits 1969 mit dem <<Entfesselten Prometheus>> erschrieben, dem Standardwerk über den Beginn der Industrialisierung in Westeuropa. Landes ist nicht nur ein luzider, liberaler (und humorvoller) Historiker, sondern er war immer auch ein harter Arbeiter, was einer zweifellos sein sollte, der Sätze schreibt wie die folgenden: <<Wir leben in einem Dessert-Zeitalter: Alles soll süss sein. Zu viele von uns arbeiten, um zu leben, und leben, um glücklich zu sein. Daran ist nichts auszusetzen. Nur fördert es nicht unbedingt eine hohe Produktivität. Wenn man allerdings eine hohe Produktivität will, dann sollte man leben, um zu arbeiten, und das Glück als Nebeneffekt nehmen.>>

Der glückliche, hoch produktive Historiker Landes, mittlerweile 82-jährig, hat eben sein neustes Buch abgeschlossen, <<Dynasties>>. Darin spürt er der Macht der grossen Familienunternehmen nach, von den Rothschilds über die Fords bis zu den Toyotas. Sein wichtigstes Buch freilich wird besagte Studie über <<Wohlstand und Armut der Nationen>> bleiben, 1997 erschienen, in zwanzig Sprachen übersetzt, die fulminante Quintessenz eines Forscherlebens. <<Ein Glückstreffer der Wirtschaftsgeschichtsschreibung>>, wie <<Die Zeit>> befand, obwohl
die Studie etliche Kontroversen auslöste, zum Beispiel über deren (angebliche) Eurozentriertheit. Pointiert, gut dokumentiert und ebenso anregend wie verständlich schreibend, gibt Landes Antworten auf die grosse Frage, warum die einen Länder so reich geworden und andere arm geblieben sind. Er spürt zum Beispiel der <<Erfinding des Erfindens>> nach, die für den Aufstieg Europas zentral war. Oder er zeigt, wie Gleichgültigkeit und Widerstand der Chinesen gegenüber westlicher Wissenschaft und Technik dam Land fünfhundert Jahre in der weltpolitischen Versenkung bescherten. Und er fragt, warum die islamischen Länder vor hundert Jahren an der Spitze des zivilisatorischen Fortschritts standen, seither hingegen wirtschaftlich stagnieren.

Landes liefert ein vielschichtiges Bild auf die Geschichte, und doch drückt er sich nicht um klare Aussagen, auch wenn die gelegentlich politisch unkorrekt sein mögen. Als Wirtschaftshistoriker sehr wohl ein Mann der Zahlen, kommt Landes zum überraschenden Schluss: <<Wenn wir aus der Geschichte der wirtschaftlichen Entwicklung etwas lernen, dann dies: Kultur macht den entscheidenden Unterschied.>> Nebst der Kultur, verstanden als gesellschaftlichem Normen- und Wertesystem, pocht Landes vor allem auf eines: freie Märkte. Wo sie sind, zusammen mit der Freiheit der Bürger, ging es mit dem Wohlstand der Nationen aufwärts.

Professor Landes, Sie nannten sich einmal einen notorischen Optimisten. Sind Sie es immer noch?
Sicher. Wenn Sie als Optimist Recht haben, ist es schön. Als Pessimist bestätigt zu werden, ist einfach nur schrecklich.

Was macht Sie optimistisch in diesen Zeiten?
Ich sagte nie, ich sei optimistisch in Bezug auf die Zeiten, in denen wir gerade leben. Da siehts gar nicht gut aus, weniger für mich und meine Frau. Aber meine Kinder und Grosskinder tun mir Leid.

Warum?
Ich fürchte, die Welt könnte auf schlechte Zeiten zusteuern, auch was Krieg und Frieden betrifft. Im Irak läuft es schlecht, ebenso im Iran. Es gibt schrecklich gute Gründe, entmutigt zu sein. Und ich habe weder für die Vereinigten Staaten noch für Europa grosse Hoffnung.

Was fürchten Sie am meisten?
Es ist ein Krieg im Gang zwischen dem Islam und dem Rest der Welt. Wir sagen das nicht gerne, auch die Europäer nicht, aber es ist eine Tatsache.

Denken Sie an den Karikaturenstreit?
Zum Beispiel. Man möchte ja religiöse Gefühle nicht kränken, vor allem wenn es um eine so empfindliche Religion und Kultur geht wie die muslimische in den arabischen Ländern. Doch zeigen uns die gewalttätigen Reaktionen in muslimischen Ländern, wie sehr diese Kultur doch verschieden von der unseren ist. Mich wundert, wie lange die Europäer noch brauchen, um zu merken, dass sie als Folge der muslimischen Einwanderung in grossen Schwierigkeiten stecken.

Das ist doch das grosse Thema in Europa. Vor dem Karikaturenstreit gings um die Unruhen in den französischen Banlieues.
Wir reisen im März für sechs Wochen nach Paris in unsere Wohnung – mit gemischten Gefühlen, muss ich sagen, obwohl wir uns als halbe Europäer fühlen.

Geht es dort nicht eher um soziale als um religiös-kulturelle Probleme?
Es geht um Religion. Viele junge muslimische Immigranten sind überhaupt nicht daran interessiert, Franzosen zu werden. Die sind froh, wenn sie einen Job haben und beklagen sich, wenn sie keinen kriegen. Aber im Herzen wollen sie nicht wirklich Franzosen sein. Und die Franzosen wollen das nicht zugeben, weil sie glauben, jeder wolle Franzose werden, seil es nichts Grösseres gebe, als Franzose zu sein.

Hatte Samuel Huntington Recht, als er den <<Kampf der Kulturen>> voraussagte?
Ja, in weiten Teilen. Es gibt nun mal diese Rivalitäten der Kulturen, auch wenn es zum Beispiel in Ostasien doch wesentlich besser steht, als man befürchten musste. Der Nahe Osten und die islamische Welt sind ein anderes Kapitel. Huntington sprach aus, wogegen andere sich sträubten.

Was?
Keiner will hören, dass es einen solchen Krieg der Zivilisationen gibt. Wir hören alle lieber Good News. Und viele glauben, so zu reden, sei politisch nicht korrekt. Ich hingegen meine, man sollte die Fakten zur Kenntnis nehmen.

Eine zentrale Erkenntnis in Ihrem Buch über <<Wohlstand und Armut der Nationen>> ist der Satz: <<Wenn wir aus der Geschichte der wirtschaftlichen Entwicklung etwas lernen, dann dies: Kultur macht den entscheidenden Unterschied.>> Ist der Islam ein Grund für die wirtschaftliche Rückständigkeit vieler muslimischer Länder?
Der Nahe Osten und die meisten muslimischen Länder verlieren seit Hunderten von Jahren an Boden gegenüber den führenden wirtschaftlichen Regionen der Welt wie die USA und Europa, in den letzten Jahren auch gegenüber Ostasien mit China und Indien. Warum? Es hat sicher mit der Religion zu tun. Der Islam hat sich überall in Politik und Wirtschaft gemischt und Innovation in diesen Bereichen verhindert. Erfindungen wurden aus theologischen Gründen abgelehnt, weil man Angst hatte, die Neuerungen könnten die Religion bedrohen. Es gibt eine einzige Ausnahme: militärische Innovation. Doch die technologische Innovation mit ihren ungeheuren Folgen hat vor allem in Europa stattgefunden, weil dort die Freiheit dazu vorhanden war.

Wo liegen denn die spezifisch kulturellen Barrieren für einen Aufschwung?
Die Kultur in den arabischen Ländern ist sehr stark geprägt von Begriffen wie Machismo, Ehre und Schande. Als wichtig und vorbildlich gelten dort nicht etwa Geschäftsleute oder Industrielle, sondern Generäle oder hohe Staatsangestellte. Das ist es, was die fähigen Leute werden wollen.

Was müssten die muslimischen Länder für ihren eigenen wirtschaftlichen Aufschwung tun?
Das Wichtigste: Sie müssen die Frauen gleichstellen und sie ermutigen, ihre Rolle in der Wirtschaft zu finden, anstatt einfach nur Kinder auf die Welt zu stellen. Dazu müssen die Frauen allerdings ausgebildet werden. Gut ausgebildete und selbstbewusste Frauen wiedersprchen übrigens auch häufiger ihren Männern, was die sich bislang überhaupt nicht gewöhnt sind. Auch japanische Männer sind stark mit ihrer Ehre beschäftigt, doch sie haben ihre Frauen immer ausgebildet. Warum? Weil die Männer andere Dinge tun und sich von Arbeiten wie etwa Kinder unterrichten befreien wollten. Doch die Muslime haben leider noch immer nicht begriffen, dass sie ihre Wirtschaft und Gesellschaft enorm schwächen, wenn sie die Hälfte der Bevölkerung von einer sinnvollen wirtschaftlichen Tätigkeit ausschliessen. So verlieren sie noch mehr Terrain gegenüber dem Westen und Ostasien.

Die Muslime als Verlierer auf der ganzen Linie?
Nein. Es gibt ein einziges – und ein sehr wichtiges – Feld, wo sie vorne sind: im Bevölkerungswachstum. Keine andere Bevölkerungsgruppe wächst schneller als die Muslime, im Westen ebenso wie in den muslimischen Ländern selbst. In Frankreich sind schon zehn Prozent der Bevölkerung Muslime.

Macht Ihnen diese Entwicklung Angst?
Dafür bin ich zu alt.

Sollten sich Ihre Enkel fürchten?J
a, die schon. Auch die Schweiz wäre kaum froh, wenn Deutschland oder Frankreich muslimische Länder würden. Das würde das Leben in Europa sehr ungemütlich machen. Ich weiss nicht, ob Sie sich im Klaren darüber sind, dass das in fünfzig Jahren eine reale Perspektive ist. Aber was wollen Sie machen? Man kann ja die jungen Leute im Westen nicht zum Kinderkriegen zwingen.

Sie scheinen insgesamt sehr kritisch gegenüber dem Islam als Religion?
Nein, das bin ich nicht. Ich kritisiere nur die extremistischen Formen, und die gibt es in allen Religionen. Ich mag die Fanatiker nicht, die mir vorschreiben wollen, wie ich zu leben und zu denken habe.

Ist die Religion der wichtigste Konfliktpunkt des 21. Jahrhunderts?Ich würde das nicht so sagen. Klar ist allerdings, dass die Religion ein wichtigster Bestandteil vieler Konflikte ist, doch glaube ich nicht, dass sie eine zwingende Ursache für Konflikte zu sein braucht. Ich zweifle nicht daran, dass unterschiedliche Religionen friedlich nebeneinander leben können. Wie ich schon vorhin sagte: Es ist der religiöse Extremismus, der Konflikte schafft, und davon gibt’s leider nur allzu viel.

Der italienische Premier Berlusconi hat einmal von der <<Überlegenheit>> der westlichen gegenüber der islamischen Kultur gesprochen. Hat er Recht?
In seiner Funktion hätte er sicher nicht so reden dürfen. Die Behauptung ist auch falsch, wer bessere Autos und Computer baut, sei moralisch besser. Ich glaube im Übrigen durchaus, dass sich die islamische Religion auf eine Umwelt einstellen kann, die sich ändert. Vergessen Sie nicht, vor tausend Jahren war der Islam eine der fortgeschrittensten Kulturen auf der ganzen Welt. Es gibt viele Aspekte im Islam, die Innovation, Entwicklung und Toleranz betont. Ihnen sollten wir im Westen mehr Beachtung schenken, wie das auch viele Muslime selber tun. Ich bin zuversichtlich, dass der Fundamentalismus – ob der muslimische oder der christliche, wie wir ihn in den USA erleben – früher oder später dem Geist der Offenheit weichen wird.

Es wird also die Vernunft triumphieren, weil sich Vernunft respektive der wirtschaftliche Verstand auszahlen, wie Sie es mal formuliert haben?
Instinktiv habe ich diesen Optimismus in mir, ja. Irgendwann wird es auch die muslimische Welt wie die Chinesen machen und sagen: <<Hey, wir wollen aufholen. Auch wir bauen jetzt Fabriken und wollen uns wirtschaftlich und politisch entwickeln, während, während die Religion Privatsache der Bürger ist.>> Aber soweit sind diese Länder noch nicht.

Einzelne schon, zum Beispiel die Türkei.J
a, die Türkei wird gerne erwähnt, weil sie die Politik von der Religion getrennt hat. Aber ich bin auch da nicht sicher, ob es wirklich funktioniert.

Obligate Frage: Würden Sie der EU raten, die Türkei aufzunehmen?(Lächelt) Hören Sie, ich habe viele türkische Freunde. Wenn ich jetzt Nein sage, werden die ziemlich wütend auf mich sein. Und sage ich Ja, well.., dann galuben Sie mir vielleicht nicht. Leicht würde es für Europa auf jeden Fall nicht mit einem EU-Mitglied Türkei, nicht mal wegen der Türkei selber, sondern wegen der Beziehungen, die die europäischen Muslime zur Türkei haben. Die europäischen Muslime könnten sich nach einem Beitritt der Türkei gestärkt fühlen, doch davor haben die Europäer Angst.

Sind wir da nicht zu alarmistisch? Können Sie als Historiker nicht zurücklehnen und darauf hinweisen, dass sich Muslime und Christen in Europa irgendwie pragmatisch arrangieren werden?
Wenn ich als Historiker an Spanien im 15. Jahrhundert denke, wo Christen und Muslime zusammenlebten, wurde am Schluss ein Kreuzzug der Christen daraus, um die Muslime aus dem Land zu werfen. Und die Juden ebenfalls.

Mit welchen Folgen?
Mit katastrophalen für Spanien. Sie bezahlen noch heute dafür. So entsteht sicher keine erfolgreiche Gesellschaft. Vor allem aber können wir uns heute keinen neuen Religionskrieg leisten. Wir können nur hoffen, dass die jungen Muslime, die randalierten, mehr an ihre Möglichkeiten denken. Und hier noch einmal: Etwas vom Besten ist, den muslimischen Frauen die Türen zu öffnen und sie zu ermutigen, weil sie einen grossen Einfluss auf die Meinungsbildung ihrer Männer haben.

Als Historiker haben Sie immer die grosse Bedeutung der Immigration für prosperierende Gesellschaften hervorgehoben. Gilt das heute nicht mehr?
Die bisherigen Immigranten, ob in den USA oder in Frankreich, um zwei klassische Einwanderungsländer zu nehmen, hofften auf wirtschaftlichen Erfolg und schickten ihre Kinder zur Schule, damit sie später berufliche Karrieren machten. Ich weiss nicht, ob das auch bei den Muslimen so ist. Mir schein, dass sich die Muslime in den USA noch eher besser als in Europa fühlen und Amerikaner werden wollen. Aber in den europäischen Moscheen und Koranschulen lernen die muslimischen Kinder ganz andere Lektionen als diese. Und was die Einwanderungspolitik angeht, so würde ich auf jeden Fall Standarts für die Immigration festlegen und den Bestausgebildeten jeden erdenklichen Vorteil gewähren.

Samuel Huntington sieht die USA in Gefahr, weil die Kultur des WASP, des weissen angelsächsischen Protestantismus, an Einfluss verliert. Einverstanden?
Nein. Ich glaube nicht, dass Amerika eine WASP-Kultur braucht, sondern eine säkulare Kultur, in der die Religion eine rein persönliche Sache ist. Wenn ich mich auf dem Campus von Harvard umschaue, sehe ich heute sehr viele asiatische Studenten, alles hoch qualifizierte Leute.

Aber man sieht kaum Muslime in Harvard.
Eben nicht. Hingegen gibt es in Harvard einen sehr hohen Anteil von jüdischen Professoren, was viel aussagt über den Stellenwert der Bildung in der jüdischen Kultur. Ich bin, nebenbei gesagt, selber einer dieser Professoren, der jeden Samstag in die Synagoge geht, auch wenn ich für die Orthodoxen wohl nicht gerade ein vorbildlicher Jude bin.

Warum schaffen die Asiaten in den Vereinigten Staaten den wirtschaftlichen Aufstieg so viel öfter und schneller als Muslime und Schwarze?
Auch das hat viel mit Kultur zu tun. Wenn eine Kultur jene Werte positiv gewichtet, die viel zu persönlichen Erfolg beitragen, namentlich eine möglichst gute Ausbildung, dann stehen die Aufstiegschancen besser. Nun fragen Sie, warum haben die Schwarzen nicht mehr Erfolg? Das ist offensichtlich: Weil sie dies Werte nicht kultivieren. Ich brauche bloss zu schauen, wie sie sich anziehen, wie sie Englisch reden. Die laufen auf dem falschen Gleis, und so werden sie keinen Erfolg haben.

Wenn Sie das öffentlich sagen, wird man Sie als Rassist an den Pranger stellen.
Sie sind Rassisten! Sie haben die Frage gestellt (lacht).

Wer von Kultur spricht, ist sehr schnell bei Begriffen wie Rasse und damit in einem Minenfeld
Und bei der Political Correctness. Aber wie ist es denn bei Ihnen in der Schweiz? Gibt es dort einzelne Minderheiten, die deutlich mehr Erfolg haben als andere? Und was ist die Erklärung dafür? (Lacht) Sehen Sie, Sie hören diese Gegenfrage nicht gern. Doch genau darüber muss man diskutieren. In den USA gibt es Schwarze, die darüber reden und das Verhalten von Schwarzen kritisieren. Sie machen auch Vorschläge, wie man es besser mache könnte. Als Schwarzer würde ich ein Buch schreiben über die Tugenden, sich selber weiterzubringen.

Als Weisser haben Sie es schon getan. In <<Wohlstand und Armut>> schreiben Sie: <<Was zählt, sind Arbeit, Sparsamkeit, Redlichkeit, Geduld und Beharrlichkeit. Für Menschen, die unter Armut leidern, erregt eine solche Empfehlung vielleicht den Verdacht selbstsüchtiger Gleichgültigkeit. Am Ende aber ist keine Ermächtigung so effektiv wie die Selbstermächtigung.>>
Stimmt.

Sie schreiben aus extrem privilegierter Warte.
Auch das stimmt, dessen bin ich mir sehr wohl bewusst. Umso wichtiger ist es, dass auch Schwarze solche Dinge schreiben. Denn es braucht Vorbilder, über die sich Werte in Kulturen ändern lassen. Es braucht Leadership, erfolgreiche, intelligente Leute wie Aussenministerin Condoleezza Rice, die ein positives Beispiel setzen. Das ist ungeheuer wichtig. Dass ich politisch nicht ihrer Meinung bin, spielt da überhaupt keine Rolle.

Warum widerstrebt es gewissen Menschen so sehr, die eigene Situation zu verbessern und reich und glücklich zu werden?
Ich bezweifle, ob es Leute gibt, die nicht reich werden wollen. Die entscheidende Frage ist allerdings, wie sie das wollen. Und da gibt es den grossen Unterschied zwischen Taking und Making, zwischen Leuten, die nur nehmen, und solchen, die selber etwas tun, die produktiv sind. Das habe nicht ich herausgefunden, sondern Adam Smith im 18.Jahrhundert. Es ist offensichtlich bequemer, sich bei andren zu bedienen, als selber etwas zu unternehmen. Jene Leute, die lieber nehmen, suchen sich Politiker als Freunde. Connections sind wichtiger als Arbeit. Damit wir uns richtig verstehen: Leute, die sich vor allem aufs Nehmen konzentrieren, gibt es in allen Kulturen, Sie brauchen sich nur in der Familie von Mr. Bush umzusehen.

…von dem Sie nichts zu halten scheinen.
Nehmen wir den Krieg im Irak. Die Administration Bush will einfach gut dastehen und blendet aus politischen Gründen die Fakten aus.

Haben Sie nie einen Einmarsch im Irak befürwortet?
Nein, ich war immer dagegen. Nicht weil ich ein Pazifist wäre, sondern weil mir immer klar war, dass ein militärischer Sieg noch lange nicht das Ende unseres Engagements bedeuten würde. Dieser Krieg war ein Riesenfehler-

Hätte man die Iraker sich selbst überlassen sollen?
Ich würde es anders formulieren: Wenn etwas funktioniert, dann deshalb, weil es die betroffenen Menschen für sich selber tun. Das gilt für ökonomische wie für politische Leistungen. Wenn Sie etwas nicht aus eigener Überzeugung wollen, kann es niemand anders an Ihrer Stelle tun.

Lassen Sie uns über Afrika reden…
…ein Desaster. Nur logisch, dass so viele wegwollen. Und jene, die nach Afrika gehen und helfen wollen, sind meistens weiss. Es sind nicht etwa die Schwarzen, die aus Amerika und Europa nach Afrika zurückkehren. Es sind die Weissen, die dort Gutes tun möchten, weil sie sich schuldig fühlen. Auch meine 22 Jahre alte Enkelin will für zwei Jahre nach Madagaskar, um die Welt zu retten.

Sie schienen nicht froh darüber.
Nein. Ich sagte ihr, sie solle doch lieber in unsere Wohnung nach Paris fahren, dort ist es sicherer.

Hat denn der Norden keinen Grund, sich schuldig zu fühlen an der Armut in der Dritten Welt?
Die Europäer haben gewiss viele Gründe sich schuldig zu fühlen. Die Spanier zum Beispiel waren Monster, als sie über Südamerika herfielen. Doch auch die Mexikaner verhielten sich grauenhaft gegenüber ihren eigenen Landsleuten.

In jüngster Zeit wird oft über die Rolle der ehemaligen Kolonialmächte diskutiert. Wo sehen Sie deren historische Verantwortung?
Schwierig zu sagen, man muss differenzieren. Vormundschaft kann eine gute Schule sein, doch es kommt extrem auf den Lehrer an. Nicht alle kolonialen Herrschaftsformen waren gleich. Spanien und Portugal stehen diesbezüglich schlecht da, Holland und Frankreich etwas weniger schlecht. Und England am wenigsten schlecht.

Ihr Historikerkollege Niall Ferguson glaubt, manche Länder wären heute besser dran, wenn sie immer noch unter britischer Kolonialherrschaft stünden. Sehen Sie das auch so?
Wenn man es am Einkommen pro Kopf misst, dann ja. Vielen Ländern hat die politische Unabhängigkeit wirtschaftlich nicht gut getan. In Bezug auf ihr Selbstbewusstsein sieht die Rechnung allerdings ganz anders aus. Die Menschen dort würden sich völlig herabgesetzt fühlen. Man muss aber leider auch sagen, dass sich die Afrikaner untereinander nicht sehr pfleglich behandeln. So viele Staaten werden von autoritären und korrupten Herrschern geführt.

Halten es Menschen leichter aus, frei, aber arm zu sein, als unfrei und etwas mehr Wohlstand zu haben?
Am besten wäre es, wenn diese Leute sich frei fühlten und ihnen die Freiheit einen Commonsense der Unabhängigkeit gäbe. Eines der grossen Probleme in Afrika ist, dass man sich nicht frei fühlen kann, wenn die eigene Regierung einzig aus einem korrupten Klan besteht, der vor allem sich selber bereichern will.

Nobelpreisträger Joseph Stiglitz würde Ihnen entgegenhalten und argumentieren, dass diese Freiheit den Afrikanern gar nichts nützt, solange der reiche Norden seine Märkte derart mit hohen Zöllen abschottet, wie er es heute tut.
Da bin ich nicht einverstanden. Theoretisch sind die Afrikaner sicher in der Lage, ihre Situation aus eigener Kraft zu verbessern, sofern ihre Regierungen anständig arbeiten. Ich kenne jene Denkschule, die sagt, der Kolonialismus habe diese Länder bis heute paralysiert und ihre Fähigkeiten verkrüppelt. Doch ich glaube das nicht. Die reichen Länder lassen die Armen noch so gerne die Arbeit machen, wenn sie die Arbeit gut und billig machen. Denken Sie an all die Kleider aus China. Oder schauen Sie, wie rasch die Amerikaner indische Computerspezialisten angeheuert haben, weil sie diese Arbeit gut und günstiger machen.

Ostasien ist voll von der Globalisierung erfasst. Geschieht das auch bald in Afrika?
Erst mal wird sie noch lange in Asien bleiben. Es gibt so viele emigrierte chinesische Entrepreneurs, die überall auf der Welt Geschäfte machen und Geld verdienen wollen. Wenn die Chinesen Afrika entdecken, dann entstehen, dann entstehen dort die ersten Autofabriken. Die Chinesen wüssten am besten, wie man Afrikaner überzeugen kann, ihre Traditionen zu ändern und viel Geld verdienen zu wollen. Es wäre wirklich das Beste für die globale Entwicklung, wenn die Chinesen nach Afrika gingen und dort Fabriken bauten.

Das brächte Afrika womöglich noch ein paar andere Probleme, zum Beispiel ökologische. Doch abgesehen davon: Warum sollten das die Chinesen nicht schaffen?
Der Aufstieg Südostasiens ist das Werk dieser emigrierten chinesischen Unternehmer. Die Chinesen haben einfach – entschuldigen Sie den Ausdruck – diese Get-up-and-go-Mentalität, diesen Willen, überall hinzugehen, Leute zu organisieren und hart zu arbeiten. Die Chinesen gäben ein gutes Vorbild ab.