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"Da sind Zusammenhänge nicht erkannt worden"

Erstellt von DZEKO, 07.05.2010, 15:09 Uhr · 26 Antworten · 1.420 Aufrufe

  1. #1
    Avatar von DZEKO

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    "Da sind Zusammenhänge nicht erkannt worden"

    Mit dem Abkommen von Dayton endeten vor 15 Jahren die jugoslawischen Sezessionskriege. Bis heute ist jedoch kaum bekannt, wie eng die deutsche und die jugoslawische Geschichte miteinander verstrickt sind. Der langjährige ARD-Korrespondent und Buchautor Ulrich Schiller spricht mit Cicero Online über bisher wenig beachtete Hintergründe des Balkan-Konflikts und das lange umgangene Thema der deutschen Mitverantwortung.


    Was hat Sie dazu bewogen, 15 Jahre nach den Balkankriegen ein Buch über die deutsch-kroatischen Beziehungen zu schreiben?

    Vor etwa 3 Jahren erhielt ich das Buch eines früheren Studienfreunds. Er hat die ganze Katastrophe, die im Sommer 1941 über die Serben in der Herzegowina hereinbrach, beschrieben: von den KZs bis zu den grausamen Ermordungen in den Karstgruben. Ich begann mich zu fragen: Wie ist es dazu gekommen, wer waren die Leute, die sich Ustaša nannten? Und warum diese Leute nicht zur Rechenschaft gezogen wurden, wie die Nazis. Die meisten sind emmigriert und haben ihr Unwesen weiter getrieben. Ich habe mich dann gefragt, was davon geblieben ist. Natürlich kann man den heutigen Staat Kroatien nicht direkt mit dem Ustaša-Staat in Verbindung bringen. Aber Franjo Tudjman, der erste kroatische Präsident nach dem Zerfall Jugoslawiens, hat das Gedankengut der Ustasa, zum Beispiel die Vision eines Großkroatiens, aufgegriffen und dafür gesorgt, dass Kroatien fast serbenfrei wurde. Vor allem war er besessen von einer Teilung Bosniens - ein Auslöser des Balkankriegs.

    Vor diesem Hintergrund: Inwiefern müssen wir Deutschen unser geschichtliches Verhältnis zum Balkan und unsere frühere Balkanpolitik nochmal aufarbeiten?

    Erstens: Es war damals das Nazi-Reich, das Kroatien in den Faschismus gestürzt hat. In Kroatien selber war der Faschismus in der öffentlichen Meinung präsent, aber die Ustaša wären nie an die Macht gekommen, wenn Hitler und Mussolini sie nicht dort installiert hätten. Die Nazis haben den Grundstein gelegt für das, was dann als Völkermord an Serben, Juden und Roma in die Geschichte eingegangen ist. Der zweite Aspekt: Unsere Bundesregierung hat 1990/91 die Ängste der Menschen, die sich damals wiederbelebten, als Tudjman den Serben in Kroatien nur noch den Minderheitenstatus einräumte, unterschätzt. Wir haben zu wenig gewusst und als die Balkankriege 1991 ausbrachen, gab es ein großes Rätselraten, was sich hier eigentlich abspielt und was die Hintergründe wären. Es ist oft nicht das Richtige erkannt worden.

    Warum gibt es in Deutschland kein Bewusstsein für die kroatischen Aggression gegen die Serben und vor allem für die deutsche Mitverantwortung?

    Das ist eine Frage, die ich nicht mal selbst einhundertprozentig beantworten kann. Tatsache ist aber, dass der Faschismus von Hitler-Deutschland nach Kroatien gebracht worden ist. Hitler hat Jugoslawien zerschlagen, als die Serben 1941 gegen den Dreierpakt geputscht haben. Das Ustaša-Kroatien, diese faschistische Gruppe kam aus dem italienischen Exil und bekam die Macht übertragen, folgte dann dem Dritten Reich: es gab Judenverfolgungen und Verfolgung Andersdenkender, sowie KZ-Lager. Ustaša-Faschisten reisten nach Oranienburg, um sich das KZ anzusehen und nach diesem Vorbild Jasenovac, das berüchtigte Auschwitz des Balkans, aufzubauen. Über die Unterdrückung von Minderheiten konnten sie z.B. von Heydrich viel lernen. Hitler selbst hat den kroatischen Führer Ante Pavelic auf dem Obersalzberg zu einer harten Nationalitätenpolitik inspiriert. Das wurde dann auch gründlich vollzogen. Der nationale Wille zur Selbstständigkeit hat in der Geschichte viele Ausprägungen erfahren und hat oft zu nationalistischem Extremismus geführt. Nach dem 2. Weltkrieg schlug er um in nackten Terrorismus.

    Lange vor dem Zusammenbruch Jugoslawiens hat sich der Nationalismus in der kroatischen Emigration widergespiegelt. Wieso hatte man hier kein Gespür dafür?

    Zu Zeiten des Kalten Krieges hatte sich alles verbunden, was antikommunistisch war. Durch die Asylpolitik, vor allem in Bayern, kamen unglaublich viele kroatische Emigranten in die BRD, nur mit dem Ziel, ihre nationalistischen Zielezu verfolgen. Mit Hilfe der Kroaten im Ausland hoffte man, Titos Jugoslawien zerstören zu können – in Kanada, Schweden und bei uns.
    Dass es bei uns lange toleriert wurde, ist erstaunlich. Denn das erste Attentat passierte 1962 in Godesberg: Die dortige jugoslawische Vertretung wurde von 26 jungen Kroaten überfallen, der Hausmeister erschossen. Danach folgte eine Serie von Anschlägen, z.B auf jugoslawische Konsuln, die der jugoslawische Geheimdienst mit Gegenschlägen beantwortete. Die BRD der 70er und 80er Jahre war das Schlachtfeld der jugoslawisch-kroatischen Auseinandersetzung.

    Auch die spätere deutsche Politik von Genscher und Kohl hat sich verschätzt, beispielsweise mit der frühen Anerkennung der Eigenständigkeit Kroatiens.

    Völlig richtig. Franjo Tudjman, 1990 der erste Präsident Kroatiens, stufte die Serben der Krajina zur Minderheit herab und nahm ihnen den Status eines konstitutiven Staatsvolkes. Die kroatischen Serben witterten dann die erneute Gefahr der Verfolgung wie unter dem Ustaša-Faschismus. Angst griff um sich. Milosevic hat sie angefeuert und unterstützt. Diese Zusammenhänge sind nicht erkannt worden, sonst hätte man Tudjman die Anerkennung des unabhängigen Kroatiens nicht so leicht gemacht.

    Das Bild von der alleinigen serbischen Aggression muss revidiert werden?

    Ja. Tudjman hat seinen Anteil an Kriegsschuld. Es hat kein Srebrenica in diesem Umfang gegeben, aber z.B ein fürchterliches Gemetzel im bosnischen Ahmici oder kroatische KZs in Bosnien.

    Warum wohl haben Kohl und Genscher nicht angemessen reagiert?

    Weil sie immer davon überzeugt waren, dass der größere Feind in Serbien bei der JVN (Jugoslawische Volksarmee) sitzt, die noch aus der Tito-Zeit stammte und von serbischen Offizieren bestimmt wurde. Und die Gefahr wurde natürlich dadurch illustriert, dass die Serben bei Kriegsausbruch 1991 mit voller Wucht in Kroatien zugeschlagen haben. Es kam bei Kohl und Genscher noch ein erschwerender Umstand hinzu, der oft nicht mehr erwähnt wird: Tudjman hat beiden in Bonn schon am 18.7.1991 erklärt, dass Bosnien zwischen Kroatien und Serbien geteilt werden müsse. Das konnte damals nur den Krieg bedeuten.

    Also ein altes Ressentiment?

    Es war ein altes Schema der Ost-West-Konfrontation: das katholische Kroatien zählte zum Westen, und war in dessen Augen auf dem Wege in die Demokratie. Das orthodoxe Serbien dagegen war ein postkommunistisches Land. Diese Ost-West-Frontstellung entsprach genau dem Muster des Kalten Krieges. Vielleicht muss man noch hinzufügen: 1991 hatte die Bundesregierung natürlich noch die Wende im Kopf. Auf dem Balkan kannte man sich nicht genügend aus und hat Entscheidungen gefällt, die sich fürchterlich auf den bosnischen Kriegen ausgewirkt haben.

    Wie Deutschland ist auch die katholische Kirche in die geschichtlichen Zusammenhänge verstrickt...

    Die katholische Kirche in Kroatien hat sich in einer militanten Weise als Schutzmauer der Christenheit gegen Byzanz und die orthodoxe östliche Welt verstanden. Unter diesem Vorzeichen hat sie die Machtergreifung der Ustasa-Faschisten von Hitlers Gnaden betrachtet. Ein Großteil des kroatischen Klerus hat die Ustasa unterstützt. Der damalige Papst Pius XII muss von den Massakern gewusst haben. Denn als die Serbenverfolgung in der Herzegowina im Sommer 1941 einsetzten, informierte der Bischof von Mostar den Zagreber Erzbischof Stepinac über die Ermordung von Menschen, die lebendig in Karstgruben geworfen wurden. Der hat das weitergegeben, der muss Papst informiert gewesen sein. Er wusste Bescheid über die grausamen Methoden, mit denen gegen die orthodoxen Serben vorgegangen wurde. Bei Kriegsende suchten dann die Ustasa-Führer ihr Heil in der Flucht und wurden dabei in entscheidender Weise vom katholischen Klerus und von Teilen des Vatikans unterstützt. Der kroatische Führer Ante Pavelic, einer der größten Kriegsverbrecher, konnte so ungeschoren nach Argentinien entkommen.

    Könnte der heutige Papst etwas zur Aufarbeitung beitragen?

    Er müsste erstmal auf die Idee kommen, Pius XII nicht selig zu sprechen, das wäre ein Signal.
    Wichtiger ist aber, dass die Differenzierung der katholischen Kirche in Kroatien langsam begonnen hat. Kardinal Bozanić, das Kirchenoberhaupt, ist zum ersten Mal im KZ Jacenovac gewesen und hat dort gefordert, die Wahrheit müsse ans Licht kommen. Er steht damit allein da, denn es gibt auch andere Stimmen, die nach wie vor Kritik an der kroatischen Vergangenheit mit Hochverrat gleichsetzten.

    Wie ist die Wahl des Sozialdemokraten Ivo Josipovic zum neuen Präsidenten im Januar zu bewerten?

    Mit seiner Wahl greift nun ein Umdenken um sich. Er hat den Mut, Dinge auszusprechen, die bisher als Unerhört und Ungesagt gelten mussten. Beispielsweise war er in Sarajewo und hat sich für das, was die Soldaten Tudjmans in Bosnien angerichtet haben, entschuldigt. Nach wie vor geht aber noch ein Zwiespalt durch die kroatische Gesellschaft, der Außenminister der ehemaligen Tudjman-Partei HDZ widersprach ihm: es habe keine kroatische Aggression in Bosnien-Herzegowina gegeben und man habe nie vor gehabt, das Land zu teilen. In der innerkroatischen Diskussion spitzen sich die Dinge in starkem Maße zu.

    Wie ist die HDZ, die Partei Tudjmans, heute einzuschätzen?

    Seit dem Ministerpräsidenten Ivo Sanader wollen alle nach Europa und arbeiten dafür z.B. auch mit dem Den Haager Tribunal zusammen. Sanader war es ja auch der General Gotovina bei der Ergreifung des Generals entscheidend mitgeholfen hat. Aber in anderen Fragen bleibt die Partei noch der Richtung Tudjmans verbunden. Das ist der Zwiespalt: eine konservative Partei, die sich mit der Vergangenheit möglichst wenig beschäftigen, aber doch nach Europa will. Wer aber dazu gehören will, muss den Mut haben, zu eigenen Verfehlungen zu stehen.

    Gibt es die Gefahr, dass nationalistische Gedanken noch Anklang finden?

    Die Bevölkerung in den Städten ist sicherlich nicht anfällig – der neue Präsident Josipovic ist mit 60% gewählt worden. Wie lange das noch dauert, ist schwer zu sagen, es ist natürlich auch eine Generationenfrage. Die jungen Leute wollen nach Europa und an sich nur noch wenig mit der Vergangenheit zu tun haben. Dennoch müssen sie aufgeklärt werden, denn was bisher als Geschichtsunterricht in den Schulen geboten wurde, war historischer Revisionismus. Zum Beispiel wurde die Zahl der Toten der Ustaša-Herrschaft heruntergespielt. Es müssen noch Anstrengungen gemacht werden, den jüngeren Generationen ein Geschichtsbild zu vermitteln, das einigermaßen den Tatsachen gerecht wird.

    Mit Blick auf Kroatiens EU-Kandidatur: Gibt es etwas, was Sie der europäischen oder auch der deutschen Politik empfehlen würden?

    Wenn wir Europa zusammenführen und erweitern wollen, kann es nicht nur darum gehen, dass wir eine Währungsunion haben, sondern es sollte auch eine Wertegemeinschaft sein. Dazu gehört nach meinen Erwägungen die Verantwortung für die Vergangenheit, die von jeder Generation übernommen werden muss, egal ob sie dabei war oder die Folgen zu tragen hat. Da habe ich entscheidende Versäumnisse gesehen, auf kroatischer wie auf der deutschen Seite.

    Cicero - Magazin für politische Kultur

  2. #2
    Avatar von BlackJack

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    hmm, sehe da nicht viel Neues für ein ganzes Buch aber na ja ...

    Es sollte jedem klar sein, dass Deutschland von Anfang an (vermutlich schon nach WKI) eine klar Anti-Serbische und Anti-Jugoslawische Politik betrieben hat, bis zuletzt. Insbesondere die Rot-Grüne Regierung hat später alle Hemmungen fallen lassen, in Worten wie in Taten.

    Ich kann mich noch als Kind erinnern, als in "offiziellen" Nachrichten Jugoslawien immer und bewusst als "Vielvölkerstaat" bezeichnet wurde, darin schwang schon die deutsche Vermutung mit, das sei etwas widernatürliches.

  3. #3

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    Zitat Zitat von BlackJack Beitrag anzeigen
    hmm, sehe da nicht viel Neues für ein ganzes Buch aber na ja ...

    Es sollte jedem klar sein, dass Deutschland von Anfang an (vermutlich schon nach WKI) eine klar Anti-Serbische und Anti-Jugoslawische Politik betrieben hat, bis zuletzt. Insbesondere die Rot-Grüne Regierung hat später alle Hemmungen fallen lassen, in Worten wie in Taten.

    eine klar Anti Serbische Politik .......? innerhalb oder ausserhalb Serbiens ?

    Zitat Zitat von BlackJack Beitrag anzeigen
    Ich kann mich noch als Kind erinnern, als in "offiziellen" Nachrichten Jugoslawien immer und bewusst als "Vielvölkerstaat" bezeichnet wurde, darin schwang schon die deutsche Vermutung mit, das sei etwas widernatürliches.
    und jetzt muss du als Serbe in die Hosen scheissen....?

  4. #4

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    Man meint gerade der Typ hat Geld bekommen aber sicher keine Dinar

  5. #5
    Avatar von DZEKO

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    Zitat Zitat von Metkovic Beitrag anzeigen
    Man meint gerade der Typ hat Geld bekommen aber sicher keine Dinar

    hab ich auch gedacht.

  6. #6
    Avatar von GOJIM

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    Zitat Zitat von DZEKO Beitrag anzeigen
    hab ich auch gedacht.


    ey dzeko kannst du bitte für mich kurz zusammen fassen was da steht, ich versteh nähmlich kein serbo-kroatisch.^^

  7. #7
    Avatar von DZEKO

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    Zitat Zitat von DaDDy Beitrag anzeigen
    ey dzeko kannst du bitte für mich kurz zusammen fassen was da steht, ich versteh nähmlich kein serbo-kroatisch.^^

    pisi srpski da te ceo svet razume

  8. #8
    Avatar von BlackJack

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    Zitat Zitat von Metkovic Beitrag anzeigen
    eine klar Anti Serbische Politik .......? innerhalb oder ausserhalb Serbiens ?
    leck mich


    und jetzt muss du als Serbe in die Hosen scheissen....?
    Ich bin kein Serbe du Arsch, und nicht jeder Kroate ist so ein Jammerlappen wie du

  9. #9
    Avatar von BlackJack

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    Zitat Zitat von DaDDy Beitrag anzeigen
    ey dzeko kannst du bitte für mich kurz zusammen fassen was da steht, ich versteh nähmlich kein serbo-kroatisch.^^
    ist nix für dich, tue der Welt einen Gefallen und bleib beim Koran

  10. #10
    kaurin
    Der Herr Schiller hat doch einiges gut erkannt.

    Werde mir sein Buch mal näher anschauen.

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